Handball-WM-Sieg über Brasilien "Mein schönstes Spiel"

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat sich mit dem Erfolg über Brasilien ins Turnier gespielt. Das Team demonstrierte Spielstärke und Zusammenhalt gleichermaßen. Das hilft vor allem dem Bundestrainer.

Von , Berlin


Einen perfekten Tag, wer wünscht sich das nicht? Lou Reed hat ihn einst besungen, Fabian Wiede hat ihn am Samstag erlebt. Nach der 34:21 (15:8)-Gala gegen Brasilien im zweiten WM-Spiel stellte der Nationalspieler mit aller ihm zur Verfügung stehenden Nüchternheit fest: "Das war heute ein perfekter Tag."

Und nicht nur das. Für Wiedes Coach Christian Prokop war es sogar "mein schönstes Spiel bisher als Bundestrainer". Prokops Zeit als Bundestrainer war bis dahin noch nicht so reich an wunderschönen Tagen, die verkorkste Europameisterschaft im Vorjahr wurde zum Gutteil ihm angelastet, er dafür verantwortlich gemacht, dass es in der Mannschaft Missstimmung gab.

All das ist an diesem Berliner Samstagabend zwar noch nicht vollständig von ihm abgefallen, aber diese Partie über die Brasilianer, immerhin die stärkste Truppe Südamerikas, hat ihm ein Gefühl gegeben, dass es offenbar nicht ganz falsch ist, was er und sein Trainerteam in den vergangenen Wochen und Monaten an Vorbereitung getrieben haben.

Als Defensiv-Fetischist bezeichnet

Die verschiedenen Mannschaftsteile harmonierten in diesen 60 Minuten wie selten in Prokops Amtszeit. Der Trainer ist bekannt für seine Akribie, mit der er an der Defensivarbeit feilt, in der Pressekonferenz nach dem Spiel wurde er von einem Journalisten gar als "Defensiv-Fetischist" bezeichnet. Prokop hob daraufhin eine Augenbraue an, aber er widersprach nicht. Und lobte drauf umso deutlicher "das Gespür des Publikums, das Abwehraktionen mit Szenenapplaus quittiert hat".

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Tatsächlich hatten gerade seine beiden Mittelblocker in der Abwehr Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek wieder Beeindruckendes geleistet. Die Südamerikaner, die am Abend zuvor gegen Weltmeister Frankreich noch eine formidable Partie abgeliefert hatten, suchten, den Ball in der Offensive immer wieder hin und her passend, die Lücke in der Abwehr. Allein: Da war keine.

Aber es war eben nicht nur die Abwehr, es war nicht nur der gewohnt zuverlässige Torwart Andreas Wolff, gerade zu Beginn der Partie kaum zu überwinden, die für diese starke Vorstellung verantwortlich waren. Vorne traf Linksaußen Uwe Gensheimer, wie es ihm beliebte, sagenhaft bleibt zudem seine Sicherheit beim Siebenmeter, aber es waren eben auch andere, die die Aufgabe als Führungsspieler an- und übernahmen. Es roch in der Berliner Arena nach Teamgeist. Es ist der Geruch, der die Mannschaft 2016 zum EM-Titel geführt hatte.

Fäth traf vier Mal nacheinander

Steffen Fäth im Rückraum gehörte zu denen, die sich gegen Brasilien in die Pflicht nahmen. Erst misslangen ihm noch zwei Torwurfversuche, er holte sich danach das Selbstvertrauen durch einige gelungene Vorlagen für Gensheimer-Tore, dann schritt er selbst zur Tat und traf in der ersten Hälfte gleich vier Mal nacheinander. "Was er in der ersten Halbzeit gespielt hat, war entscheidend für unseren Erfolg", sagt Prokop. Und der Bundestrainer wäre nicht er selbst, wenn er nicht rasch eingeschränkt hätte: "Neben unserer Abwehrleistung."

