Handball-Meister THW: Der letzte Tango von Kiel

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Bongarts/Getty Images

Die nächste Schale bitte! Nach dem Pokal sicherten sich die Handballer des THW Kiel auch die Meisterschaft. Die Spieler denken schon weiter - sie wollen den erneuten Sieg in der Champions League. Danach steht der Club vor einem historischen Umbruch.

Das dicke Zebra brachte die Schale. Was Hein Daddel, dieses wohlgenährte Maskottchen des THW Kiel, da in der Ostseehalle anschleppte, war zwar nur ein Imitat aus Pappe. Die echte Meisterschale muss noch graviert werden und wird dem Team erst beim letzten Heimspiel am 5. Juni gegen Wetzlar überreicht. Aber die THW-Spieler störten sich nicht weiter an diesem Umstand, sie feierten ausgelassen die 18. Meisterschaft des Clubs. Der zweite Titel in dieser Saison, nachdem Kiel schon den DHB-Pokal gewonnen hatte.

"Ich bin sehr stolz auf dieses Team. Viele haben ja nur darauf gewartet, dass wir stolpern und Niederlagen kassieren. Und jetzt stehe ich hier als Double-Gewinner", sagte Kiels Torjäger Filip Jicha. Der Tscheche sah völlig abgekämpft aus nach diesem 31:25 gegen die Rhein-Neckar Löwen. Ein Spiel, das stellvertretend für diese Meisterschaft steht: Von außen betrachtet sah das alles locker und leicht aus, es war jedoch schwere Arbeit, physisch und psychisch.

Diese perfekte vergangene Saison, mit 34 Siegen in 34 Bundesliga-Spielen, dazu die Titel in der Champions League und im Pokal, schien mitunter eine Last zu sein. Weil von dem Team ja nichts anderes erwartet wurde und wird als das nächste große Ding, das nächste Triple. Dabei hatte THW-Trainer Alfred Gislason schon vor dieser Saison immer wieder betont, diese historische Leistung lasse sich nicht wiederholen. Zudem starteten viele seiner ausländischen Profis auch noch unerholt in diese Spielzeit, weil sie im August bei den Olympischen Spielen in London im Einsatz waren.

"Wir mussten uns die Siege hart erkämpfen"

Dem THW Kiel fehlten in dieser Saison denn auch häufig die Leichtigkeit und Frische. "Wir mussten uns alle Siege hart erkämpfen", sagte Jicha. Und Gislason ergänzte: "Wir hatten schwierige Phasen. Im Dezember, nach zwei Niederlagen, wurde schon von Wachablösung gesprochen. Aber jetzt wir sind verdient Meister geworden."

Den Titel sicherte sich der THW, weil er in den entscheidenden Spielen seine Leistung abrief. Aus den Duellen gegen die direkten Konkurrenten Rhein-Neckar Löwen, Flensburg-Handewitt, Füchse Berlin und HSV Hamburg holten die Kieler von 16 möglichen Punkten 13. Da lassen sich dann Niederlagen wie gegen Melsungen und Göppingen verschmerzen. "Wir waren halt die konstanteste Mannschaft", sagte Torwart Thierry Omeyer.

In Kiel hoffen sie jetzt noch auf den Gewinn der Champions League beim Endrundenturnier in Köln am 1. und 2. Juni. "Es wäre großartig, unsere Leute mit einem Titel in Köln zu verabschieden", sagte Gislason und spielte damit auf die Abgänge an.

Omeyers Abgang wird schmerzen

Omeyer wird ebenso nach Frankreich zurückkehren wie sein Landsmann Daniel Narcisse, aktueller Welthandballer. Kapitän Marcus Ahlm beendet seine Karriere, auch Momir Ilic geht. Vier Weltklasse-Spieler, die nicht zu ersetzen sein werden. Zumal Kiel in Torwart Johan Sjöstrand sowie den beiden Rückraum-Akteuren Wael Jallouz und Rasmus Lauge Schmidt eher Perspektivspieler verpflichtet hat. Die Personalkosten sollen schrumpfen, auch beim THW muss man mittlerweile sparen.

Vor allem der Abgang von Keeper Omeyer dürfte heftig schmerzen. Gegen die Löwen bewies der Franzose einmal mehr, warum er so wertvoll ist. Als der Gegner in der ersten Halbzeit mehrfach drohte, dem Ausgleich nahe zu kommen, war es Omeyer, der Kiel in Führung hielt. Als der THW in der 37. Minute dann erstmals mit zehn Toren vorne lag (19:9), war Omeyers Arbeitstag beendet, er machte für seinen Nachfolger Andreas Palicka Platz. Ob der Schwede tatsächlich zur Nummer eins taugt, daran darf zumindest ein wenig gezweifelt werden. Zudem muss Gislason die zentralen Abwehrfiguren Ahlm und Ilic ersetzen.

"Die nächste Saison wird knüppelhart. Deshalb war diese Meisterschaft so wichtig", sagte der THW-Coach. Der Isländer scheint zu ahnen, dass man sich in Kiel womöglich auf mindestens ein Jahr ohne Titel einstellen muss. Seine Aufgabe wird sein, mittelfristig wieder ein Top-Team zu formen. In der kommenden Spielzeit dürften Hamburg, Flensburg und Berlin aber besser besetzt sein.

"Natürlich denke ich schon an die nächste Saison", sagte Jicha, auf den es in Zukunft mehr denn je ankommen wird, weil er ohne seine Backups Narcisse und Ilic auskommen muss. Angesprochen auf die kommende Spielzeit legte Jicha seine Stirn in Falten, als mache er sich ein wenig Sorgen. Mehr zu sich selbst sagte er dann: "Die Champions League, diesen einen Titel wollen wir noch holen."

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