Handball-Saisonstart Weltmeisterlicher Kaufrausch

Mit dem Supercup eröffnet die Handball-Liga heute Abend ihre neue Saison. Das Ziel: Den durch den WM-Titel ausgelösten Boom zu konservieren. So viel Geld wie nie wird ausgegeben, mehr Zuschauer als jemals zuvor sollen kommen und im Fernsehen wird die Sportart präsenter sein denn je.


Hamburg - Auf eine Fortsetzung der WM-Euphorie hoffend, startet am kommenden Samstag die Handball-Bundesliga in ihre neue Saison. Als Appetizer gibt es bereits heute Abend das Aufeinandertreffen des Meisters und Pokalsiegers. In München - ansonsten Handball-Brachland - wird der Supercup ausgespielt. Der THW Kiel, seines Zeichens Träger beider Titel, misst sich mit dem ihm im Mai unterlegenden Pokalfinalisten, den Rhein-Neckar-Löwen (letztes Jahr noch SG Kronau-Östringen). Es soll der Auftakt in eine Rekordsaison werden.

Weltmeister Deutschland: Den Boom kompensieren
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Weltmeister Deutschland: Den Boom kompensieren

Erstmals überflügeln die 18 Clubs mit ihrem Gesamt-Haushalt die Marke von 60 Millionen Euro. Nach einer Umfrage der dpa plant die Liga mit 63 Millionen Euro. Dies bedeutet gegenüber den 55 Millionen Euro der Vorsaison eine Steigerung von 14,5 Prozent. "Der Anstieg wäre auch ohne die WM weitergegangen, aber die WM gibt uns natürlich zusätzlichen Schwung", sagt Frank Bohmann, Geschäftsführer des Liga-Verbandes (HBL). Weiteres Anzeichen des gestiegenen Interesses an der Liga: Toyota zahlt als Namenssponsor in den kommenden zwei Jahren je zwei Millionen an die HBL.

In der "Geldrangliste" der Vereine muss sich Titelverteidiger THW Kiel die Spitzenposition mit dem Meisterschaftszweiten HSV Hamburg teilen. Beide Vereine geben für die kommende Spielzeit einen Etat von 6,5 Millionen an. Einen Satz auf Rang drei haben die Rhein-Neckar Löwen gemacht. Sie vollzogen einen finanziellen Quantensprung und erhöhten ihren Haushaltsplan von 3,6 Millionen Euro auf 5,7 Millionen. Trotz einer Steigerung von fast 100 Prozent bleibt HBW Balingen-Weilstetten mit 1,5 Millionen Euro als einziges Team unter der Zwei-Millionen-Euro-Grenze und damit Schlusslicht. Insgesamt haben 15 der 18 Vereine ihren Etat erhöht, nur zwei (GWD Minden von 2,3 auf 2,2 Millionen und Wilhelmshavener HV von 2,5 auf 2,0) haben ihn gesenkt.

Auch im Fernsehen wird der Handball präsenter werden. NDR und WDR strahlen immer samstags ab 17.30 Uhr das gemeinsam produzierte Handball-Magazin "Liga 1" von 30 Minuten Länge aus, in dem Zusammenfassungen von drei Partien gesendet werden. Das DSF plant 2007/2008 die Übertragung von 23 Punktspielen und vier Cup-Partien. "Hinter Fußball ist und bleibt Handball ganz klar die Mannschaftssportart Nummer zwei - auch für das DSF", erklärte Chefredakteur Sven Froberg in der "Handballwoche". Der Vertrag des Privatsenders läuft noch bis zum Ende der Spielzeit 2008/2009. Im Internet wird es weitere Spiele zu sehen geben. Das für diese Saison angestrebte Projekt, Handball ins Digitalfernsehen zu bringen, liegt vorerst auf Eis. Holger Kaiser, Manager des SC Magdeburg, sieht seinen Sport dennoch als den kommenden: "Ich gehe davon aus, dass der Fußball über kurz oder lang ins Pay-TV abwandert. Dann bleibt als Premium-Produkt unter den Mannschaftssportarten nur noch der Handball übrig."

Eine Steigerung erwarten die Verantwortlichen auch bei den Zuschauerzahlen. So hat beispielsweise der Wilhelmshavener HV 30 Prozent mehr Dauerkarten verkauft als im Vorjahr. Die Rhein-Neckar Löwen peilen eine Steigerung der Besucherzahl von 8350 auf 9500 pro Heimspiel an, und der VfL Gummersbach wagt in seiner ersten Champions-League-Saison den kompletten Umzug aus der beschaulichen Eugen-Haas-Halle in die 19.500 Zuschauer fassende Kölnarena. Rekordmeister THW Kiel kann keine Steigerung vermelden. Er hat wie üblich 10.000 Dauerkarten für die 10.250 Zuschauern Platz bietende Ostseehalle verkauft.

Trotz des enormen Wachstums hebt Bohmann mahnend den Finger: "Wir sollten Geld jetzt nicht mit vollen Händen ausgeben. Alle Vereine sollten weiter seriös arbeiten." Denn die stärkste Liga der Welt übt wegen ihrer Finanzkraft eine ungebrochene Anziehungskraft aus. "Die Topspieler wollen alle in die Bundesliga", sagt Bohmann und appelliert an die Club-Verantwortlichen, nicht leichtsinnig zu werden: "Die Spieler sind teurer geworden."

Das hat die Rhein-Neckar Löwen nicht davon abgehalten drei Weltmeister zu verpflichten. Manager Thorsten Storm lockte Torhüter Henning Fritz vom THW Kiel, Christian Schwarzer vom TBV Lemgo und Oliver Roggisch vom SC Magdeburg zu den Löwen. Mit Neuverpflichtungen von internationalem Format wollen Kiel und Hamburg den Angriff der ehemaligen Kronauer abwehren: Der Meister ergänzte seinen Kader mit Filip Jicha (TBV Lemgo), Igor Anicic (Montpellier HB) und Börge Lund (HSG Nordhorn). Der HSV verstärkte sich mit Torhüter Johannes Bitter (SC Magdeburg), Jürgen Müller (HBW Balingen-Weilstetten), Michal Jurecki (KS Vive Kielce/Polen), Dimitri Torgowanow (Rhein-Neckar Löwen) und dem Dänen Hans Lindberg (Viborg HK).

Ob der überall zitierte Boom die Saison übersteht, ist jedoch fragwürdig. Den am 2. August in den Kinos angelaufenen Film über die Handball-Weltmeisterschaft "Projekt Gold" wollten jedenfalls bisher erst 75.000 Besucher sehen.

fsc/dpa/sid



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