Handball-Videoanalyst Engelsen: Zwischen Laptop und Kuhstall

Von Frank Schneller

Ein Mann, zwei Welten: Hauptberuflich ist Karl-August Engelsen Landwirt. Sind seine Tiere versorgt, erstellt er für seinen Handballverein Videoanalysen aller Spiele sowie kommender Gegner - und das hochprofessionell.

Mit ein paar frischen Eiern fing alles an. Damals, Mitte der Achtziger, in der Peripherie Flensburgs nahe der dänischen Grenze. Weil so mancher Handewitter Handballer – in der Regel noch Junggeselle und Selbstversorger – frühmorgens frische Eier zum Frühstück auf Karl-August Engelsens Hof abseits des Ortsteils Haurup holte, kam man miteinander ins Gespräch. Wie das eben so ist auf dem Dörben. Peter Rickertsen, seinerzeit Trainer, war Engelsens Stammkunde. Rickertsen erfuhr, dass der Jung-Landwirt im Besitz einer Videokamera war – "und zwar exklusiv", wie Engelsen erzählt. Videokameras hatte auf dem platten Land so gut wie niemand - schon gar nicht in Handewitt. Spitzensport indes gab es schon. Und so fragte Rickertsen, ob Engelsen, einst selbst Handballer, nicht mal das eine oder andere Spiel für ihn aufnehmen könne.

Aus dem einen oder anderen Spiel wurden viele Hunderte. Heute ist der Videowart Mitte vierzig und eine feste Größe im Konzept der SG Flensburg-Handewitt – in der Szene bundesweit be- und anerkannt. Nachdem Flensburg 2006 aus dem Pokalwettbewerb ausgeschieden war, hatte ihn der HSV für das Final Four ausgeliehen. Mit Hilfe der präzisen Videoanalysen der Halbfinals gelang den Hamburgern im Endspiel der Triumph. "Ich bin der Einzige, der viermal in Folge den Pokal gewonnen hat", sagt er mit aufgesetztem Stolz, da seine Flensburger den Pott zwischen 2003 und 2005 in Serie geholt hatten.

Engelsen lebt in zwei Welten. Er deckt mit seinen über 100 Kühen den durchschnittlichen Jahres-Milchbedarf von 7500 Menschen und versorgt seinen Trainer, dem er – wie immer dieser auch gerade heißt – stets treu ergeben ist, mit allen nur erdenklichen Details aus der Wunderwelt der Videoanalyse. Aus den alten Videokassetten wurden längst DVDs. Und aus ihm ein Autodidakt in Sachen moderner Technik.

In seinen Stallungen hat er sich ein Hightech-Studio eingerichtet, das man über eine Holztreppe erreicht und von dem aus man auf Engelsens Viehzucht blicken kann wie der Stadion-Ansager eines Fußball-Amateurclubs aus seinem Kabäuschen unter dem Tribünendach auf die Spielfläche. Hier verschmelzen die beiden Welten des Karl-August Engelsen. Oben funkeln die Knöpfe, und unten muhen die Kühe. Laptop und Milchkanne vertragen sich durchaus. Sein hochmoderner Hof – gerade hat Engelsen ein vollautomatisches Melksystem inklusive Videoüberwachung installieren lassen – ist die Schaltzentrale der taktischen Vorbereitung auf sämtliche Gegner der Branche, national wie international.

Engelsen ist zudem eine Art Torwarttrainer, denn den Keepern der SG schneidet er Extraversionen eines jeden Spiels zusammen; er ist die rechte Hand von Coach Kent-Harry Andersson, dem er meistens in weniger als einer Stunde nach dem Spiel einen Mitschnitt präsentiert und auch alle Detailinformationen über den kommenden Gegner sorgfältig in bewegten Bildern abliefert – je nach Wunsch.

In der Campushalle hat er seinen festen Platz in einer der Logen über der Haupttribüne, von wo aus er gleich mehrere Einstellungen des Spiels aufnimmt. So kann er allen Belangen gerecht werden – vor allem den Schnitten für die Torhüter. Der Einsatz in der Ferne dient indes primär der persönlichen Analyse der Geschehnisse durch Andersson – oftmals schaut der sich die Aufzeichnung schon auf der Rückreise von Auswärtsspielen an.

Früher war das anders: "Ich bin in den Achtzigern Tausende von Kilometern pro Jahr gefahren, quer durch Deutschland, denn mit dem Austausch von Spielmaterial war das damals noch längst nicht so wie heute. Es gab nicht von jedem Spiel Mitschnitte – und verlassen konnte man sich auch nicht immer auf die anderen Clubs." Bis weit in die Neunziger war Engelsen möglichst bei jedem Auswärtsspiel dabei. Inzwischen ist der Austausch des Bildmaterials jedoch rege und zuverlässig – auch, weil der Hauruper Pionierarbeit geleistet hat.

Der Mann sei eigentlich unbezahlbar, heißt es bei der SG. Inzwischen bekommt Engelsen eine Aufwandsentschädigung vom Verein. In all den Jahren hat er genau zwei Heimspiele verpasst. Einmal, weil er in die Halle des nächsten Gegners geschickt wurde. Beim zweiten Mal, weil seine Tochter Kristina konfirmiert wurde. Ausgerechnet an dem Tag, als die SG erstmals die Deutsche Meisterschaft unter Dach und Fach brachte – am 16. Mai 2004. Bei Kaffee und Kuchen verfolgten Festgäste und Familienkreis das 41:32 gegen Nordhorn live im Fernsehen.

Vom Kreißsaal in die Wikinghalle

"Der Konfirmationstermin stand lange vorher fest – wer konnte denn ahnen, dass das ein solch historischer Tag werden würde?", fragt der Herr der bewegten Bilder und scheint sich noch heute rechtfertigen zu wollen. Man sollte dabei wissen, dass einst nicht einmal die Geburt seines Sohnes Erik ein Hinderungsgrund war, bei seiner Mannschaft zu sein: "Da war das Timing besser. Die Geburt verlief planmäßig und unkompliziert. Ich war dabei und bin vom Kreißsaal in die Wikinghalle geeilt. Pünktlich zum Anpfiff gegen Großwallstadt war ich da."

Einer wie er verbindet Tradition und Fortschritt. Die Bodenständigkeit, die einem Verein in den Augen vieler Fans auch heute noch gut bekommt – bei Karl-August und seiner Frau Marlies Engelsen kann man sie finden, draußen vor den Toren Haurups am Rande des Feldweges. "Wo man meint, es kommt nichts mehr", wie Marlies sagt, und wo einst Peter Rickertsen Eier holte.

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