Handball-Nationalspieler Velyky Hungrig nach Erfolg

Den Krebs besiegt, Respekt erarbeitet: Für Bundestrainer Heiner Brand macht Oleg Velyky "den Unterschied aus". Bei der WM 2007 stand er im Kader, konnte aber nicht spielen. Jetzt will er den EM-Titel in Norwegen. Das Handball-Magazin "HM" stellt ihn vor.

Von Sebastian von Gehren


Oleg Velyky hat die Ruhe weg. Während seine Mitspieler der Handball-Nationalmannschaft bei einem der diversen TV-Jahresrückblicke aufgetreten sind, habe er sich lieber im Mannschaftshotel aufs Bett gelegt. "Ich bin eingeschlafen", gesteht Velyky.

Rückraumspieler Velyky: Ausgeglichener Unruheherd
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Rückraumspieler Velyky: Ausgeglichener Unruheherd

Wer dem Rückraumspieler aufgrund dieser Begebenheit nun Schlafmützigkeit unterstellen möchte, hat ihn noch nie auf dem Spielfeld wirbeln sehen. Dort ist der 30-Jährige ein ständiger Unruheherd, Spielmacher und Torjäger in einem. Oder, wie es Bundestrainer Heiner Brand einmal auf den Punkt brachte: "Eben die seltene Sorte von Spielern, die in einer Begegnung zwischen zwei gleich starken Mannschaften den Unterschied ausmachen."

Außerhalb der Halle gehört Velyky zu den Leisetretern seiner Zunft. Trubel ist seine Sache nicht. Und unter diesem Aspekt betrachtet, ist es vielleicht gar nicht so tragisch, dass er bei dem WM-Triumph 2007 nur eine traurige Nebenrolle spielte. Wegen einer Verletzung, die er sich kurz vor Turnierbeginn zugezogen hatte, konnte er bei der Weltmeisterschaft kein einziges Spiel bestreiten. Seinen Wert für die Mannschaft belegt jedoch die Tatsache, dass Brand ihn trotzdem die ganze Zeit über im 20er-Kader ließ. Die Option, den Ausnahmespieler doch noch einsetzen zu können, wollte sich der Erfolgstrainer bis zuletzt erhalten.

Den Ruhm für das lang ersehnte Gold ernten nun andere. Doch das interessiert Velyky herzlich wenig. "Ich habe so ein bisschen mehr Ruhe als meine Kollegen", sagt er. Das sei auch schön. Das klingt weder bitter noch neidisch. Nur eine Sache macht ihm zu schaffen: "Als Sportler hätte ich das Turnier unheimlich gern mitgemacht." Velyky geht es um das Spiel, nicht um Ehrungen. Weltmeister mag er sich nicht nennen, auch wenn Brand stets betont, dass auch die Akteure, die nicht zum Einsatz gekommen sind, durch ihr vorbildliches Verhalten den Titel verdient hätten.

Velyky definiert das anders: "Ich habe auf dem Spielfeld nicht geholfen. Die schwere Arbeit haben die Jungs gemacht." Nein, wiederholt er, als Weltmeister fühle er sich nicht. Aber, und das ist typisch für Velyky, als Teil der Mannschaft, die Weltmeister geworden ist. "Ich bin dankbar, so nah dabei gewesen zu sein. Denn was ich da empfunden habe", sagt er, "kann man für kein Geld der Welt kaufen."

Vielleicht hat es noch einen Vorteil, dass Velyky den großen Triumph verpasst hat. Denn sobald er über die bevorstehende EM spricht, wird eines deutlich: Dieser Mann ist hungrig nach Erfolg. Deswegen hat der gebürtige Ukrainer 2004 auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen – getrieben von seinem Ehrgeiz. "Ich bin Sportler. Ich will etwas erreichen und mit der Nationalmannschaft Titel gewinnen." Mit der Ukraine war das nicht möglich – mit Deutschland schon.

