Finanznot der Clubs Star-Trainer fordert Weltliga des Handballs

Es sind harte Zeiten für den Club-Handball: Ehemalige Spitzenvereine sind pleite, der europäische Markt siecht dahin. Kiels Trainer Alfred Gislason fordert deshalb radikale Maßnahmen. Die Champions League müsse zu einer Weltliga umgebaut werden.

Trainer Gislason: "Ich weiß nicht, ob das zu radikal gedacht ist"
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Trainer Gislason: "Ich weiß nicht, ob das zu radikal gedacht ist"


Seinen Urlaub hat Alfred Gislason, Trainer des THW Kiel, in Akureyri verbracht. In seiner nordisländischen Heimat half er seinem Sohn auf einer Baustelle. Wenn er nicht die Maurerkelle schwang, dachte er nach über seine Sportart, den Handball. Der macht international viele Schlagzeilen. Traditionsclubs wie Medwedi Tschechow (Russland) und Athlético Madrid, das seit 2006 dreimal die Champions League gewonnen hatte, sind pleite. Der einst stolze spanische Clubhandball besteht quasi nur noch aus dem FC Barcelona. Der dänische Spitzenclub KIF Kopenhagen steckt ebenfalls in herben Finanznöten. Der europäische Markt siecht dahin, die Lage ist dramatisch.

"Es muss unbedingt etwas passieren", sagte Gislason SPIEGEL ONLINE, "meine Idee ist, die Champions League zu einer Art Weltliga auszubauen."

Gislason, ein Fan der Los Angeles Clippers, sieht als Vorbild die nordamerikanische Basketball-Liga NBA. Der 53-Jährige hält es prinzipiell für möglich, zu dem Stamm etablierter europäischer Teams wie dem THW Kiel, FC Barcelona oder HB Montpellier in jedem Kontinent ein oder zwei Profi-Teams aufzubauen. "Eine Mannschaft in Arabien aufzustellen, das wäre ohne Probleme machbar", so Gislason; hier hat beispielsweise der Handballverband Katar, der 2015 die WM ausrichtet, den Handball so weit entwickelt, dass die Junioren konkurrenzfähig sind.

Völlig neuer Terminkalender

Auch in Kairo sei der Handball sehr stark. Und natürlich müsse man im größten Sportmarkt der Welt, den USA, mindestens ein Team aufstellen, genauso wie in Südamerika. "Das könnte man zum Beispiel in Buenos Aires machen", sagt Gislason. Auch in Argentinien wird im Jugendhandball schon lange gut gearbeitet. Hinzu kämen noch Teams aus Fernost, etwa aus Südkorea.

Bei einer solch radikalen Reform, das ist Gislason klar, muss ein völlig neuer Terminkalender her. "Dann müssten die Teams ebenfalls längere Auswärtsreisen machen, genauso wie in der NBA", so stellt sich Gislason das vor. Organisieren müsste diese Liga die Europäische Handball-Föderation (EHF), die nach Gislasons Meinung die Champions League in den letzten Jahren zu einem Top-Event gemacht hat, mit dem Final-Four-Turnier in Köln. Warum also die Ausweitung auf andere Kontinente?

Große Veränderungen für die deutsche Liga

"Weil viele Sponsoren sich nicht nur auf den europäischen Markt beschränken wollen", sagt Gislason. "Ich bin sicher, dass sich potente Sponsoren finden, wenn man eine solche Liga weltweit anlegt. Dann findet sich vielleicht auch ein TV-Sender." Bis heute ist unklar, welcher TV-Sender die nächste Champions-League-Spielzeit überträgt.

Lange Reisen, neue Spieltermine - eine solche Revolution würde auch eine Reform der Handball-Bundesliga, die als beste der Welt eingestuft wird, benötigen. Hier schlägt Gislason vor, dass die deutschen Teilnehmer an der Weltliga auf nationaler Ebene erst ab einem Play-off-Viertelfinale einsteigen würden - in Duellen gegen die ersten vier Teams der abgelaufenen Bundesliga-Saison. Und zwar mit dem Nachteil, im Best-of five-Modus nur zwei Heimspiele zu bekommen.

"Dann haben diese Mannschaften auch deutlich bessere Chancen als jetzt, Deutscher Meister zu werden", glaubt Gislason. Nur in solchen Spielen mit Pokalcharakter, so der Gedanke, wäre das Quasi-Monopol des THW Kiel auf die Deutsche Meisterschaft (acht Titel in den vergangenen neun Jahren) wirklich in Gefahr.

