Handballer Haaß und Roggisch: Die menschliche Mauer

Aus Barcelona berichtet

Haaß (l.), Roggisch (2.v.r.): Starkes Turnier in Spanien Zur Großansicht
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Haaß (l.), Roggisch (2.v.r.): Starkes Turnier in Spanien

Du! Kommst! Nicht! Vorbei! Michael Haaß und Oliver Roggisch spielen bei der Handball-WM in Spanien die gnadenlosen Türsteher in der deutschen Abwehr. Das abgeklärte und kompromisslose Duo ist der Garant für den Erfolg. Die Motivation des Mittelblocks: Es den Kritikern so richtig zu zeigen.

Im Lager der deutschen Handball-Nationalmannschaft gibt es spätestens seit dem Sonntag einen neuen Running Gag. Es geht um Oliver Roggisch, den Abwehrchef. Der hatte im Achtelfinale gegen Mazedonien zweimal getroffen, in der ersten und der 55. Spielminute. Nach seinen Toren gegen Argentinien waren es für ihn die WM-Treffer Nummer drei und vier. Anschließend frotzelte Bundestrainer Martin Heuberger über die Tempogegenstöße des 34-Jährigen, andere spekulierten bereits über eine zweistellige Torausbeute des Kapitäns am Ende des Turniers.

Roggisch ist im Normalfall so weit von einem eigenen Tor entfernt wie Keeper Silvio Heinevetter. Gerade deshalb erzählt die Geschichte viel über den Abwehrspieler. Der Profi von den Rhein-Neckar Löwen spielt in Spanien an der Seite von Michael Haaß groß auf. So groß, dass Bundestrainer Heuberger gar vom "besten Roggisch aller Zeiten" spricht.

Das Duo Haaß/Roggisch bildet in der Nationalmannschaft den Mittelblock, den wichtigsten Teil der Verteidigung. Beide Profis zeigten bei dem Turnier bisher unerwartete Klasse. Haaß, 29 Jahre alt, der 2012 lange verletzt war und nur eine durchschnittliche Bundesliga-Hinrunde mit Frisch Auf Göppingen hinter sich hat, und Roggisch, den man früher gerne Zeitstrafenkönig nannte, sind die Garanten des Erfolgs.

"Die beiden harmonieren - das passt"

"Die Abwehr ist unser großes Plus bei dieser WM", sagt Heuberger. Auch dank ihrer Leistung kämpft das vor wenigen Tagen noch skeptisch betrachtete deutsche Team am Mittwochabend um den Halbfinaleinzug (Liveticker SPIEGEL ONLINE).

"Die beiden sind das Herz", sagt Torwart Heinevetter über Haaß und Roggisch, doch dieses Herz schlug in Spanien nicht von Anfang an im Takt. "Die Abwehr hat zwei Spiele gebraucht", sagt Roggisch und meint die Partien gegen die ersten beiden Vorrundengegner Brasilien und Tunesien. Seitdem wird klar, warum Bundestrainer Heuberger sagt: "Die beiden harmonieren. Das passt."

Ein Grund könnte sein, dass beide Spieler erfolgsbesessen seien, wie Heuberger erklärt. Haaß störte der Niedergang der deutschen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren besonders. "Meine Motivation ist einfach", sagt Haaß. "Wir haben ein paar schlechte Turniere hinter uns. Und diese Phase möchte ich beenden. Wir wollen den deutschen Handball wieder in die Spur bringen."

Bei Roggisch kommen noch ganz persönliche Ziele hinzu. Nach der enttäuschenden WM 2011 stellte nicht nur die "Handball-Woche" die Frage nach seiner Zukunft im DHB-Trikot. "Ich versuche aus negativer Presse Motivation zu ziehen. Ich wollte es ein paar Leuten noch einmal beweisen. Mir selbst auch." Roggisch ernährt sich anders als früher, trainiert dosierter. "Und ich gehe häufiger zum Physiotherapeuten", sagt Roggisch, der sich in seiner Karriere zuvor selten geschont hatte.

Roggisch wirkt rundum gereift. Nur auf dem Feld ist er kompromisslos wie eh und je. Noch immer taped er sich vor jedem die Spiel die geschundenen Finger, jederzeit bereit, für Haaß oder einen anderen Mitspieler einzuspringen. "Wenn ich einen Fehler mache, weiß ich, dass Oliver den ausbügelt. Das macht die Arbeit in der Abwehr aus", sagt Haaß, den Roggisch schon seit seiner Zeit bei Tusem Essen 2005 kennt.

