Deutschland vor dem EM-Finale "Wir sind der Underdog, das liegt uns"

Die deutschen Handballer wollen ihr Wintermärchen krönen. Im Endspiel der Europameisterschaft treffen die Deutschen auf die starken Spanier, haben aber einen Vorteil.

DPA

Aus Krakau berichtet Michael Wilkening


Julius Kühn stand am Samstag ganz entspannt mitten in der Tauron-Arena in Krakau. Neben ihm ragten die steilen Tribünen empor, doch der Rückraumspieler des VfL Gummersbach wirkte dagegen nicht mickrig. Kühn strahlte Größe aus, die Schultern breit, die Haltung aufrecht. Der 22-Jährige symbolisierte perfekt die Stimmung in der deutschen Mannschaft, die sich heute zum Handball-Europameister krönen kann. Im Endspiel (17.30 Uhr, ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) treffen die Deutschen auf Spanien.

Kühn war erst am vergangenen Montag zur Mannschaft nach Polen gestoßen, nachdem sich Christian Dissinger verletzt hatte. Im dramatischen Halbfinale gegen Norwegen, das die Auswahl des deutschen Handballbundes (DHB) 34:33 nach Verlängerung gewann, war Kühn ein ganz wichtiger Faktor. Mit vier Treffern in der zweiten Halbzeit manövrierte er die Deutschen durch eine schwere Phase und verhinderte, dass sich die Norweger entscheidend absetzen konnten. Ohne Nervenflattern wuchs der Gummersbacher zu einem Matchwinner empor.

"Uns kann jetzt nichts mehr aufhalten"

Vor dem Endspiel heute trägt Kühn das Selbstvertrauen wie selbstverständlich vor sich her: "Uns kann jetzt nichts mehr aufhalten", sagte der wurfgewaltige Halblinke, der keinen Zweifel kennt und den Konjunktiv aus seinem Wortschatz gestrichen hat. Schnell hat der Nachrücker das Credo des Teams übernommen, das bislang gut damit gefahren ist.

Zum ersten Mal seit 2007 steht eine deutsche Mannschaft im Endspiel eines bedeutenden Turniers, verfügt über eine Ansammlung unerfahrener Spieler und wirkt trotzdem nicht nervös. Die ganz große Lockerheit aus der ersten Woche des Turniers ist inzwischen verflogen, aber bislang schafften es die Spieler, die Bedeutung dessen, was sie geleistet haben und noch erreichen können, nicht an sich herankommen zu lassen.

Psychologische Unterstützung erhielt die DHB-Auswahl von ihrem Kontrahenten. Die Spanier nahmen nach ihrem überzeugenden Erfolg im Halbfinale gegen Kroatien (33:29) aus eigenem Antrieb die Rolle des Favoriten an. "Wir waren bei den letzten Turnieren immer im Halbfinale. Jetzt wollen wir uns mit einem Titel belohnen", sagte Joan Cañellas. Die Spanier, die Deutschland im ersten Spiel des Turniers 32:29 geschlagen hatten, sind die schwierigste Aufgabe, denn die Iberer verfügen wie die Deutschen über einen großen Teamgeist, außerdem über Erfahrung in Endspielen und individuelle Qualität.

Uhr tickt gegen die Spanier

Cañellas versuchte deshalb, dem Gegner einzureden, dass dessen Zeit noch nicht gekommen sei. "Die Deutschen haben eine sehr junge Mannschaft, sie können warten." Der Mann vom THW Kiel weiß, dass im Gegensatz dazu die Uhr gegen das eigene Team tickt. Abwehrchef Gedeón Guardiola sprach dies offen aus. "Wir sind die alten Männer, bei uns liegt mehr Druck", sagte der Kreisläufer des Bundesliga-Tabellenführers Rhein-Neckar Löwen.

