Handball Darum ist Deutschland bei der WM so stark

Zwei Siege, ein Unentschieden, Platz eins in der Gruppe: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft spielt bislang eine überraschend starke WM. Woran liegt es? Fünf Gründe für den Aufschwung.

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Typisch Bob Hanning: Da hatte die Handball-Nationalmannschaft gerade ein kaum für möglich gehaltenes 30:30-Remis gegen Dänemark erreicht, und der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB) hatte nichts Besseres zu tun, als gleich wieder große Töne zu spucken. "Jetzt müssen wir ganz klar definieren, dass wir den Gruppensieg wollen", sagte Hanning, während um ihn herum die deutschen Spieler erklären mussten, warum das DHB-Team bei dieser Weltmeisterschaft so stark auftrumpft.

Dabei wird im allgemeinen Jubel derzeit gern mal vergessen, dass sich Deutschland gar nicht für das Turnier in Katar qualifiziert hatte, sondern nur dank einer fragwürdigen Wildcard teilnehmen darf. Sportlich befand sich der deutsche Handball - abgesehen von einem Zwischenhoch bei der WM 2013 - in den vergangenen Jahren im freien Fall. Und nun bezwingt das junge Team von Bundestrainer Dagur Sigurdsson erst Polen, dann Russland und erkämpft sich gegen Vizewelt- und -europameister Dänemark ein Unentschieden, das nicht nur nach Ansicht des isländischen Coaches "ein gefühlter Sieg" war.

Aber warum sind die deutschen Handballer plötzlich so gut? Fünf Gründe für den Aufschwung.

  • Der Trainer
    Gegen Dänemark zeigte Sigurdsson wieder einmal, warum er als Top-Trainer gilt. Er ließ sein Team mit zwei vorgezogenen Abwehrspielern in einer 4:2-Deckung beginnen, die den gefährlichen dänischen Rückraum unter Druck setzen sollten. Eine Variante, auf die Dänemarks Trainer Gudmundur Gudmundsson, unter dem Sigurdsson einst in der isländischen Nationalmannschaft gespielt hatte, zunächst keine rechte Antwort hatte. Später stellte der deutsche Coach auf 6:0- oder 5:1-Deckung um. Anders ausgedrückt: Sigurdsson hat auf sich ergebende Situationen auf dem Spielfeld häufig die richtige Antwort.

  • Das Selbstvertrauen
    Bei allen Emotionen, die Sigurdsson an der Linie zeigt, strahlt der Isländer immer auch eine bestimmte Souveränität, ein gewisses Selbstbewusstsein aus. Die Körpersprache des Isländers ist eine ganz andere als die seines Vorgängers Martin Heuberger. Das überträgt sich auch auf die Mannschaft. Sigurdsson arbeitet mit fast dem gleichen Kader wie zuvor Heuberger. Aber die Spieler treten unter dem Isländer ganz anders auf, trauen sich mehr zu, haben viel mehr Selbstvertrauen. Weil sie wissen, was sie machen sollen. Weil sie wissen, dass sie es auch können. Und weil sie wissen, dass sie sich dabei Fehler erlauben dürfen.

  • Die Cleverness
    Wie weit das deutsche Team mittlerweile spieltaktisch ist, konnte man gegen Dänemark gut beobachten. Die Skandinavier sind bekannt für ihr gefährliches Tempogegenstoß-Spiel, das es zu verhindern galt. Daher spielte Deutschland seine Angriffe geduldig aus und vermied somit leicht Ballverluste. In den letzten 33 Sekunden gelang es dem DHB-Team zudem, in Unterzahl den Ball nicht mehr herzugeben. Anstatt unbedingt das Siegtor erzielen zu wollen, beschränkte sich die Mannschaft darauf, Ball und Remis zu halten, was angesichts der Tabellenkonstellation überaus clever war.

  • Die Torhüter
    Gegen Polen und Russland hatte Carsten Lichtlein mit seinen Paraden in der zweiten Halbzeit entscheidenden Anteil an den deutschen Erfolgen. Daher durfte er gegen Dänemark beginnen - und hielt schwach. Also beorderte Sigurdsson Silvio Heinevetter ins Tor. Der hielt Deutschland zu Beginn der zweiten Halbzeit im Spiel und sorgte dafür, dass das DHB-Team fast durchgehend führte. Zwei gute Torhüter sind im Handball die Basis, um erfolgreich sein zu können. Und Lichtlein wird mit seinen mittlerweile 34 Jahren endlich auch international zu einem spielentscheidenden Keeper.

  • Die Offensive
    Unter Sigurdsson sind nicht nur Linksaußen Uwe Gensheimer und Rechtsaußen Patrick Groetzki stark, von denen man schon seit Jahren weiß, dass sie internationale Top-Spieler sind. Dem Trainer ist es gelungen, das Offensivspiel variabler zu machen. Vor allem das Zusammenspiel von Regisseur Martin Strobel mit den Kreisläufern Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler funktioniert jetzt bestens. Zudem erweist sich Steffen Weinhold im rechten Rückraum bei dieser WM als besonders stark. Die Gegner können sich somit nicht auf den einen oder die zwei deutschen Haupttorschützen einstellen.

"Es ist wichtig, dass wir jetzt nicht vom Gas gehen", gab Sigurdsson unmittelbar nach dem Schlusspfiff gegen Dänemark die Marschroute aus. Am Donnerstag spielt sein Team gegen Argentinien, am Samstag trifft es zum Abschluss der Vorrunde auf Saudi-Arabien (jeweils 17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Gelingen dem DHB-Team (5:1 Punkte) gegen die Außenseiter zwei Siege, zieht es als Gruppenerster ins Achtelfinale ein, weil Verfolger Dänemark (4:2) beim 24:24 gegen Argentinien patzte.

Als Sieger der Gruppe D träfe Deutschland auf den Vierten der Gruppe C, was für Trainer Sigurdsson nach derzeitigem Stand ein ganz besonderes Duell werden würde: Platz vier belegt aktuell Island.

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
ekel-alfred 21.01.2015
1. 6 Gründe!
Ich sehe noch einen sechsten Grund: Die Mannschaft hat keinen Erwartungsdruck und konnte am Anfang frei aufspielen. Sie hatten sich nicht qualifiziert und die Mannschaft ist jung und unerfahren. Wie sie mit der steigenden Erwartungshaltung umgehen können, wird sich in den nächsten Spielen zeigen.
usfriend 21.01.2015
2. Wird Deutschland jetzt Weltmeister?
;) So wie Dänemark im Fußball als Serbien nicht mitmachen durfte und dann nachgerückt ist ... Anyway, ist nur etwas für Sky-Abos ...
deus-Lo-vult 21.01.2015
3.
Ein Unding, dass kein öffentlich rechtlicher Sender Livebilder der Spiele zeigt.
Vanagas 21.01.2015
4. Ein Unding, daß Australien ausgebootet wurde . . .
Zitat von deus-Lo-vultEin Unding, dass kein öffentlich rechtlicher Sender Livebilder der Spiele zeigt.
. . . für unsere Handball- Versager. So eine erkaufte WM, dazu noch in Katar- da müßten Sie mir Geld geben damit ich mir diesen Mist ansehe! Wo bleibt denn da die Sportlerehre?
Petersbächel 21.01.2015
5.
Das Geheimnis ist Island.
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