Und er hätte noch anfügen sollen: Und der Leistung des Publikums. Der Samstagabend gab genug Hinweise, wie wertvoll der Heimvorteil bei diesem Turnier noch werden kann. "So langsam scheint die Handball-WM in Deutschland angekommen", griff Prokop zum Stilmittel der Untertreibung, wenn er die Atmosphäre in der Arena damit gemeint hat. Die Gäste waren zunächst sichtlich verunsichert durch die frenetische Unterstützung, später richtiggehend entnervt, zeigten sich fahrig im Passspiel, überhastet im Torwurf.

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Allerdings hatten die Brasilianer auch nur knapp 20 Stunden Erholung nach dem schweren Gang gegen die Franzosen, während das Prokop-Team einen ganzen zusätzlichen Tag Ruhe zur Verfügung hatte. Brasiliens Trainer sah auch darin einen Grund für die enttäuschende Leistung seines Teams. Es lag nicht nur an der starken Form der deutschen Spieler.

Die ersten beiden Partien sind nichtsdestotrotz siegreich absolviert, das DHB-Team hat einen guten Start in die WM hingelegt, "es ist das eingetroffen, was wir uns vorgestellt haben, mehr aber auch noch nicht", sagt Prokop. Gegen Korea und Brasilien waren Siege fest eingeplant, nun geht es in die herausfordernden Duelle mit Russland, Frankreich und Serbien.

Den Rückenwind, den sich die Mannschaft erspielt hat, kann ihr allerdings erst einmal niemand wegnehmen. Dieser Satz gilt mindestens bis Montag.



insgesamt 5 Beiträge
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schwabenmaul 13.01.2019
1. Leider nur vorerst erfolgreich.
Die Ernüchterung wird erst noch kommen, wenn die sogenannten "kleine Länder" wie Serbien,Kroatien ,Dänemark u.s.w. den Deutschen zeigen wie mann gewinnt. schwabenmaul
aliof 13.01.2019
2. Tolles Spiel, aber auch völlig richtig beschrieben
.. daß die armen Brasilianer großteils noch immer nicht erholt waren von ihrer grandiosen Leistung gegen die Franzosen. Zum Schluß war es sogar für absolute Laien zu erkennen, daß einige der gelbgrünen Recken ohne wirklichen Grund ausrutschten, Bälle unkoordiniert an eigene Beine oder sogar zum Gegner warfen … also stehend k.o. waren. Trotzdem, es lief zeitweise wie geschmiert, und war schön anzuschauen. Aber ! Das war NICHT das Brasil, das gegen Frankreich auf dem Platz stand.
bardolino12 13.01.2019
3. Morgen Russland
Natürlich wird es morgen gegen Russland schwerer. Aber die Richtung stimmt schon mal und dann gegen Frankreich muss eh alles passen. Die Jungs machen jedenfalls schon mal einen guten Job und geben sich nicht so hochnäsig wie die Pöhler.
cerec 13.01.2019
4. Superleistung
die Jungs waren unglaublich diszipliniert und top eingestellt, da gab es nichts zu meckern. Souveräne Leistung, auf die man aufbauen kann, sicher wird es schwerer, aber mit der Euphorie dem Können und dem Teamgeist wird das was, trotzdem bleibt Dänemark Turnierfavorit.
xismus 13.01.2019
5. Freude beim Zuschauen
Natürlich kann man Handball und Fußball nicht unbedingt vergelichen. Aber es war schön anzusehen, was Handball ausmacht. Verteidigen , Ball erobern, spielen, passen und Tore schießen, Lust am Spiel, nicht Ballbesitz, sondern Tordrang war angesagt......und bei der Fußball WM? Ballbesitz, Ball hin- und her Geschiebe, sich Übrerlaufen lassen und das Spiel verlieren. Ich glaube der Fußball kann durchhaus vom Handball Taktik lernen. Ein Siel wird auch im (mit) Kopf gespielt, aber der Weg vom Kopf zur Hand ist halt kürzer als zum Fuß. Mir hat das Spiel gefallen und werde mir die noch folgenden Spiele gerne anschauen.
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