Deutscher Sieg gegen Kroatien Stimmung!

Die deutschen Handballer stehen nach einem weiteren dramatischen Sieg im WM-Halbfinale. Die Euphorie um das sportlich begeisternde Team scheint keine Grenzen zu kennen. Leider.

Jubelnde deutsche Spieler
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Jubelnde deutsche Spieler

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Die Szene des Spiels: Gerade erst hatten die Kroaten den Ball an die Latte geworfen und Fabian Wiede im Gegenzug auf 18:15 erhöht, als sich Kai Häfner die Chance zum 19:15 bot. Doch Kroatiens Schlussmann Marin Sego verhinderte die Vier-Tore-Führung mit einer starken Parade. Statt eines Schlussspurts mit Rückenwind begann nach dieser vergebenen Chance das große Wackeln.

Das Ergebnis: Deutschland hat sich durch ein 22:21 (11:11) gegen Kroatien vorzeitig für das Halbfinale am Freitag in Hamburg qualifiziert. Hier geht es zum Spielbericht.

Uwe Gensheimer (l.) und Fabian Wiede
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Uwe Gensheimer (l.) und Fabian Wiede

Die erste Hälfte: Beide Teams begannen mit offensiven Verteidigungsreihen, um die stärksten Werfer des Gegners vom eigenen Tor fernzuhalten und Druck auf die Angreifer auszuüben. Dies gelang. Über die kompletten 30 Minuten hinweg waren konsequent ausgeführte Spielzüge Mangelware, viele Würfe landeten in Bedrängnis neben dem Kasten oder am Schlussmann. Mehr als zwei Tore Führung erspielte sich kein Team, nach 1:3, 6:6 und 10:9 konnte Deutschlands erneut überragender Offensivspieler Wiede 15 Sekunden vor Schluss zum 11:11 ausgleichen.

Die zweite Hälfte: Begann ähnlich hektisch, wie der erste Durchgang endete. Deutschland übernahm die Führung, nach dem 18:15 fielen trotz einer bravourösen Parade von Andreas Wolff gegen Zeljko Musa vier kroatische Treffer in Folge. Überraschend wechselte Bundestrainer Christian Prokop den Torhüter, doch nach zwei unglücklichen Gegentreffern musste Silvio Heinevetter seinen Platz wieder räumen. Wiede und Steffen Fäth glichen zum 19:19 und 20:20 aus, Hendrik Pekeler brachte die DHB-Auswahl nach einem Tempogegenstoß 21:20 in Führung, bevor die bis dahin souveränen Schiedsrichter überraschend Stürmerfoul gegen die Kroaten entschieden. "Ein sehr guter Pfiff", sagte TV-Experte Markus Baur, die Gästespieler waren empört und wollten sich bis zum Schlusspfiff (und darüber hinaus) nicht mehr beruhigen. Uwe Gensheimer erhöhte auf 22:20, der Gegner konnte nur noch verkürzen.

Keine Atempause: "Hinten gewinnen wir das Spiel", sagte der Bundestrainer seinen Akteuren in einer der Auszeiten in der zweiten Hälfte. "Die haben gestern gespielt" - ein Mantra, das sich durch die ganze WM zieht. Der Spielplan ist so eng, dass die Mannschaft mit einem Tag mehr Pause fast immer als Favorit in enge Schlussphasen geht. Die Kroaten hatten noch ihre Partie gegen Brasilien vom Vortag in den Knochen, die Deutschen mit knapp 20.000 Zuschauern im Rücken mehr Kraftreserven. Dazu die tiefere Bank - was sollte da noch schiefgehen? Beinahe alles, wie die letzten Minuten zeigten.

Das Wir-Gefühl: Dass der Hallensprecher bereits nach drei Minuten den Zuschauern mit karnevalesk kehliger Stimme "Alle zusammen!" und "Jetzt holen wir uns die Führung, Köln!" zubrüllt, daran haben wir uns im Laufe dieser WM ja bereits irgendwie gewöhnt. Dass ZDF-Kommentator Christoph Hamm von "Wir" spricht, wenn er das deutsche Team meint, ist allerdings eine irritierende Distanzlosigkeit, an die man sich nicht gewöhnen sollte.

Der Stimmungsdämpfer: Nach achteinhalb Minuten waren das Spiel und die WM für den deutschen Spielmacher Martin Strobel beendet. Bei einem eigentlich harmlosen Zweikampf verdrehte er sich unglücklich das Knie und musste das Feld auf der Trage verlassen. Da der Spielmacher verletzt ausfällt, darf Prokop einen weiteren Akteur in seinen Kader aufnehmen.

Gense-Cam: Wie schon gegen Frankreich vergab der deutsche Kapitän Uwe Gensheimer seinen ersten Siebenmeter. Doppelte Dopplung: Wie gegen die Franzosen nahm er sich auch den zweiten Versuch und traf. Starke Signale des Selbstbewusstseins sind gerade bei Gegnern auf Augenhöhe von großer Bedeutung. Gensheimer war bereits mehrfach in diesem Turnier in der Lage, diese auszusenden, auch wenn er freistehend einiges liegen ließ.

