WM-Training der Handball-Nationalmannschaft "Ich will, dass ihr total ausrastet"

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft wird zwei Tage vor dem Start der Weltmeisterschaft im eigenen Land vom Publikum gefeiert. Dennoch ist die WM-Stimmung derzeit noch etwas bemüht.

Handball-Nationalspieler beim Autogrammeschreiben
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Handball-Nationalspieler beim Autogrammeschreiben

Von , Berlin


Eines steht fest: Wenn Deutschland bei der am Donnerstag beginnenden Heim-WM nicht Weltmeister werden sollte - am Warm-up von Markus Assemacher im Berliner Sportforum Hohenschönhausen hat es nicht gelegen. Der Mann hat nur ein öffentliches Training der deutschen Nationalmannschaft anzumoderieren, aber er hat dabei alles gegeben, er würde wahrscheinlich sagen, er hat alles rausgehauen.

"Ich will, dass dies die lauteste Halle Deutschlands ist", fordert Assemacher von den gut 1500 Zuschauern, die es nach Hohenschönhausen geschafft haben: "Wenn ich sage: Hier kommt die deutsche Nationalmannschaft, dann will ich, dass ihr total ausrastet." Das Publikum gibt sein Bestes, so wie man an einem schmuddeligen Januarnachmittag eben ausrasten kann. Dazu wummert Andreas Gabalier durch die Halle: "Dann sagst du Hulapalu. Hodi hodi hodi oh."

Die Begeisterung für die Weltmeisterschaft im eigenen Land ist derzeit noch etwas bemüht. Als der wackere Stadionsprecher die Vornamen der Nationalspieler in die Halle ruft, kommt von den Zuschauern nur ein müdes Echo zurück. Fabian Böhm und Franz Semper sind eben noch nicht jedem vertraut, anders als zum Beispiel die Torleute Silvio Heinevetter und Andreas Wolff. Handball ist nun einmal kein Fußball, man kann ihn ähnlich inszenieren, mit hodi hodi ho und schalala, aber alles bleibt zwei Nummern kleiner. Auch wenn Verbands-Vorstand Axel Kromer pflichtschuldig ins Mikrofon sagt: "Wir haben hier schon eine riesige Handball-Euphorie im Land entfacht." Die muss erst noch kommen, aber das Turnier fängt ja auch erst in zwei Tagen an.

Der Charme eines Dorffestes

Bis dahin hat das öffentliche Training der DHB-Auswahl noch die Atmosphäre eines sympathischen Dorffestes. Es gibt Bockwurst für zwei Euro 50, die Hallenregie spielt "Life is Life" und "Schüttel deinen Speck" von Peter Fox, die Spieler schreiben eifrig Autogramme, der Charme der Turnhalle in Hohenschönhausen tut sein Übriges, es ist eben nicht die Kieler Ostseehalle, nach wie vor die Tempelstätte des deutschen Handballs. In Kiel, in Flensburg, in Gummersbach, den Lebensadern des Handballs, dort gucken sie bei dieser WM nur zu, die Spiele finden in den Metropolen statt: Berlin, München, Köln, Hamburg. Das wollte der Deutsche Handballbund so.

Der Vergleich mit dem großen Fußball - er ist unfair, aber trotzdem wird er immer wieder gesucht. DHB-Vizepräsident Bob Hanning hat in einem dpa-Interview noch davon gesprochen, man wolle "eine bodenständige und nicht abgehobene Alternative zum Fußball sein." Aber als das Publikum bei ein paar einstudierten Spielszenen im Training applaudiert, glaubt Teammanager Oliver Roggisch schon, "die Atmosphäre hier ist fast wie im Fußball".

Das Team von Christian Prokop scheint sich zumindest der Möglichkeit, die Sportart Handball wieder ein bisschen näher an den Marktführer heranzuführen, bewusst. Keiner, der bei der anschließenden Autogrammstunde kneift, artig wird jeder Selfie-Wunsch erfüllt - und noch wichtiger: das Training wird durchaus ernsthaft durchgezogen, das ist keine reine Showveranstaltung. So sehr die Hallenregie auch das Geschehen beschallt. Die Torleute werden warm geworfen, Tempogegenstoß-Situationen eingeübt, die Spieler schütteln ihren Speck, während AnnenMayKantereit über die Lausprecher murmelt: "Es tut weh, dass wir gleich wieder gehen." Das ist hoffentlich kein schlechtes Omen für den Turnierverlauf.

Schließlich hat das Team Großes vor. Die Stimmung in den deutschen Spielorten mag noch nicht vorweltmeisterlich sein, in der Hauptstadt zum Beispiel erinnert wenig im Straßenbild daran, dass in wenigen Tagen hier eine WM ausgespielt wird - aber die Mannschaft, das wird bei jedem Interview am Dienstag klar, hat ein ehrgeiziges Ziel vor Augen. Egal, wen der Hallensprecher an diesem Nachmittag befragt, er beendet jedes Gespräch mit: "Und: Wer wird Weltmeister?" Wehe dem, der dann beim Antworten nicht zumindest Deutschland erwähnt.

