WM 2015 Großer Ärger um Wildcard für Deutschlands Handballer

Deutschland hat nachträglich einen Startplatz für die Handball-WM 2015 bekommen - doch die Entscheidung des Weltverbandes wirft viele Fragen auf. Vor allem der Ausschluss Australiens wirkt willkürlich. Heftige Kritik kommt von einem früheren deutschen Welthandballer.

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Handball-Nationaltorwart Heinevetter: Deutsches Team als Zugpferd
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Handball-Nationaltorwart Heinevetter: Deutsches Team als Zugpferd


Hamburg - Patrick Groetzki gab ein wenig den Stimmungskiller. Während sich Handball-Deutschland nahezu kollektiv über die überraschende Wildcard für die Weltmeisterschaft 2015 in Katar freute, twitterte der Nationalspieler am Dienstagabend: "Irgendwie ein komisches Gefühl auf so eine Art und Weise qualifiziert zu sein." Und mittlerweile ist der Rechtsaußen der Rhein-Neckar Löwen nicht mehr der Einzige, der das Vorgehen der Internationalen Handball-Föderation (IHF) und deren umstrittenen Präsidenten Hassan Moustafa kritisch sieht.

Kurz zur Erinnerung: Deutschland hatte die WM in den Playoff-Spielen gegen Polen sportlich zwar verpasst, bekam von der IHF aber nachträglich eine Wildcard. Dafür nahm der Verband Australien kurzerhand den Startplatz weg. Offizielle Begründung: Es gebe derzeit keinen von der IHF anerkannten Kontinentalverband Ozeanien.

Bevor der ozeanische oder australische Verband aufgrund des Zeitunterschieds reagieren konnte, gab es zunächst einmal Kritik aus Island. Dort ist man der Meinung, das eigene Team hätte die Wildcard bekommen müssen. Das würden nämlich das IHF-Reglement und eine Liste der Europäischen Handball-Föderation (EHF) besagen.

In den Regularien für IHF-Veranstaltungen heißt es unter Punkt 2.8: "Tritt die Mannschaft eines für die Weltmeisterschaft qualifizierten Verbandes nicht an, ... wird der Platz an die Kontinentalföderation des amtierenden Weltmeisters vergeben, die anschließend über die teilzunehmende Ersatznation entscheidet." Amtierender Weltmeister ist Spanien, demnach müsste die EHF über eine Ersatznation entscheiden.

EHF war im Wildcard-Prozedere nicht eingebunden

"Die EHF war in dem gesamten Prozess nicht eingebunden. Die Entscheidung, Deutschland eine Wildcard für die WM 2015 zu geben, lag allein in den Händen der IHF", sagte ein EHF-Sprecher auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. Daher kam auch nicht die EHF-Rangliste für die WM 2015 zum Tragen, die sich aus den Ergebnissen der EM 2014 und den Playoffs zusammensetzt. In diesem Ranking ist als erste, nicht für die Weltmeisterschaft qualifizierte Nation Island aufgeführt.

Aber, und da beginnt die Spitzfindigkeit der IHF: Australien tritt ja nicht freiwillig oder aus politischen Gründen nicht an, sondern wurde kurzerhand ausgeschlossen. Und damit sich der Weltverband nicht vorwerfen lassen muss, bei der Vergabe der Wildcard einen kontinentalen oder nationalen Verband zu bevorzugen, hat die IHF einfach die Ergebnisse der WM 2013 als Grundlage genommen. Und da war das beste, nicht für die WM 2015 qualifizierte Team das deutsche auf Platz fünf, was dem Weltverband äußerst gelegen kommt.

Deutsches Team ist das Zugpferd bei großen Turnieren

"Es ist doch allen klar, dass das eine Lex Deutschland ist. Die IHF braucht Deutschland und hat nun einen äußerst fragwürdigen Weg gefunden", sagte der frühere Nationalspieler und Welthandballer Daniel Stephan dem Sportinformationsdienst und äußerte damit die deutlichste Kritik.

Der Deutsche Handball-Bund (DHB) ist mit rund 800.000 Mitgliedern der größte Handballverband der Welt und die deutsche Nationalmannschaft ein Zugpferd bei großen Turnieren. Nimmt sie teil, ist die öffentliche Aufmerksamkeit ungleich größer, als wenn sie nicht mitspielt. Ist Deutschland dabei, kommen mehr Zuschauer in die Hallen, die TV-Einschaltquoten sind höher und das alles bedeutet mehr Werbeeinnahmen. Zuletzt hatte die DHB-Auswahl die Olympischen Spiele 2012 und die Europameisterschaft 2014 verpasst, was erhebliche finanzielle Einbußen für den Veranstalter zur Folge hatte.

In Australien löste die Entscheidung der IHF großen Ärger aus. "Nach der sportlich erfolgreichen Qualifikation sollte Australien an der WM im Januar 2015 teilnehmen dürfen. Die späte Entscheidung ist respektlos gegenüber unserer Vorbereitung und unseren Spielern und Trainern", sagte Alex Gavrilovic, Präsident des australischen Handballverbandes, der allerdings keine Schritte gegen die Entscheidung der IHF einleiten will. Ganz im Gegensatz zum ozeanischen Handball-Verband OCHF: Dort zieht man einen offiziellen Protest gegen die Entscheidung des Weltverbandes in Erwägung. Sogar der Weg vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne wird diskutiert.

