Handballer gegen EM-Überraschung Tschechien Prokops Endspiel

Die Torhüter in der Formkrise, die Angreifer ohne Tempo, angeblich meuternde Spieler: Deutschlands Handballer haben vor dem EM-Duell gegen Tschechien viele Probleme. Ist Trainer Prokop schon gescheitert?

Christian Prokop
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Die Ausgangslage

Die deutsche Nationalmannschaft ist mit nur zwei Punkten aus der Vorrunde in die Hauptrunde der Handball-Europameisterschaft eingezogen. Das ist wenig, denn nur die ersten zwei von sechs Teams erreichen die Runde der letzten Vier. Allerdings hat die DHB-Auswahl Glück: Die kommenden Top-Gegner Spanien und Dänemark sowie Außenseiter Tschechien konnten ebenfalls nur zwei Punkte aus der ersten Runde mitnehmen, so dass die Ausgangslage vor dem ersten Hauptrundenduell der Deutschen gegen Tschechien (18.15 Uhr, TV: ZDF; Liveticker SPIEGEL ONLINE, hier finden Sie den Spielplan) zumindest keine Katastrophe ist.

Handball-EM, Hauptrunde, Gruppe II

Platz Nation Spiele Tore Diff. Punkte
1. Dänemark 5 140:123 17 8
2. Spanien 5 142:118 24 6
3. Tschechien 5 113:131 -18 5
4. Slowenien 5 134:133 1 4
5. Deutschland 5 124:126 -2 4
6. Mazedonien 5 114:136 -22 3

Sollte Deutschland die EM-Überraschung am Abend nicht besiegen, ist das Turnier für den Titelverteidiger aber so gut wie sicher nach der Hauptrunde beendet. Gegen Tschechien ist das Team klarer Favorit, auch wenn der Gegner Dänemark schlug und mit Ondrej Zdráhala den erfolgreichsten Torjäger der Vorrunde (25 Treffer) in seinen Reihen hat. Um die Verhältnisse zu verdeutlichen: Tschechien war vor Turnierstart bei verschiedenen Buchmachern der absolute Außenseiter, im Powerranking von SPIEGEL ONLINE stuften wir das Team auf Platz 15 von 16 EM-Teilnehmern ein - und Top-Angreifer Zdráhala spielt nur in der international bedeutungslosen Schweizer Liga bei St. Gallen. Spanien gewann gegen Tschechien am ersten Spieltag 32:15.

Die Rolle des Bundestrainers

Christian Prokop hatte mit der überraschenden Nicht-Nominierung von Stabilisator Finn Lemke vor dem Turnierstart für Unruhe gesorgt - und sich einem enormen öffentlichen Druck ausgesetzt. Frühere Spieler wie Daniel Stephan kritisierten die Maßnahme.

Die taktische Idee hinter Prokops Entscheidung war nachvollziehbar. Allerdings führte sie zu einer Schwächung des Teams. Der Bundestrainer hat den sportlichen Stellenwert Lemkes nun erkannt, dessen Rückkehr vor dem Mazedonien-Spiel (25:25) sorgte für Stabilität in der Abwehr.

Alles wieder gut? Nein. Stephan kritisiert weiter, und es kommen unterschiedliche Auffassungen in taktischen Fragen zwischen Bundestrainer und Mannschaft dazu. Zwei davon wurden öffentlich:

  • Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek, Deutschlands Innenblock, haben in der Halbzeitpause gegen Slowenien eine taktische Veränderung innerhalb der Abwehr festgelegt - ohne Absprache und gegen die Vorgabe des Bundestrainers.
  • Im entscheidenden letzten Angriff im letzten Vorrundenspiel gegen Mazedonien entschied sich Philipp Weber gegen den im Timeout besprochenen Spielzug. Seine Idee, mit einem Querpass auf die rechte Seite für einen überraschenden Moment zu sorgen, scheiterte dann fatal.

Ist das Meuterei gegen Prokop? Oder handelt es sich um gängige Praktiken im Handball?

Zumindest lässt es Prokop schlecht aussehen, wenn sich Spieler über seine Vorgaben hinwegsetzen. Allerdings verändern sich die Spielsituationen im Handball ständig und oft hängt es von den Profis ab, selbst Entscheidungen zu treffen. Dann ist Spielintelligenz gefragt. Im Fall Weber sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning: "Das war die allerschlechteste Entscheidung, die wir treffen konnten."

Ein stärkerer Kritikpunkt an Prokop ist die Spielvorbereitung. In den Duellen gegen Slowenien (25:25) und Mazedonien wirkte die deutsche Mannschaft schlecht eingestellt, und sie ließ sich von der Taktik des Gegners überraschen. Im Slowenien-Spiel lag die DHB-Auswahl fast die gesamte erste Hälfte mit mehreren Toren zurück. Auch mit Mazedonien - das mit dem siebten Feldspieler permanent Druck ausübte und dann wieder das Tempo verschleppte - schien die Mannschaft überfordert. Prokop gelingt es bisher nicht, seinem gut besetzen Kader eine passende Spielidee zu vermitteln.