Gislason ist bewusst, dass seine Idee für einen Sturm der Entrüstung sorgen wird. Der Weltverband IHF mit seinem skandalumwitterten Präsidenten Hassan Moustafa wird sich für zuständig erklären. Und die Bundesligisten, die auf ihre Heimspiele gegen den THW Kiel oder den HSV Handball verzichten sollen, werden aufschreien. Weil doch die Bundesliga das einzige Produkt sei, was im internationalen Handball funktioniere. "Ich weiß nicht, ob das zu radikal gedacht ist", fragt sich Gislason selbst. Aber eines weiß er: dass eine funktionierende Liga für eine Sportart auf Dauer nicht ausreicht.



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insgesamt 20 Beiträge
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caligula4ever 22.07.2013
1. Ich habe die deutsche Nationalmannschaft noch unter
Vlado Stenzel in Eppelheim live gesehen, mir die Spiele von Leutershausen in deren kleiner Halle angeguckt, aber schon damals bereitete mir der stereotype Spielaufbau, die mangelnde Transparenz der Foulregelungen ein Problem sowie der Vorteil für große Spieler bei dieser Sportart wie auch beim Basket- und Volleyball (von den Kreisläufern beim Handball und den Spielmachern im Basketball mal abgesehen). Dann kam noch die Internationalisierung der Mannschaftszusammenstellungen hinzu. Kann mich nicht begeistern.
Bananenblatt 22.07.2013
2. Falsch gedacht.
Das Problem ist nicht primär, dass das Niveau zu niedrig ist. Handball konkurriert um Aufmerksamkeit, in Europa primär mit Fussball, Tennis und Leichtathletik, in den USA mit Basketball, Eishockey und Football. Allein daran sieht man, dass es keine globale Liga braucht, um für Sponsoren interessant zu sein. Die Frage ist: Was wollen die Zuschauer? Warum kloppen sich die Fernsehsender nicht darum, Handball übertragen zu dürfen? Und was kann man tun, um daran etwas zu ändern? Dominanz von Kiel und HSV? -> Dominanz von Bayern und BVB. Das ist es nicht. Natürlich gibt es keine Sponsoren, wenn die Spiele im Fernsehen keinen festen Sendeplatz haben. Handball ist eigentlich viel telegener als Fußball, ähnlich wie Football oder Baseball: Es ist dauernd etwas los, alle Minute oder zwei ein Tor, während Fußball oft eher die Spannungskurve eines Marathonlaufes hat. Daraus muss ich doch etwas machen lassen... Die Idee ist interessant, und sie scheint das falsche Problem zu lösen.
kalonien 22.07.2013
3. Ganz einfach...
... gebt nur das Geld aus, was vorhanden ist. Wie wärs zum Beispiel mit Kürzung der Spielergehälter!
franko_potente 22.07.2013
4.
Zitat von sysopDPAEs sind harte Zeiten für den Club-Handball: Ehemalige Spitzenvereine sind pleite, der europäische Markt siecht dahin. Kiels Trainer Alfred Gislason fordert deshalb radikale Maßnahmen. Die Champions League müsse zu einer Weltliga umgebaut werden. http://www.spiegel.de/sport/sonst/handball-star-trainer-gislason-fordert-radikale-reformen-a-912316.html
Der handball hat das problem, das es eben kein Massensport ist. Zu rFinanznot der Clubs: Man sollte die Ausgaben senken, nicht zwanghaft die einnahmen erhöhen. Was passiert denn in der Weltliga? Die Ausgaben werden explodieren, wenn man die ganze Saison um den Planeten jettet. Handball ist eben nicht Fußball, Eishockey, Football oder Basketball oder Cricket. Es gibt den großen Zuschauermarkt nicht. CL Finale 20000 Zuscher, Fußball 70.000, Superbowl 100.000 usw usw.
countrushmore 22.07.2013
5.
Eine Weltliga? Und dann redet er von der NBA als Vorbild. Ok die NBA hat das langfristige Ziel Teams in Europa anzusiedeln aber sowas wird nicht einfach überstürzt. Außerdem ist Handball, im Gegensatz zum Basketball, kein globaler Sport. 2005 stand zuletzt ein nicht-europäisches Land unter den Top 10 einer WM. Handball interessiert außerhalb Europas und Nordafrikas keine Sau. Er will ein Team in den USA? Baseball in Deutschland ist im Vergleich zum Handball in den USA Volkssport.
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