Rekord-Handballer Glandorf "Ich brauche viel Pflege"

Kein Bundesligaspieler hat mehr Feldtreffer erzielt als er: Der Flensburger Holger Glandorf ist ein Star - und gleichzeitig der komplette Gegenentwurf. Ein Gespräch über 17 Jahre Handball.

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    Er ist einer der bekanntesten deutschen Handball-Profis: Holger Glandorf, 34, spielt seine mittlerweile 17. Saison in der deutschen Bundesliga. Über Nordhorn und Lemgo kam der Weltmeister von 2007 vor sieben Jahren nach Flensburg. Dort hat er in der vergangenen Woche mit seinem 2263. Feldtreffer einen neuen Bundesligarekord aufgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Glandorf, Handball ist so ein actionreiches Spiel - und hat trotzdem ein eher biederes Image. Ihr Sport findet oft in der Provinz statt, das Publikum ist älter als in vielen anderen Sportarten. Warum ist Handball nicht cool?

Glandorf: Wenn man hier in dieser Gegend Handball spielt, dann ist das sehr wohl cool. Hier fragt keiner, welche Sportart du machst, sondern bei welchem Verein du Handball spielst.

SPIEGEL ONLINE: In den Metropolen tut sich der Sport schwer. Zumindest an einigen Standorten ist der Sprung in die Großstadt nicht geglückt.

Glandorf: In den vergangenen Jahren haben einige Klubs auch über ihre Verhältnisse gelebt. Es ist auch nicht so einfach, einen Verein in eine Großstadt zu holen. Ich halte mehr davon, wenn der Verein wirklich in der Großstadt gewachsen ist wie bei den Füchsen in Berlin. Hannover hat das auch ganz gut hinbekommen. Man kann das nicht erzwingen, das haben wir ja auch in Hamburg gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst hatten ein Angebot, nach Barcelona zu gehen, sind aber in Flensburg geblieben. Ist das Ausland noch ein Thema für Sie?

Glandorf: Meine Familie fühlt sich sehr wohl, wir haben zwei Kinder, die hier zur Schule gehen. Jetzt noch irgendwie in eine Großstadt zu ziehen, kommt nicht in Frage. Der Zeitpunkt muss perfekt passen, dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Glandorf: Einmal das Sportliche. Wie stark ist die Mannschaft? Kann ich da Erfolge feiern? Dann das familiäre Umfeld. Kann man sich da wohl fühlen? Und das Finanzielle, das brauche ich auch nicht wegzulügen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Handballer schaffen es überhaupt, in ihrer aktiven Karriere so viel zu verdienen, dass sie anschließend nicht mehr arbeiten müssten?

Glandorf: Ich vermute, keiner. Es ist im Handballbereich wirklich schwer, nachher davon leben zu können. Grundsätzlich müssen wir alle noch arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie sich nach der Zeit als Spieler?

Glandorf: Gerne hier in Flensburg. Es gibt schon Gespräche für die Zeit nach meiner sportlichen Karriere, aber es gibt noch nichts Konkretes. Aber erst mal will ich noch Handball spielen.

SPIEGEL ONLINE: In dieser Saison mussten Sie sich an neue Anwurfzeiten gewöhnen, die nicht ganz unproblematisch sind.

Glandorf: Für uns ist es schwierig, wenn wir am Donnerstagabend Bundesliga spielen und am Samstag wieder Champions League. Das ist schon eng, da war der alte Termin am Mittwoch angenehmer für uns. Aber den frühen Termin am Sonntag mag ich: Um 12.30 Uhr zu spielen ist okay, gerade auswärts ist das für uns perfekt, zumal wir oft eine weite Anreise haben. Dann bin ich am Sonntagabend auch pünktlich wieder zu Hause.

SPIEGEL ONLINE: Im März werden Sie 35 Jahre alt, trotzdem sind Sie aktuell fast im Dauereinsatz. Sie selbst hatten in Ihrer Karriere auch schon mit etlichen Verletzungen zu kämpfen. Wie geht's Ihnen persönlich nach fast 17 Jahren Bundesliga?

Glandorf: Ganz gut. Klar hatte ich über all die Jahre auch meine Wehwehchen, aber das heißt für mich eigentlich nur, dass ich mich auch fürs Training mehr vorbereiten muss. So lange das so geht, ist das in Ordnung.

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Holger Glandorf: Aus der Tiefe des Rückraums

SPIEGEL ONLINE: "Wehwehchen", das bedeutete in Ihrer Karriere Mittelfußbruch, Innenmeniskus, Kniegelenk, ...