Roggisch und Haaß müssen sich von Spiel zu Spiel umstellen

"Michael ist ein kompletter Spieler. Vorne im Angriff und im Mittelblock. Es gibt weltweit ganz wenige Spieler, die das über 60 Minuten durchziehen können. Und er macht das schon seit ein paar Jahren", sagt Roggisch. Es ist ein kräftezehrender Job, den Haaß verrichtet. "Er stellt sich der Verantwortung", sagt Trainer Heuberger, "er hat sehr hart trainiert". Hinten, in der Abwehr, fordert Heuberger vor allem außergewöhnliche Beinarbeit. In ausführlichen Video-Sessions bereitet er die Abwehr auf die jeweiligen Gegner vor.

"Wir stellen uns auf jeden Gegner individuell ein. In jedem Spiel gibt er kleine, aber bedeutende Änderungen", sagt Haaß. Gegen Mazedonien war der Auftrag, die beiden quirligen und zweikampfstarken Kreisläufer des Gegners aus dem Spiel zu nehmen. Beide bekamen kaum einen Ball. "Das Feintuning ist immer besser geworden", sagt Roggisch.

Auch dank ihm. Deutlich seltener als noch vor ein paar Jahren muss er eine Zwei-Minuten-Strafe absitzen. Außerdem habe Roggisch das "Lamentieren bei Schiedsrichter-Entscheidungen" sein lassen, sagt Heuberger. "Darüber habe ich intensiv mit ihm gesprochen." In dieser Form sei Roggisch auch künftig ein klarer Fall für die Nationalmannschaft.

"Ich hoffe, dass ich ein paar Jahre noch auf diesem Level arbeiten kann", sagt der Abwehrchef, der sich derzeit neben leichten Rückenproblemen auch noch mit einem entzündeten Zeh herumplagt. Einen Einsatz im Viertelfinale kann beides offenbar nicht verhindern: "Es ist ganz gut, wenn der Zeh etwas mehr weh tut, dann merke ich den Rücken nicht mehr so."

Abwehrarbeit in der deutschen Handball-Nationalmannschaft sei Vertrauens- und Willenssache, sagt Haaß. Roggisch und er haben das offenbar ganz passabel verinnerlicht.

