Deutschlands Schlüsselspiel gegen die Dänen Willenskraft und eine geile Taktik

Gegneranalyse, System festlegen: So läuft die Spielvorbereitung bei Bundestrainer Christian Prokop grob ab. Doch reicht eine gute Strategie im Handball aus? Oder ist es der Teamgeist, der den Erfolg bringt?

Finn Lemke
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Finn Lemke

Von Anna Paarmann


Der Sieg gegen Tschechien war ein Kraftakt. Die deutschen Handballer kamen im Angriff lange nicht in Form, einzig ein starker Silvio Heinevetter hielt die "Bad Boys" im Spiel. Vor dem Start der Handball-EM hatten Experten der DHB-Auswahl mit Montenegro, Slowenien und Mazedonien eine vergleichsweise leichte Gruppe prophezeit. Am Ende hat es nur zu zwei Remis und einem Sieg gereicht. Ein solider Durchmarsch in die Hauptrunde sieht anders aus.

Die Probleme der deutschen Mannschaft wurden mit einer Kurskorrektur von Christian Prokop deutlich: Der Bundestrainer holte nach dem zweiten Vorrundenspiel Finn Lemke zurück. Den Abwehrriesen hatte er im Vorfeld des Turniers überraschend aus dem Kader gestrichen, die Entscheidung mit einer taktischen Idee begründet. Er wollte keine Spezialisten, sondern gleichwertige Angriffs- und Abwehrspieler.

Seit Lemke dabei ist, steht die Abwehr besser. Er gibt dem Team im Innenblock Sicherheit. Und die benötigt Deutschland vor allem am Abend gegen Olympiasieger Dänemark (18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD, hier finden Sie den Spielplan). Die Partie ist richtungsweisend, der Sieger hat beste Chancen, das Halbfinale zu erreichen. Doch gegen Top-Stars wie Mikkel Hansen braucht es eine Top-Leistung, das Vorrundenniveau dürfte nicht reichen. Vielleicht entscheidet am Ende auch die Entschlossenheit des Teams über den Erfolg. Oder die Taktik?

Handball-EM, Hauptrunde, Gruppe II

Platz Nation Spiele Tore Diff. Punkte
1. Dänemark 5 140:123 17 8
2. Spanien 5 142:118 24 6
3. Tschechien 5 113:131 -18 5
4. Slowenien 5 134:133 1 4
5. Deutschland 5 124:126 -2 4
6. Mazedonien 5 114:136 -22 3

Dass eine auf den Gegner ausgerichtete Strategie spielentscheidend sein kann, haben Frankreichs Frauen jüngst beim WM-Finale 2017 bewiesen. Die Norwegerinnen mit ihren Hochgeschwindigkeitspässen waren die klaren Favoriten. Doch der französische Nationaltrainer hatte eine Taktik: Er stellte eine Spielerin an die Spitze und stoppte so das gefährliche Tempospiel. Die Belohnung: Frankreich wurde Weltmeister.

Taktik ist aber nicht der einzige Faktor. Mit dem überraschenden EM-Sieg der Deutschen 2016 gibt es einen Erfolgsfall, der oft mit Kampfgeist und geschlossenem Auftreten erklärt wird. Dagur Sigurdsson hatte eine junge Truppe in kürzester Zeit zu einem Team zusammengeschweißt. Im Endspiel gegen Spanien ließ Torhüter Andreas Wolff, unterstützt von einer starken Abwehr, nur 17 Tore zu und damit die wenigsten in der Geschichte eines EM-Finales.

Was ist nun erfolgsentscheidend im Handball? Taktik oder Teamgeist? Wir haben bei zwei Trainern aus dem Amateurbereich nachgefragt.

  • Gerd Lawrenz, er hat in 37 Jahren Mannschaften in der Regionalliga und 2. Bundesliga betreut, stellt Taktik über alles.
  • Marcel Manke, 39, sagt, dass Teamgeist eine große Rolle spielt, "vor allem wenn es darum geht, Schwierigkeiten zu kompensieren".
Gerd Lawrenz (links) und Marcel Manke
Hans-Juergen Wege

Gerd Lawrenz (links) und Marcel Manke

Faktor: Spielvorbereitung

"Man kann jeder schwierigen Situation selbstbewusst entgegentreten, wenn man sich vorher ausreichend Gedanken macht", sagt der 70 Jahre alte Lawrenz. Handball sei ein taktisches Unterfangen mit zentralen Fragen in der Spielvorbereitung: "Wie stelle ich mich gegenüber dem Gegner auf? Was tut er dagegen? Und wie reagiere ich darauf?"

Ist ein Spieler bekannt dafür, dass er mindestens zehn Tore wirft, greift Lawrenz auf eine Manndeckung zurück. Kommt ein Gegner stets über Tempogegenstöße zum Abschluss, verlangt der Trainer von seinem Team, den Ball möglichst lange und sicher zu spielen. "Ein Ballverlust kommt einem Tor gleich", sagt Lawrenz. Alles Taktik.

Prokop analysiert jede Nation genau, die spielfreien Tage nutzt er, um sein Team auf den nächsten Gegner einzustellen.

Faktor: Willensstärke

Dass es in einem Mannschaftssport wie Handball auch auf den Zusammenhalt ankommt, möchte Lawrenz nicht bestreiten. "Dennoch würde ich Teamgeist nicht über Taktik stellen, auch mit einem guten Teamgeist werden Spiele verloren."

Marcel Manke ist kein Gegner einer guten Taktik, er sagt aber, dass die Willensstärke bei dem Aufeinandertreffen von zwei spielerisch gleich starken Mannschaften erfolgsentscheidend ist. Gegen eine gefestigte Mannschaft könne ein Trainer eine "noch so geile Taktik" haben. "Damit bekommt man nur selten Unruhe ins gegnerische Team."

Auch ist er davon überzeugt, dass eine Mannschaft nur dann taktische Elemente erlernen kann, wenn der Teamgeist stimmt. "Die nebeneinander liegenden Positionen müssen harmonieren." Wichtig sei dabei vor allem die Gewissheit, dass man gemeinsam alles gewinnen kann - egal, wer da kommt.

Mit Blick auf die aktuelle EM sagt Manke, dass Teamgeist auch dann gefragt ist, wenn eine Mannschaft hinten liegt. Die Auswahl von Prokop musste sich schon oft zurück ins Spiel kämpfen. "Nur eine geschlossene Truppe kann dafür sorgen, dass keiner den Kopf verliert." Und wenn doch mal einer aus der Reihe tanzt? "Dann hat der Trainer hoffentlich eine gute Taktik."

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