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Handball-EM: Der Held, der vom Sofa kam

Aus Krakau berichtet Michael Wilkening

Kai Häfner: Von der Couch aufs Feld Zur Großansicht
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Kai Häfner: Von der Couch aufs Feld

Vor fünf Tagen verfolgte er die EM noch auf der heimischen Couch, jetzt ist Kai Häfner der Mann, der Deutschland ins Finale geworfen hat. Dabei hätte es eigentlich gar nicht dazu kommen dürfen.

Die deutschen Handballer gewannen im Halbfinale der Europameisterschaft ein Spiel, das sie eigentlich nicht hätten gewinnen dürfen. Und damit ist nicht der in der Sache berechtigte, aber nicht aussichtsreiche Protest der Norweger gemeint.

Sondern die Tatsache, dass die DHB-Auswahl es beim 34:33 nach Verlängerung gegen Norwegen schaffte, sich über die Gesetze ihrer Sportart hinwegzusetzen. Matchwinner war ein Mann, der erst am Montag zur Mannschaft gestoßen war.

Kai Häfner kam erst ganz zum Schluss zu Wort, um seine Emotionen nach dem dramatischen Match zu beschreiben. Der Mann von der TSV Hannover-Burgdorf musste erst noch zur Dopingkontrolle, doch auch eine Stunde nach dem Ende der Begegnung war er noch damit beschäftigt, seine Gefühle zu verarbeiten. "Das ist ein großer, großer Traum, alles noch nicht real. Ich muss mich erst mal kneifen lassen", sagte der Mann, der erst am Montag für den verletzten Kapitän Steffen Weinhold nachnominiert worden war.

Am Sonntag hatte er den Sieg der deutschen Mannschaft über Russland noch von der eigenen Couch aus verfolgt, dabei Jogginghosen getragen und sich wie ein Fan gefühlt. Gestern schoss er das entscheidende Tor fünf Sekunden vor dem Ende der Verlängerung, sein fünftes insgesamt und sein drittes nach Ablauf der regulären Spielzeit. "Ich hatte den Ball in der Hand, da musste ich werfen. Das hat zum Glück funktioniert", sagte Häfner über die letzte Aktion des Spiels.

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Handball-EM: Noch ein Sieg bis zum Titel
"Kai war unglaublich", sagte Teamkollege Hendrik Pekeler später. Akteure, die das Spiel der Mannschaft von Dagur Sigurdsson bislang geprägt hatten, blieben blass, wurden aber von Häfner und dem Kollektiv aufgefangen.

Bisherige Stärken kamen nicht zum Tragen

Eigentlich hätte der Linkshänder nicht zum Helden werden dürfen, denn im Spiel der Deutschen hatte zu viel nicht funktioniert. 60 Minuten lang schien es, als spüre das junge Team zum ersten Mal in Polen zu viel Druck. Im Angriff fehlten Entschlossenheit und Mut, gerade Steffen Fäth und Fabian Wiede wirkten gehemmt, nachdem sie die entscheidenden Figuren beim Sieg über Dänemark zwei Tage zuvor gewesen waren.

Torhüter Andreas Wolff war ebenfalls nicht so ein Faktor wie in den Partien zuvor, sodass die Deutschen beim Stand von 24:26 sechs Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit dem Ausscheiden entgegentaumelten. "Wir haben zum ersten Mal darüber nachgedacht, was wir hier erreichen können", begründete Sigurdsson den hektischen Auftritt seiner Mannschaft.

Bei eigener 27:26-Führung hatten die Norweger wenig später mehrfach die Chance, die emotionale Partie mit einem Treffer zu entscheiden, aber mit etwas Glück retteten sich die Deutschen in die Verlängerung. Gefühlt hätten die Skandinavier das Match gewinnen müssen, das ließen die Sigurdsson-Schützlinge aber nicht zu, sie wehrten sich jetzt gegen das Ende ihres Traums.

Die Sprache von Finn Lemke war militärisch, aber sie verdeutlichte, wie die deutschen Spieler auf dem Feld dachten. Lemke stand in den Katakomben der Tauron-Arena, und ihm war anzusehen, was es bedeutet, im Halbfinale einer EM zu spielen. "Ich habe nur noch daran gedacht, dass hier keiner mehr an mir vorbeikommt. Und als plötzlich Harald Reinkind vor mir stand, wusste ich, dass wir unser Territorium verteidigen müssen."

An diesem Sonntag (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, ARD) können sich die Deutschen im Endspiel gegen Spanien zum Europameister krönen.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Schießen oder werfen?
noalk 30.01.2016
"Gestern schoss er das entscheidende Tor ..." ---- Als ich Handball gespielt habe, hieß das noch "Torwurf" und "ein Tor werfen" und nicht "Torschuss" und "schießen". Hat sich das inzwischen geändert? Kann mich da ein Fachmann aufklären?
2. Schade ...
andreas.hoffmann 30.01.2016
Ich würde mir wünschen, dass in einer vergleichbaren Situation die deutschen Sportfunktionäre keinen Protest eingelegt hätten. Irgendwie wurde durch dieses Handeln der norwegischen Seite ein Spiel entweiht, dass weder Sieger noch Verlierer verdient hätte. Schade, dass Ihr keine besseren Verlierer sein könnt. Trotzdem: Glückwunsch zu dieser tollen Mannschaft
3. unsportliche Norweger
feindsender642 30.01.2016
Sicher hatte Deutschland etwas Glück, das Glück auf Seiten der Norweger war jedoch wesentlich größer. Zum einen profitierten sie deutlich mehr von strittigen Schiedsrichterentscheidungen, zum anderen von unglücklichen Situationen bei Deutschland, Normalerweise hätte Deutschland mit 3-4 Toren Vorsprung gewonnen. Der Protest der Norweger ist daher auch nur als unsportlich zu bezeichnen.
4.
gympanse 30.01.2016
Ich frag mich ja immer, warum in Deutschland der Fußball so dominiert und Handball, Eishockey und andere Teamsportarten nur ein Nischendasein fristen, trotz sportlichen Höchstleistungen und Erfolgen.
5. Wo waren gestern Abend....
klugscheißer2011 30.01.2016
Wo waren gestern Abend in Deutschland die hupenden Autokorsos? Warum flattern keine Fähnchen an den Autos? Wenn die Fußball-Nationalmannschaft mal mit viel Dusel eine Vorrunde übersteht, sendet die ARD einen Brennpunkt und BILD titelt "WIR SIND GOTT". Und nun? Ein paar Interviews mit den Handballern, die sich aufs Finale vorbereiten. Und das war es dann. Schade, dass hierzulande Fußball zu viel und Handball zu wenig Aufmerksam bekommt. Jungs, ich drücke Euch morgen die Daumen!!!
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