Deutschlands Auftaktsieg bei Handball-EM Abgeflogen

Es war nur Montenegro, aber die deutschen Handballer zeigten sich bei der EM mit einem überragenden Torwart formstark. Und wenn Andreas Wolff nicht da war, parierte einfach ein fliegender Feldspieler.

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Flugeinlage des Spiels: Rechtsaußen Patrick Groetzki ist kein Stammspieler mehr, zum EM-Auftakt gegen Montenegro gelang ihm kein Tor. Trotzdem sorgte der Spieler der Rhein-Neckar Löwen für die spektakulärste Szene des Spiels: In der 33. Minute verlor Deutschland in der Offensive den Ball, das eigene Tor war aus taktischen Gründen (siehe unten) verwaist. Groetzki eilte zurück, flog in den Kreis und wehrte eine Bogenlampe aus der Hälfte der Montenegriner in Torwartmanier ab.

Das Ergebnis: Die deutsche Mannschaft gewann souverän 32:19 (17:9).

Erste Hälfte: Bis zur zwölften Spielminute tat sich der Titelverteidiger schwer, was vor allem an der Chancenverwertung lag. Doch dann folgten zehn Minuten ohne Gegentor, das DHB-Team schraubte das Ergebnis mit einem 9:0-Lauf auf 13:3. Danach war Montenegro wieder besser im Spiel, trotzdem ging es mit einer deutlichen 17:9-Führung für Deutschland in die Pause.

Erstes Lehrgeld: Bundestrainer Christian Prokop wurde im Vorfeld der Europameisterschaft für die Zusammenstellung seines Kaders kritisiert. Der meinungsstarke Abwehrchef Finn Lemke wurde nicht nominiert, stattdessen feierten nun Maximilian Janke und Bastian Roschek - beide von Prokops Ex-Klub Leipzig - ihre EM-Debüts. Nach elf Minuten dürften sich Kritiker wie die ehemaligen Nationalspieler Daniel Stephan und Martin Schwalb bestätigt gefühlt haben, denn Janke ging ungestüm in die Zweikämpfe und sah früh zwei Zwei-Minutenstrafen. Janke zahlte Lehrgeld, als er in der Schlussphase zurück auf die Platte durfte und nach der dritten Zeitstrafe auch noch die Rote Karte sah.

Bundestrainer Christian Prokop
REUTERS

Bundestrainer Christian Prokop

Ständige Überzahl: Lemkes Nichtnominierung hat mit Prokops Spielidee in der Defensive zu tun. Der 39-Jährige setzt auf kleinere, beweglichere Abwehrspieler. Ob sich das auszahlt, wird erst der weitere Turnierverlauf zeigen, dafür war Gegner Montenegro einfach zu schwach. Prokop möchte außerdem in der Offensive ständig in Überzahl spielen, Torwart Andreas Wolff verließ seinen Kasten häufig, um in der Offensive einen siebten Feldspieler zur Verfügung zu haben. Selbst wenn montenegrinische Spieler eine Zeitstrafe absaßen, ging Wolff aus dem Tor. Gegen Top-Teams wie Frankreich oder Dänemark könnte das allerdings zu riskant sein.

Der Wolff beißt wieder: Obwohl Keeper Wolff beim THW Kiel seit seinem Wechsel 2016 keine leichte Zeit hatte und in wichtigen Spielen häufig auf der Bank saß, setzt auch Prokop auf den Shootingstar der vergangenen EM. Wolff stand im Tor, biss sich mit zwei frühen Paraden sofort in die Partie und ging erst in der Schlussphase leicht angeschlagen vom Feld. Seine Erfolgsquote: Wolff hielt 46 Prozent der montenegrinischen Würfe, das erinnerte an seine überragende Leistung im EM-Finale vor zwei Jahren gegen Spanien.

Torwart Andreas Wolff
REUTERS

Torwart Andreas Wolff

Kein "Heimvorteil": Das DHB-Team befürchtete in der sogenannten "Balkan-Gruppe" mit den Gegnern Montenegro, Slowenien und Mazedonien in Zagreb einen Nachteil. Im ersten Spiel bewahrheitete sich das nicht, in der Halle gab es noch viele freie Plätze. Am lautesten war deshalb der Hallensprecher, dessen nervige Zwischenrufe die mäßige Stimmung aber nicht anheizen konnten.

Zweite Hälfte: Die deutsche Mannschaft dominierte weiter, sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung. Toptorschütze Uwe Gensheimer ging nach seinem neunten Tor vom Feld und konnte sich wie andere Stammspieler für die weiteren Partien schonen.

Fazit des Spiels: Prokop sprach nach dem Spiel beim ZDF von einem "sehr guten Gesamtpaket", lobte die Flexibilität seiner Mannschaft, fand mit der teilweise schlampigen Chancenverwertung nach der Pause aber auch einen Kritikpunkt. Tatsächlich hätte das Ergebnis noch viel deutlicher ausfallen können, aber immerhin konnte der Bundestrainer alle 16 Spieler einsetzen und so geht das DHB-Team auch favorisiert in der zweite Gruppenspiel gegen Slowenien am kommenden Montag (18.15 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD).

Deutschland - Montenegro 32:19 (17:9)
Deutschland:
Wolff, Heinevetter - Gensheimer (9/5), Drux (5), Weber (3), Kühn (3), Weinhold (3), Kohlbacher (3), Häfner (2), Wiencek (2), Reichmann (1), Fäth (1), Pekeler, Groetzki, Janke, Roscheck
Montenegro: Mijatovic, Mijuskovic - Lipovina (7), Bozovic (4), Andjelic (2), Simovic (1), Lasica (1), S. Vujovic (1), Markovic (1), Sevaljevic (1/1), M. Vujovic (1/1).
Schiedsrichter: Pichon/Reveret (Frankreich)
Zeitstrafen: 8:4
Rote Karte: Janke (60.) nach dritter Zeitstrafe
Zuschauer: 4000

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