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Forum - Was erwarten Sie von den Handball-WM 2013?
insgesamt 202 Beiträge
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1.
Hawkeye 1 03.01.2013
Zitat von sysopschon wieder kein Titel!
Dem wird man leider zustimmen müssen; wenn sie mal nicht in der Vorrunde ausscheiden. Handball kommt als Nati nicht in die Gänge....
2. Das wird nichts
uli_san 03.01.2013
International stehen wir in etwa zwischen Platz 8 und 12, was aber nicht nur an den Spielern liegt. In den Vereinen treten unsere deutschen Spitzenspieler teilweise deutlich stärker auf als in der Nationalmannschaft. Was fehlt, ist ein Trainerteam mit modernen Ideen und Motivationsmitteln. Das ist alles zu hausbacken und konservativ. Heiner Brand in den letzten Jahren und auch sein Nachfolger kommen mir völlig einfallslos vor. Selbst eingefleischte Spezialisten schütteln immer häufiger den Kopf ob der Spiel- und Wechseltaktik. Freude haben wir Handballfans nur noch bei Spielen um die europäischen Vereins-Pokale.
3.
ObackoBarama 03.01.2013
ja ist es schon wieder Weihnachten...wie der Kaiser sagte, oder in dem Falle; ja, ist es schon wieder ein Handball-Turnier? Alle Jahre wieder, im Januar, gibt es ein großes Turnier im Handball, in einem Olympia-Jahr sogar zwei (EM + Olympiaturnier). 5 Wettbewerbe in 4 Jahren, braucht kein Mensch. In keiner anderen Sportart gibt es solche Inflation an großen Wettbwerben. Man blickt gar nicht durch...Wer war letztes Mal der Weltmeister, wer Europameister, wer Olympiasieger.. Bzw. man blickt es normalerweise nicht durch..Aber seit 4 Jahren weiß man es: Frankreich, hat alle Titel gewonnen je 2 x. Deutschland hat jedenfalls kein Chance auf eine Medaille und dieser Thread wird vielleicht im besten Falle, etwa 5 Seiten der Disskussionen erreichen können. Soviel Interesse gibt es.
4. Handball nervt!
doc 123 03.01.2013
Aus welchen Gründen auch immer, Handball nervt heutzutage nur noch, trotz WM-Titel 2007, wer erinnert sich da noch an einen einzigen Namen? Dagegen 1978... Deckarm, Freisler, Klühspies, Spengler, Wunderlich... ich erinnere mich an alle diese Namen, genau wie an die WM-Spieler im Fußball 1974 oder an nahezu alle deutschen Olympiasieger von München 1972. Schon irgendwie merkwürdig, dass man sich lieber an Namen von vor 30 bis 40 Jahren erinnert als an die Sportler der heutigen Zeiten.
5. schlechtere Aussichten
ray4912 03.01.2013
Zitat von ObackoBaramaja ist es schon wieder Weihnachten...wie der Kaiser sagte, oder in dem Falle; ja, ist es schon wieder ein Handball-Turnier? Alle Jahre wieder, im Januar, gibt es ein großes Turnier im Handball, in einem Olympia-Jahr sogar zwei (EM + Olympiaturnier). 5 Wettbewerbe in 4 Jahren, braucht kein Mensch. In keiner anderen Sportart gibt es solche Inflation an großen Wettbwerben. Man blickt gar nicht durch...Wer war letztes Mal der Weltmeister, wer Europameister, wer Olympiasieger.. Bzw. man blickt es normalerweise nicht durch..Aber seit 4 Jahren weiß man es: Frankreich, hat alle Titel gewonnen je 2 x. Deutschland hat jedenfalls kein Chance auf eine Medaille und dieser Thread wird vielleicht im besten Falle, etwa 5 Seiten der Disskussionen erreichen können. Soviel Interesse gibt es.
richtig, Obacko, die Franzosen sind die Spanier des Handballs;-) Und wir sind echt nicht nahe dran.
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Hallenhandball-Weltmeister der Männer
Jahr Team
2013 Spanien (31:19 gegen Dänemark)
2011 Frankreich (37:35 n.V. gegen Dänemark)
2009 Frankreich (24:19 gegen Kroatien)
2007 Deutschland (29:24 gegen Polen)
2005 Spanien (40:34 gegen Kroatien)
2003 Kroatien (34:31 gegen Deutschland)
2001 Frankreich (28:25 n.V. gegen Schweden)
1999 Schweden (25:24 gegen Russland)
1997 Russland (23:21 gegen Schweden)
1995 Frankreich (23:19 gegen Kroatien)
1993 Russland (28:19 gegen Frankreich)
1990 Schweden (27:23 gegen die UdSSR)
1986 Jugoslawien (24:22 gegen Ungarn)
1982 UdSSR (30:27 n.V. gegen Jugoslawien)
1978 Deutschland (20:19 gegen die UdSSR)
1974 Rumänien (14:12 gegen die DDR)
1970 Rumänien (13:12 n.V. gegen die DDR)
1967 CSSR (14:11 gegen Dänemark)
1964 Rumänien (25:22 gegen Schweden)
1961 Rumänien (9:8 n.V. gegen die CSSR)
1958 Schweden (22:12 gegen die CSSR)
1954 Schweden (17:14 gegen Ges.-Deutschland)
Fotostrecke
Handball-Nationalmannschaft: Der deutsche WM-Kader

DHB-Kader
Tor Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Carsten Lichtlein (TBV Lemgo)

Rückraum Mitte Michael Haaß (Frisch Auf Göppingen), Martin Strobel (TBV Lemgo)

Rückraum links Sven-Sören Christophersen (Füchse Berlin), Stefan Kneer (SC Magdeburg), Steffen Fäth (HSG Wetzlar)

Rückraum rechts Steffen Weinhold (SG Flensburg-Handewitt), Adrian Pfahl (VfL Gummersbach)

Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel), Kevin Schmidt (HSG Wetzlar)

Rechtsaußen Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Tobias Reichmann (HSG Wetzlar)

Kreis Oliver Roggisch (Rhein-Neckar Löwen), Patrick Wiencek (THW Kiel), Christoph Theuerkauf (HBW Balingen-Weilstetten)