Für Unverständnis sorgte vor allem die weitere Begründung der IHF, warum es keinen anerkannten Kontinentalverband Ozeanien gibt und Australien daher ausgeschlossen wird: Weil Ozeanien nicht die erforderliche Anzahl von Verbänden hätte. Das war früher allerdings kein Kriterium, denn die Anzahl der Mitgliedsverbände im OCHF hat sich in den vergangenen Jahren nicht geändert. Und Australien hat seit 1999 an sieben von acht Weltmeisterschaften teilgenommen, zuletzt am Turnier 2013 in Spanien, ohne dass die IHF darin ein Problem sah.

Warum wird Australien nun plötzlich ausgeschlossen? Auf welcher Grundlage bekam Deutschland die Wildcard? Gibt es dafür einen Passus im Reglement? Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ebenso wie von anderen Medien, ließ die IHF bislang unbeantwortet.



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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
stevowitsch 11.07.2014
1. Mist
Zitat von sysopimagoDeutschland hat nachträglich einen Startplatz für die Handball-WM 2015 bekommen - doch die Entscheidung des Weltverbandes wirft viele Fragen auf. Vor allem der Ausschluss Australiens wirkt willkürlich. Heftige Kritik kommt von einem früheren deutschen Welthandballer. http://www.spiegel.de/sport/sonst/handball-wm-2015-aerger-um-wildcard-fuer-deutschland-a-980496.html
Was soll das? Das ist doch völliger Mist. Die Jungs haben die Qualli vergeigt, und jetzt sollen sie wegen "Handballmarkt - Deutschland" doch mitspielen? Und das auf Kosten einer qualifizierten Mannschaft? Ich sage: Verzichten! Und wenn die doch fahren: Kompletter TV-Boykott.
berney 11.07.2014
2. Boykott!
Die deutsche Nationalmannschaft sollte sich nicht vor den Karren des IHF spannen und instrumentalisieren lassen. Auch wenn die Freude über eine Teilnahme groß wäre, Deutschland als fairer Verlierer wäre bestimmt allen lieber.
nurmeinemeinung 11.07.2014
3.
Zitat von stevowitschWas soll das? Das ist doch völliger Mist. Die Jungs haben die Qualli vergeigt, und jetzt sollen sie wegen "Handballmarkt - Deutschland" doch mitspielen? Und das auf Kosten einer qualifizierten Mannschaft? Ich sage: Verzichten! Und wenn die doch fahren: Kompletter TV-Boykott.
Genau Meine Meinung. Wenn die für 5 Pfennig Ehrgefühl haben fahren die nicht hin. Ende aus. Aber das ist Profisport, das hat mit sportmanship nichts zu tun. Mit Sport auch nicht.
Emmi 11.07.2014
4. Das macht im Zeitalter des Sportkommerz absolut Sinn!
Das macht im Zeitalter des Sportkommerz absolut Sinn! Man stelle sich mal vor, bei einer Fußball-WM würden Brasilien oder Deutschland nicht mitmachen, weil sie sich nicht qualifiziert haben! Die ganze WM wäre nur noch halb so interessant und die Einnahmen der FIFA würde zusammenbrechen! Deshalb bin ich dafür, dass es bei großen Turnieren mindestens 8 gesetzte Mannschaften gibt, die den meisten Umsatz garantieren. Im Fußball wären das evtl. Brasilien, Deutschland, Argentinien, England, Frankreich, Italien, Spanien und die USA (!). Eigentlich müsste man noch China und Japan dazu nehmen wegen der Größe der Märkte... Die restlichen Länder können sich ja wie bisher dazu qualifizieren. Beim Handball macht man das nun schon mal vor.
Ausfriedenau 11.07.2014
5. Der DHB...
Zitat von sysopimagoDeutschland hat nachträglich einen Startplatz für die Handball-WM 2015 bekommen - doch die Entscheidung des Weltverbandes wirft viele Fragen auf. Vor allem der Ausschluss Australiens wirkt willkürlich. Heftige Kritik kommt von einem früheren deutschen Welthandballer. http://www.spiegel.de/sport/sonst/handball-wm-2015-aerger-um-wildcard-fuer-deutschland-a-980496.html
sollte auf die wildcard verzichten und sich fragen, warum er als größter Handballverbund der Welt nicht in der Lage war, sich auf sportlichem Web zu qualifizieren. Der deutsche Handball muss sich grundlegend erneuern. Die deutschen Vereine lassen ihren eigenen Nachwuchs verkommen und kaufen stattdessen nur europäischen Spitzenspieler ein, um mitmischen zu können. Der deutsche Handball hat es nicht verdient, an Weltturnieren teilzunehmen. Die Zuschauer sollten die Weltmeisterschaft und diesen korrupten Handball boykottieren.
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