Handball-Star Viktor Szilagyi Österreicher mit der Raute im Herzen

Essen, Kiel, Gummersbach: Der Handballer Viktor Szilagyi hat die Trikots der größten deutschen Clubs getragen. Nun spielt er wieder im Norden. Das "Handball-Magazin" über einen Österreicher, der seit Saisonbeginn für die SG Flensburg-Handewitt aufläuft, aber glühender HSV-Fan ist.

Handball-Profi Szilagyi (im österreichischen Nationaltrikot): Eintrag ins Geschichtsbuch
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Handball-Profi Szilagyi (im österreichischen Nationaltrikot): Eintrag ins Geschichtsbuch

Von Stefan Boysen


Viktor Szilagyi trägt die Raute im Herzen, er ist ein echter Fan. Er hat immerwährende Treue geschworen, kennt die Jahreszahlen der größten Club-Erfolge auswendig. Am schönsten war es, als er für Tusem Essen auflief. Mehrere Male im Jahr konnte er im Fanblock, inmitten der Hamburger Anhängerschaft, zusehen, wie sein HSV sich gegen die im Ruhrgebiet beheimateten Konkurrenten schlug. "Der HSV", sagt der Österreicher, "ist ein absoluter Traditionsverein".

Bevor das Herzrasen der Flensburger Anhänger Infarktnähe erreicht: Ihre Angst, dass Viktor Szilagyi aus tiefster Leidenschaft Pascal Hens und Co. die Daumen drückt, ist unbegründet. Er fühlt sich nicht dem Handball-Club HSV Hamburg verbunden, sondern der Fußballmannschaft des Hamburger SV. Das Bekenntnis des in Ungarn geborenen und in Österreich aufgewachsenen Szilagyi, als Bub mit dem HSV-Trikot durch die Bezirke Wiens gelaufen zu sein, ist genauso bemerkenswert wie der Umstand, dass er das Bergische Land gegen die Förde eingetauscht hat. Der Wechsel des Spielmachers vom VfL Gummersbach zur SG Flensburg-Handewitt ist die erstaunlichste Personalie des Transfersommers 2010. Sogar er selbst sagt: "Das kam sehr überraschend für mich."

Szilagyi ist nicht irgendwer in der Branche. Seit zehn Jahren spielt er in der Bundesliga, und im Laufe dieser Zeit hat seine Titelsammlung mit drei Meisterschaften, zwei DHB-Pokalsiegen und vier Triumphen im Europapokal ein imposantes Ausmaß erreicht. Im Mai dieses Jahres warf er den VfL Gummersbach mit insgesamt 16 Toren im Hin- und Rückspiel gegen BM Granollers aus Spanien zum Sieg im Europapokal der Pokalsieger. Mit dem Erfolg sicherte sich Szilagyi einen Eintrag in das Geschichtsbuch seines Sports: Als erstem Handballer ist es ihm gelungen, mit Champions League, EHF-Pokal und Pokalsiegercup die drei wichtigsten europäischen Clubwettbewerbe zu gewinnen.

Erst in Gummersbach verlängert, dann nach Flensburg gewechselt

Über Gummersbach spricht der 31-Jährige aber mittlerweile am liebsten gar nicht mehr. Auf die genauen Gründe, warum der VfL ihn an die SG abgab, "möchte ich nicht eingehen". Fakt ist, dass Szilagyi sich in Gummersbach wohl fühlte und seinen Vertrag erst im Februar bis 2012 verlängert hatte. "Er ist einer derjenigen, der die Truppe führt, auf den richtigen Weg bringt und zudem noch viele Tore für den VfL wirft", sagte Geschäftsführer Axel Geerken damals. Als wenige Wochen später die Flensburger bei Szilagyi anklopften, verwies der auf sein eben erst verlängertes VfL-Engagement - im festen Glauben, dass die Gummersbacher die Flensburger Offerte abbügeln würden. Doch das war nicht der Fall.

Gut möglich, dass es dem finanziell klammen VfL sehr gelegen kam, Szilagyi kurzfristig von der Gehaltsliste streichen zu können. "Es war eine einfache Entscheidung für mich", sagt er. Weil in seinen Augen die einen ihn unbedingt haben wollten und die anderen nicht. SG-Coach Per Carlén sagt über den Neuen: "Er hat nicht nur ein gutes Auge für den Kreis, er überblickt das ganze Spielfeld und passt mit seiner Spielweise zu hundert Prozent zu unserer Philosophie."

Szilagyi kennt das Leben im Einklang mit dem Meer. Die Zeit im Kieler Dress ist ein wichtiger Teil seiner Karriere, vielleicht der wichtigste. Nach den Stationen Dormagen und Essen schloss er sich 2005 der Mannschaft vom damaligen Trainer Noka Serdarusic an. Zu Beginn schien es so, als würde sich für Szilagyi nichts ändern und sein Weg weiter steil nach oben führen. Als Turbo des Kieler Hochgeschwindigkeitshandballs war er maßgeblich an den Erfolgen des Teams beteiligt.

Schiene am Knie erinnert an Szilagyis Kieler Leidenszeit

Doch so überfallartig Szilagyi den Kieler Tempohandball inszenierte, so plötzlich suchte ihn das Verletzungspech heim, das ihn lange Zeit nicht loslassen sollte. Kreuzbandriss, Meniskusschaden, Operation, Komplikationen, Folgeoperationen - in den Jahren zwei und drei in Kiel kam Szilagyi nie mehr so richtig auf die Beine.

2008 wechselte er nach Gummersbach. Seine Leidenszeit war vorbei, die Verletzungen überwunden. Dennoch: Wer ihn heute spielen sieht, sieht an seinem Knie eine dicke Schiene. Er könnte sie ablegen, aber er will es nicht. "Es ist eine mentale Sache", sagt Szilagyi. Extreme Kraftübungen im Training meidet er, um das Knie nicht zu überfordern.

Zu Beginn des Jahres, während der Europameisterschaft im eigenen Land, hat er den einheimischen Journalisten erklären müssen, was es mit der Schiene auf sich hat. Als die österreichische Nationalmannschaft angeführt von Szilagyi bei ihrem ersten großen internationalen Turnierauftritt seit fast 20 Jahren der Sprung aus dem Niemandsland in die Hauptrunde gelang, übertrug der ORF zum ersten Mal Handballspiele, und eine ganze Nation fieberte mit. "Von einer großen Handball-Euphorie zu reden, wäre übertrieben, aber das Interesse in Österreich ist definitiv gestiegen", sagt Szilagyi, der in Österreich überaus beliebt ist.

Es wird interessant zu beobachten sein, ob die Flensburger ihn, den früheren Kieler, genauso ins Herz schließen werden, wie es die Fans in Dormagen, Essen, Gummersbach und beim THW getan haben. Denn da gibt es dieses Champions-League-Finale von 2007. Auch wenn Szilagyi damals verletzt fehlte: Er war Teil jener Kieler Mannschaft, die der SG Flensburg-Handewitt die europäische Krone wegschnappte. Bis heute hält sich der Vorwurf, dass das Rückspiel zu Ungunsten der SG manipuliert gewesen und der THW-Sieg erkauft worden sei.

"Kein Problem", sagt Szilagyi, "bisher habe ich es immer geschafft, mich mit jedem meiner Vereine zu hundert Prozent zu identifizieren". Er freut sich auf Flensburg. Auf die Derbys gegen den THW, die Champions League und auf die HSV-Fußballer. Zu den Heimspielen im Volkspark sind es jetzt schließlich nur rund anderthalb Stunden Autofahrt.



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