Julius Kühn
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Julius Kühn

Die Enttäuschungen

Vor allem im Offensivspiel fehlt es dem Team an Tempo und Ideen. Zwei Akteure stehen symbolisch für die Angriffsschwäche: Julius Kühn gehört zu den Top-Spielern der Bundesliga. In der aktuellen Saison ist der Rückraumspieler aus Melsungen mit 119 Toren viertbester Schütze. Stefan Kretzschmar sagte vor dem Turnier, der 24-Jährige sei ein kommender Weltstar. Davon ist bisher nichts zu sehen. Kühn erzielte erst vier Treffer und spielt mit nur 33 Minuten Einsatzzeit (Top-Wert: Uwe Gensheimer, 143 Minuten) eine Nebenrolle. Hoffnungsträger Philipp Weber enttäuscht ebenfalls. Ihm gelingt es nicht, im Rückraum Druck auszuüben. Der Leipziger steht zudem bei einer Wurfeffizienz von nur 47 Prozent (acht Tore aus 17 Würfen) - ein schwacher Wert.

Die Torhüter

Ohne Silvio Heinevetter hätte die deutsche Mannschaft wohl zwei Niederlagen auf dem Konto. Gegen Slowenien war es seiner schnellen Reaktion zu verdanken, dass die Schiedsrichter das regelwidrige Blocken der Slowenen beim Anwurf per Videobeweis überprüfen ließen. Gegen Mazedonien rettete er die DHB-Auswahl mit einer Glanztat Sekunden vor dem Abpfiff vor einer Pleite.

Silvio Heinevetter mit Glanztat
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Silvio Heinevetter mit Glanztat

Damit sind die Erfolgserlebnisse der deutschen Torhüter erzählt. Bisher sind ausgerechnet sie, das angebliche beste Duo der Welt, kein Faktor. Heinevetter und Andreas Wolff kommen aktuell nur auf eine Abwehrquote von 31 Prozent, im Vergleich aller eingesetzten EM-Torhüter reicht dieser Wert nicht einmal für die Top Ten. Vor allem Wolff ist damit weit von seiner sensationellen EM-Form 2016 entfernt. Das hat sich angedeutet. Im Verein beim THW Kiel ist der Keeper umstritten und teilweise nur zweite Wahl hinter Niklas Landin.

Gibt es am Abend keinen Sieg, wird wohl kaum einer auf die Formkrise der Torhüter hinweisen. Dann dürfte allein Christian Prokop im Mittelpunkt stehen. Auch wenn nicht jede Kritik am Bundestrainer gerechtfertigt sein wird.

insgesamt 14 Beiträge
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leiendeu 19.01.2018
1. Prokop
....ist engstirnig und hat keinen Plan B. Lemke, der beste Abwehrspieler, nachnominiert - Kühn, der beste Halbe, falsch oder gar nicht eingesetzt. Laufspiel und Einsatz der Außen findet kaum statt. Gegen Spanien und Dänemark geht's richtig nach unten, weil die Mannschaft einfach auszurechnen ist. Tschüss, Prokop - du hast es versaut.
WeyrichderErste 19.01.2018
2.
'2 Punkte: Das ist eigentlich zu wenig, um eine Chance auf das Halbfinale zu haben." ??? Unzutreffend! Vor einigen Jahren kam Polen mit NULL Punkten bei gleichem Modus in die Hauptrunde, gewann dort alle drei Spiele und erreichte noch das Halbfinale. Bei der derzeitigen Konstellation können sogar zwei Siege reichen. Das Turnier beginnt erst jetzt so richtig! Zudem empfinde ich es als schade, dass viele Medienvertreter ohne Not ein Missverhältnis zwischen Trainer und Team herbei schreiben.
yoda56 19.01.2018
3. Die 2 Punkte sind nicht das Problem.
Das Problem scheint der (vielleicht doch zu junge?) Bundestrainer zu sein - er wirkt fahrig und nervös, die Mannschaft über gewisse Strecken des Spiels wie gehemmt. Spiele werden in der Abwehr gewonnen, das ist die Hoffnung, die ich habe - mit der Rückkehr von Finn (ein dilettantischer Fehler von Prokop, ihn zunächst nicht zu nominieren und eigentlich auch eine Frechheit, ihn erst nach Teneriffa reisen zu lassen) könnte es besser werden - heute Abend wissen wir mehr - trotz aller Kritik: DAUMEN DRÜCKEN!
ed_knorke 19.01.2018
4. 4. Auf gehts
Die Fehler in der Abwehr gegen hammerstarke Slowenen wurden innerhalb von 2 Tagen erfolgreich korrigiert. Natürlich auch durch die Nachnominierung von Finn. Wenn es genauso schnell gelingt das Umschalt- und Angriffsspiel zu verbessern bin ich optimistisch dass sich die Bad Boys völlig anders präsentieren. Etwas mediale Unterstützung fände ich besser als das permanente Schlechtreden durch Altinternationale und Pseudoinsider. Bitte lasst doch den Trainer arbeiten! Ich freue mich auf weitere spannende Spiele.
_derhenne 19.01.2018
5.
Ich verstehe die Diskussion um den Trainer zum aktuellen Zeitpunkt nicht. Wäre die Torwartleistung auf vernünftigen Niveau, so wie man es in Deutschland sonst eigentlich gewohnt ist, dann stünde man super da und es gäbe Euphorie. Die Medien sollten sich zurückhalten.
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