Der Heimvorteil, er ist bei wenigen Sportarten so wichtig wie beim Handball, dort, wo die Hallenatmosphäre über Sieg oder Niederlage mitentscheidet. Co-Trainer Alexander Haase gehört da schon zu den Zurückhaltenden, wenn er sagt: "Die Mannschaft wird Weltmeister, die alle Spiele gewinnt - und ich hoffe, das sind wir." Es tut mir leid, Pocahontas. Ich hoffe, du weißt das.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Taugur 09.01.2019
1. Das ist die Stärke des Handballs
"Bis dahin hat das öffentliche Training der DHB-Auswahl noch die Atmosphäre eines sympathischen Dorffestes. Es gibt Bockwurst für zwei Euro 50, die Hallenregie spielt "Life is Life" und "Schüttel deinen Speck" von Peter Fox, die Spieler schreiben eifrig Autogramme" Das ist die Stärke des Handballs, Profisport im familiären Umfeld. Der 2te Reihe Status und der "Dorfcharakter" machen für mich den Charme aus und sind der Grund für mich meine Dauerkarten zu kaufen! Klar sehen Polizei Reiterstaffeln auf den Jahnwiesen professioneller aus, sind aber nicht jedermanns Ding. Egal ob in einer modernen Schwalbe Arena oder einer etwas "angeranzten" Stählerwiese, in der Halle brennt die Luft, davor kann man gemütlich sein Bier trinken und mit den Fans der Gastmannschaften reden. Klar das die DHB Funktionäre das gerne ändern würden und sich am Fussball Glamour orientieren. Ein FiFA Scheich verdient deutlich mehr als ein IHF Funktionär ;-) Was dabei rauskommt sind dann Sky-Kompatible Anwurfzeiten und freie Plätze in den Hallen wie in der letzten Saison. Gut das man offenbar gelernt hat und die unsäglichen Mittagsspiele am Sonntag wieder aufgegeben hat. Und ich stimme zu, Spiele in den Handball Hochburgen wären evtl. besser gewesen. Wie gut die Stimmung in einer Lanxess Arena ist wird man in zwei Wochen sehen. Als der BHC da zuletzt gespielt hat fand ich sie deutlich zu groß mit ihren leeren Oberrängen.
Mephisto der x-te 09.01.2019
2. "Ich will, dass dies die lauteste Halle Deutschland ist"
Habe mir vor kurzem eins Spiel, der Frauen-Handball-Bundesliga-Mannschaft SG Bietigheim Bissingen angeschaut. Für einen Ex Handballer ein durchaus interessantes sehenswertes Spiel. Die Geräuschkulisse ist derart primitiv, es bleibt einmalig. Das Maskottchen zeigt immer wieder ein Schild "ich will euch hören" und dann geht es auf Kommando los mit den ausgeteilten Klatschkartons. Dumm primitiv, nicht mein Niveau. Für gute Leistungen der Gegnerinnen gab es natürlich keinen Beifall. Aber vielleicht bin ich ein Einzelfall mit Interesse an gutem Handball und man kriegt nur die Halle so halbwegs voll. Handball ist halt kein Zuschauersport, und bis in die höheren Klassen sind das hauptsächlich Bekannte und ehemalige Spieler. Eigentlich ganz angenehm, aber nicht lohnend für Sponsoren und höhere Eintrittsgelder. Viele sind halt Amateure, die ihr Hobby selbst finanzieren. Ist gar nicht schlecht so und eine gute Auslese. Für mich haben die Trommler einen an der Birne, die ja kaum noch was vom Spiel mitbekommen.
golfstrom1 09.01.2019
3. Handball
Es ist richtig die Spiele der Handball-WM nicht in Kiel, Gummersbach und Flensburg stattfinden zu lassen. Will man den Handball populärer machen muss man in die Großstädte. Dass man in Kiel, Flensburg oder Gummersbach eine gute Stimmung hinbekommt steht außer Frage aber das wird man, wenn die Leistungen stimmen, auch in den anderen Arenen hinbekommen.
andromeda793624 09.01.2019
4.
Zitat von golfstrom1Es ist richtig die Spiele der Handball-WM nicht in Kiel, Gummersbach und Flensburg stattfinden zu lassen. Will man den Handball populärer machen muss man in die Großstädte. Dass man in Kiel, Flensburg oder Gummersbach eine gute Stimmung hinbekommt steht außer Frage aber das wird man, wenn die Leistungen stimmen, auch in den anderen Arenen hinbekommen.
Aber in den Großstädten haben meist andere Sportarten das sagen. In Berlin ist Fußball,Basketball und Eishockey noch vor Handball anzusiedeln. München ganz klar Fußball und Eishockey(Obwohl auch nicht immer einfach). In Köln ganz klar der FC und die Haie. in HH ist Sport außerhalb von Fußball schwer zu etablieren Also der Handball-Sport hat in meinen Augen wenig Chancen in den Großstädten populärer zu werden. Dieser fristet eher ein Anhängsel-Dasein. Sorry wenn ich das mal so hart sagen muss. ;)!
tofino19 09.01.2019
5. Überschrift
Peter Ahrens scheint entgangen zu sein, dass bei der Aufzählung der Lebensadern Handball ein Club fehlt, wo diese Sportart wirklich gelebt wird, und das ist der SC Magdeburg. Absicht??
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