Glandorf: ... Achillessehnenriss, Handgelenk, Bänderriss. Aber man lernt, damit umzugehen, man lernt seinen Körper gut kennen. Ich brauche viel Pflege, mache die Dinge inzwischen "mit Auge". Das bespricht man mit dem Trainer und dem Athletiktrainer - und dann ist das auch kein Problem. In der Rückschau bringen dir Verletzungen sogar mehr, als irgendwelche Rekorde zu brechen. Man wird ein Stück demütiger für das, was man als Hobby begonnen hat und dann auch noch als Beruf ausüben darf.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Problem im Handball, dass Spieler oft zu spät auf ihren Körper hören, dass es in diesem Sport so eine Kultur gibt, Härte zeigen zu müssen?

Glandorf: Es gibt andere Sportarten, die genauso hart sind, Eishockey zum Beispiel. Klar, Handball ist durch den Körperkontakt verletzungsanfällig. Aber wenn irgendwas kaputt ist, ist es kaputt. Dann kannst du nicht mehr weiterspielen. Aber wenn man sich nur einen Finger ausgekugelt hat, dann macht man eben weiter.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Handball spielen ohne Schmerzmittel?

Glandorf: Wir nehmen in Flensburg nur in Absprache mit unserem Mannschaftsarzt Schmerzmittel - und nur, wenn wirklich etwas vorgefallen ist. Als reine Prophylaxe vor dem Spiel sehe ich Schmerztabletten auch kritisch. Wenn wirklich etwas kaputt ist und man merkt es nicht, ist das gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Bei der EM im Januar waren Sie nicht mehr dabei, vor einem Jahr haben Sie zum zweiten Mal Ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. Haben sie das Turnier verfolgt?

Glandorf: Ja, als Fan. Ich kann in Ruhe auf meiner Couch sitzen und Handball gucken.

SPIEGEL ONLINE: Wie zufrieden war der Fan Holger Glandorf mit der DHB-Auswahl?

Glandorf: Die Mannschaft kann besser spielen. Die ganze Diskussion um den Bundestrainer wäre im Anschluss aber auch nie aufgetaucht, wenn das Team gegen Spanien gewonnen hätte. Dann wären sie im Halbfinale gewesen und keiner hätte was gesagt. Dass es Probleme gab, hat man aber auf dem Feld gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Stört es Sie, dass Handball nur bei den Turnieren in den großen medialen Fokus rückt?

Glandorf: Wir sind halt eine Randsportart und können froh sein, dass wir im Januar so viel Beachtung bekommen. Andere Sportarten, in denen Athleten ähnlich viel Aufwand betreiben, finden ja noch viel weniger in der Öffentlichkeit statt.

SPIEGEL ONLINE: Per Mertesacker hat im SPIEGEL davon erzählt, wie belastend er bei der Heim-WM 2006 den Druck empfand. Haben Sie beim Heimturnier der Handballer 2007 ähnlich empfunden? Beim Finale waren immerhin 16 Millionen Menschen vor den Fernsehern dabei.

Glandorf: Eine gewisse körperliche Anspannung ist immer da, aber mit diesen Situationen kann ich ganz gut umgehen. Wir waren auf so einer Euphoriewelle unterwegs. Wir sind auch nicht rausgegangen und haben gesagt, das geht alles ganz locker - aber die Unterstützung der Fans hat mich gepusht.

Lars Kaufmann (l), Holger Glandorf nach dem WM-Halbfinale 2007
AFP

Lars Kaufmann (l), Holger Glandorf nach dem WM-Halbfinale 2007

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Rituale, die vor Spielen nicht fehlen dürfen?

Glandorf: Der Tagesablauf ist immer der gleiche. Aber dass es da etwas gibt, das unverzichtbar ist, dass ich sage 'Oh, jetzt habe ich Bolognese gegessen statt Tomatensauce, jetzt kann ich nicht spielen', das ist doch Quatsch.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie kochen gern. Was ist Chefkoch Glandorfs Spezialität?

Glandorf: Ich probiere viel aus, das ist mit zwei Kindern aber nicht so einfach. Meine Jungs haben es am liebsten, wenn ich grille, aber das ist ja nicht besonders kompliziert.

SPIEGEL ONLINE: Stefan Kretzschmar hat vor der EM gesagt, dem deutschen Handball fehle es an Typen. Hat er recht?

Glandorf: Wir haben einerseits aktuell nicht den sportlich überragenden Weltstar im deutschen Handball. Zum anderen ist es auch nicht mehr so einfach: Heutzutage wird man ja sofort entdeckt, fotografiert und taucht in den sozialen Medien auf. Die Spieler sind da bedachter und vorsichtiger geworden. Wenn man etwas länger in der Disco war, dann kommt das sofort raus. Vielleicht wirkt deshalb auch alles etwas braver.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Holger Glandorf für ein Typ?

Glandorf: Ruhig. Viele sagen: bodenständig. Ich muss nicht groß in der Öffentlichkeit stehen. Aber das ist in der heutigen Zeit vielleicht auch eine Art von Typ.

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