Gerade vor ihm haben die Gegner Respekt. Deutschland sei ohne Velyky Weltmeister geworden, sagt beispielsweise der kroatische Nationaltrainer Lino Cervar. Mit Velyky aber sei die Mannschaft noch deutlich stärker. Ein Lob, dass der Gepriesene nicht kommentieren möchte: "Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen." Da ist sie wieder, Velykys Bescheidenheit. Ruhig ist Velyky. Ausgeglichen. Ein überzeugter Familienmensch. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit Frau und Sohn. Das ist seine Art der Entspannung. "Daraus ziehe ich meine Kraft, meine Familie macht mich stark." Und dass er stark sein kann, hat der Führungsspieler der Rhein-Neckar Löwen schon mehrfach bewiesen. Vor allem auch im privaten Bereich, als Ärzte bei ihm Hautkrebs diagnostizierten. Velyky nahm den Kampf an – und gewann ihn."Das Schlimmste ist hoffentlich überstanden", sagt er.

Ein Handicap sei die Erkrankung nicht, er könne weiterhin Leistungssport betreiben, und – das ist das Wichtigste – er gilt als geheilt. Wenn Velyky regelmäßig zu Nachuntersuchungen ins Krankenhaus muss, kommt er manchmal ins Grübeln über das, was er durchgestanden hat. Ansonsten versucht er, das Thema ruhen zu lassen. "Es ist sinnvoller", sagt Velyky, "sich über positive Dinge Gedanken zu machen."

Über die Zukunft zum Beispiel. Die liegt für ihn ab der Rückrunde in Hamburg. Velyky gab seinen Entschluss schon Ende 2006 bekannt. Ein mutiger Schritt: Denn anfangs wehte dem Publikumsliebling in Mannheim ein rauer Wind entgegen. "Viele Fans glaubten, der Club sei mir jetzt egal, und ich würde nun einen Gang runterschalten."

Immer noch schwingt ungläubiges Erstaunen in seiner Stimme mit, wenn er davon erzählt. Velyky ist viel zu sehr Sportler, als dass er sich auf dem Spielfeld zurücknehmen könnte. "Ich habe trotz meiner Krankheit gespielt und alles gegeben. Ich bin Profi durch und durch." Die Löwen-Fans glauben ihm diese Worte mittlerweile wieder. Velyky hat sie durch Leistung überzeugt. Das ist seine Art, auf sich aufmerksam zu machen. "Ich rede schon gern über Handball", sagt er. Und fügt dann hinzu: "Aber noch lieber spiele ich." Und meist spielt er richtig gut.



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Umberto, 10.01.2008
1.
Zitat von sysopDie Handball-Europameisterschaft findet vom 17. bis 27. Januar in Norwegen statt. Kann das Weltmeisterteam von Bundestrainer Heiner Brand den nächsten Titel einfahren? Wie schlägt sich Titelverteidiger Frankreich? Gelingt einem skandinavischen Team eine Überraschung?
Die Franzosen verteidigen ihren Titel!
aMicaRo, 10.01.2008
2.
wenn man presseberichten glauben schenken darf, und sich interviews deutscher nationalspieler wie pascal "pommes" hens durchliest, sollten die deutschen doch mit etwas glück und viel guter laune dieses turnier für sich entscheiden. ich bin guter hoffnung :)
bik, 10.01.2008
3. Das wird eine tolle EM
Im Prinzip ist eine EM sportlich (fast) gleichwertig wie eine WM. Ich denke, es gibt sogar 6-8 Mannschaften, die bei einem etwas glücklichen Turnierverlauf Chancen aud den Tital haben. Meiner Meinung nach sind das: (Reihenfolge willkürlich) Russland, Polen, Kroatioen, Deutschland, Frankreich, Spanien,Dänemark, Schweden. Sportlich wird das bestimmt stark!
Tomislav, 11.01.2008
4.
Es verspricht auf jeden Fall spannend zu werden. Ich sehe Deutschland, Frankreich und Spanien auf Augenhöhe.
merlin77 11.01.2008
5. Knappe Sache
Im Welthandball geht es richtig eng zu. Neben Deutschland, Spanien, Frankreich schätze ich vor allem die Kroaten für sehr stark ein. Obwohl sie gerne etwas launisch sind. Dazu Schweden und Dänemark als übliche verdächtige. Ich glaube es wird sehr schwer für die deutsche Mannschaft. Ob sie nochmal so eine Mischung zwischen Euphorie, Lauf und Glück (Aberkanntes reguläres Tor der Franzosen in der Verlängerung) haben, scheint zweifelhaft, aber nicht unmöglich. Letztlich würde auch die Franzosen favourisieren.
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