Domagoj Duvnjak
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Domagoj Duvnjak

Duvnjak-Cam: Die Brasilianer hatten am Vortag gezeigt, wie man den überragenden Kroaten möglichst gut aus dem Spiel nimmt. Die Deutschen hatten sich das sehr genau angeschaut und zwangen Domagoj Duvnjak zu wilden Würfen. Martin Strlek, Igor Karacic und Zlatko Horvat setzten die Nadelstiche, zu denen ihr sichtlich angeschlagener Superstar nicht in der Lage war. Größe zeigte der Kieler nach der Partie, als er trotz der diskutablen Entscheidung gegen sein Team kurz vor Schluss schnell die Kurve kriegt und außer einem "Lächerlich!" nichts Böses sagen wollte. Stattdessen: Glückwünsche an das deutsche Team.

Der Ausblick: Der Vorteil für Deutschland liegt auf der Hand. Während sie die Hauptrunde gegen Spanien (Mittwoch, 20.30 Uhr) locker austrudeln lassen können, müssen alle potenziellen Gegner auf Sieg spielen, um den Halbfinaltag am Freitag in Hamburg zu erreichen.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
südholländer 22.01.2019
1. Warum leider????
Was will man mehr? Spannung bis zur letzten Minute. Wem das nicht gefällt, der soll zum Fußball gehen und sich langweilen.
halverhahn 22.01.2019
2. Zittersieg!!
Durch die eklatant schlechte Chancenverwertung des DHB-Teams müsste man bis zur vorletzten Spielminute zittern. Das muss besser werden!!! Egal, Hauptsache heute gewonnen und das Halbfinale erreicht. Zwei Sachen noch zum hiesigen Artikel: Es muss nicht unbedingt ein Vorteil fürs deutsche Team sein, dass es im nächsten Spiel gegen Spanien um nichts mehr geht, die anderen Teams aber noch um den Einzug ins Halbfinale kämpfen müssen. Es muss darum gehen, die Spannung im DHB-Team weiterhin hoch zu halten. Des Weiteren... warum darf der deutsche Kommentator nicht von „Wir“ sprechen?! Mir geht die deutsche Korrektheit und dass die Deutschen Reporter möglichst unparteiisch/ausgewogen kommentieren sollen respektive gar müssen, dermaßen auf den Keks!!! Es ist „unser Team“, das dort heute gewonnen hat. Also lass uns auch ruhig mal euphorisch-patriotisch denken und von meiner Seite aus, dürfen deutsche Kommentatoren ruhig mal richtig emotional werden. In südlichen Ländern wie Italien, Spanien, Kroatien und Co. ist das ganz normal, wenn die dortigen Reporter unverhohlen zu Ihren Team halten und Tore bzw Erfolge entsprechend laut bejubeln bzw heraus brüllen. Fazit: Scheixxx auf die dämliche deutsche Korrektheit!! Sport lebt schließlich auch durch Emotionen!!!
Ein Stein! 22.01.2019
3. Wenn Sie sich daran stören,
[...] Dass ZDF-Kommentator Christoph Hamm von "Wir" spricht, wenn er das deutsche Team meint, ist allerdings eine irritierende Distanzlosigkeit, an die man sich nicht gewöhnen sollte. [...] dann sollten Sie sich die Frage stellen, ob Sport wirklich das für Sie geeignete Ressort ist! Egal in welcher Sportart, eine Nationalmannschaft vertritt als Auslese der Besten einer Nation dieselbe. Wenn der Kommentator also Deutscher oder als Nichtdeutscher ein Fan dieser Mannschaft ist und sich von ihr vertreten und deshalb mit ihr verbunden fühlt, ist es sein gutes Recht von "wir" oder "uns" zu reden, besonders in einer Livere4portage! Diese peinliche Distanz deutscher Medienvertreter zu sportlichen Vertretern der eigenen Nation ist weltweit wirklich einmalig, selbst die sonst so "beherrscht" und "kühl" auftretenden Asiaten sehen das anders. Ich kann mich also sehr gut daran gewöhnen und bin einmal gespannt, wie viele Sportfans das ebenso sehen. Und wenn Sie sich daran nicht gewöhnen wollen: Wie wäre es mit dem Bereich Kultur für Sie?
Klaus.Freitag 22.01.2019
4. Regeln
Die Regeln sind blöd. Als ein Kroate kurz vor Schluss rin Tor erzielt, wird dieses wegen Foulspiel an ihm nicht gegeben. im Basketball hätte das gezählt und er hätte obendrein einen Freiwurf gekriegt.
chrimel 22.01.2019
5. Bewundernswert!
Ich bin eigentlich Fußballfan und interessiere mich für andere Sportarten nur eingeschränkt bei großen Events. Aber ich muss Abbitte leisten! Was bei diesem Turnier bislang gezeigt wurde, nötigt mir allerhöchste Anerkennung ab. Um es ganz, ganz altmodisch auszudrücken, daß entspricht den positiven Vorstellungen von Ritterlichkeit aus dem Mittelalter! Entgegen allen aktuellen Empfinden gegenüber Männern, verkörpern sämtliche Beteiligten alle positiven Eigenschaften: Ehrgeiz, Fleiß, Hingabe, Leidenschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl, Empathie, Fairness, Mitgefühl und gegenseitiges Vertrauen! Ich bin zutiefst beeindruckt!!!
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