Dagur Sigurdsson kann es nur gefallen, dass er sich mit seinen Spielern in die Rolle des Außenseiters begeben kann. "Wir sind der Underdog, und das liegt uns", sagte der Bundestrainer. Insgesamt wirkte der Isländer deutlich gelöster als in den Tagen zuvor. Sigurdsson vertraut seiner Mannschaft und weiß, dass sie nur gewinnen kann. Eine Medaille hat das Team schon sicher und die Qualifikation für die Weltmeisterschaft ist Deutschland nicht mehr zu nehmen.

Auch im Fall einer Niederlage würden Mannschaft und Trainer von der Öffentlichkeit gefeiert. "Die Vorfreude bei uns allen ist riesengroß", sagte Sigurdsson. Auch er stand auf dem Feld der Tauron-Arena, wo heute der EM-Titel gefeiert werden soll. Die jungen Wilden wollen die alten Männer überrennen.

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SwissMatthias72 31.01.2016
1. Egal
... wie das heutige Spiel ausgeht. Sie sind jetzt schon Weltmeister der Herzen (jaja, das kennen wir schon von einer anderen Ballsportart und jajaja, ist etwas abgedroschen der Ausdruck). Ich kenne mich im Handball kaum aus, aber ich habe das Spiel gegen Norwegen gesehen und mich hat der Kampfeswille und der körperliche Einsatz extrem beeindruckt. So etwas wünscht man sich manchmal auch von den Jungs, die den Ball mit Fuss spielen :). Alles Gute für heute Abend. Ich schau mir das Spiel auf alle Fälle an und vielleicht geschieht ja doch ein Wunder :). Matthias
RalfHenrichs 31.01.2016
2. Unsympathische Handballer
Zuerst sich die WM-Teilnahme erkauft und die qualifizierten Australier ausgebootet. Jetzt durch unsportliches Verhalten im EM-Finale. Wer fairen Sport liebt, drückt heute Spanien die Daumen.
jujo 31.01.2016
3. ...
Zitat von RalfHenrichsZuerst sich die WM-Teilnahme erkauft und die qualifizierten Australier ausgebootet. Jetzt durch unsportliches Verhalten im EM-Finale. Wer fairen Sport liebt, drückt heute Spanien die Daumen.
Das mit dem unsportlichen Verhalten müßten Sie erklären. Meinen Sie die " Schlußsekunden beim Spiel gegen Norwegen? Das ist doch lächerlich und das "erkaufen" derWM Teilnahme ist keinem der Spieler(!) anzulasten. Zum Thema: Die jungen Spieler spielen in der stärksten Handballiga der Welt mit und gegen die Besten der Besten. Wovor sollen sie Angst haben? Ich drücke Ihnen die Daumen. Vielleicht, oder sogar wahrscheinlich, setzt sich Alter und Turniererfahrung noch einmal durch, Bei Olympia gibt es dann die Revanche.
wx99 31.01.2016
4. Emotionen sind nicht Unsportlich
selbst die Norweger haben erkannt, dass die letzten 3 Sekunden zwar "formal" nicht korrekt waren, dass aber positive Emotionen ein wesentlicher Bestandteilteil dieses spannenden Sports sind und in diesem Fall keinen Einfluss auf das Ergebnis hatten. Daher ist der Vorwurf der Unsportlichkeit hier nicht angebracht!
jakopp.auckstayn 31.01.2016
5. @2
Warum sollten diese Jungs unsympathisch sein?Wenn schon dann hat sich dieses Team in viele Herzen gespielt egal welcher Nationalität.Eine Mannschaft der die Meisten wohl nicht mal das Überstehen der Gruppenphase zugetraut hätten,nachdem bereits im Vorfeld 4 Stammspieler ausgefallen sind.Haben Sie überhaupt ein Spiel der Deutschen oder generell ein Handballspiel bei dieser EM gesehen oder plappern sie nur unbedeutende Sachen nach die aktuell hochgekocht werden?
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