DHB-Analyse vor der Handball-WM Prokops Star ist die Defensive

Ohne Ersatz auf Rechtsaußen, dafür mit Finn Lemke: Trainer Christian Prokop hat nach der EM-Pleite kräftig umgebaut. Was sind die Stärken und Schwächen des Teams? Handball-Experte Christian Köhrmann analysiert.

Christian Prokop, Silvio Heinevetter und Oliver Roggisch (v.l.)
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Christian Prokop, Silvio Heinevetter und Oliver Roggisch (v.l.)


Zur Person
  • imago/ pmk
    Christian Köhrmann, Jahrgang 1980, ist Trainer des Wilhelmshavener HV. Der ehemalige Bundesligaspieler betreut das Team seit der Saison 2011/12 und führte den ehemaligen Bundesligisten wieder in die 2. Liga.

Die Europameisterschaft 2018 hätte für die deutsche Mannschaft besser laufen können. Doch allzu oft lief es, wie in den letzten zehn Sekunden des finalen Vorrundenspiels gegen Mazedonien. Beim Stand von 25:25 hielt zunächst Torhüter Silvio Heinevetter, dann unterbrach Trainer Christian Prokop den direkten Konter. Auszeit.

Prokop versuchte, seinem Team eine Taktik für den letzten Spielzug mitzugeben. Die Spieler hörten ihm aber größtenteils gar nicht zu. Stattdessen sprachen sich Steffen Weinhold und Philipp Weber untereinander ab, spielten sich nach Wiederanpfiff gegenseitig den Ball zu. Als sie ihn spät zu Rechtsaußen Patrick Groetzki passten, geriet dieser in einen direkten Zweikampf. Abpfiff. Deutschland verpasste den Sieg.

Bereits vor einem Jahr hatte Prokop genaue Vorstellungen, wie seine Mannschaft zu spielen hat. Die wurden aber nicht von jedem Spieler zu hundert Prozent geteilt. Nach der Europameisterschaft hat er sein Spiel angepasst. Nun scheint es, Trainer und Spieler hätten ein gemeinsames System gefunden - und alle stehen dahinter.

Prokops bewegliches Bollwerk

Besonders die deutsche Defensive hat sich eingespielt, sie gibt der Mannschaft mehr Stabilität. Beim Testspielsieg gegen Argentinien bekam die DHB-Auswahl nur 13 Gegentore. Ein großer Faktor: Finn Lemke. Der Rückraumspieler war vor der EM 2018 aussortiert worden. Vor allem diese Entscheidung war Prokop angelastet worden.

Seitdem spielt Lemke wieder eine wichtige Rolle in einer Mannschaft, die hauptsächlich mit zwei Abwehrsystemen arbeitet. Auf der einen Seite mit einer agilen 6:0-Abwehr, die mit viel Laufarbeit gegen den Ball arbeitet. Gegen körperlich unterlegene Mannschaften ist der Innenblock durch die Größe und die Körperlichkeit der Verteidiger häufig in der Lage, einen Block zu stellen, auf den sich die Torhüter verlassen können. Auf der anderen Seite agiert die Mannschaft in einem 3-2-1-System, um technische Fehler und frühe Abschlüsse des Gegners zu provozieren.

Gegen Mannschaften mit guten Distanzschützen geht die Defensivformation einen Schritt heraus. Gegen Mannschaften, die viel über den Kreis spielen, geht rückt sie weiter zurück - oder täuscht einen Schritt nach vorn an, um Passwege zu schließen und vielleicht sogar Pässe abzufangen.

Variabilität durch drei Kreisläufer

Die personelle Besetzung der Defensive ist auch ein Hauptgrund, warum mit Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Jannik Kohlbacher drei Kreisläufer nominiert wurden, während Groetzki der einzige Rechtsaußenspieler im Aufgebot ist. Die Nichtnominierung von Tobias Reichmann weckte zunächst Erinnerungen an die Degradierung von Lemke, ergibt aber durchaus Sinn.

Wiencek und Pekeler spielen defensiv den Innenblock, Kohlbacher die Halbposition. In dieser Konstellation die Kräfte zu verteilen, ist sinnvoll. Vor allem, wenn die Spieler in der Offensive viele Wege gehen müssen.

Dazu könnten die Kreisläufer auch auf Rechtsaußen spielen, um Groetzki zu entlasten. Zwar stehen in Fabian Wiede, Weinhold und dem jungen Franz Semper drei rechte Rückraumspieler im Aufgebot. Ein Kreisläufer auf der Außenposition könnte das deutsche Spiel aber noch variabler machen.

Patrick Wiencek (l.) und Hendrik Pekeler (r.)
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Patrick Wiencek (l.) und Hendrik Pekeler (r.)

Gegen offensivstehende Gegner können die wuchtigen Kreisläufer auf Rechtsaußen die Übergänge steuern, sodass entsprechend Lücken für die Rückraumspieler gerissen werden. Gegen defensivere Abwehrreihen könnte dagegen ein Rückraumspieler auf Rechtsaußen spielen, um dort mal einen Halbverteidiger weg zu blocken.

Über Umschaltsituationen zu schnellen Toren

Um Mannschaften wie Favorit Dänemark gefährlich zu werden, reicht eine starke Abwehr jedoch nicht aus. Die Mannschaft muss vorne diszipliniert auf den Punkt spielen. Ein wirklicher Offensivstar im Rückraum fehlt dem Team. Die individuelle Klasse ist im Vergleich mit vielen anderen Teams hoch, aber nicht Weltspitze, wie beispielsweise Dänemark mit Mikkel Hansen.

Schaffen sie es, nach gegnerischen Abschlüssen die jeweilige Angriffsseite des Gegners über schnelle Umschaltsituationen konsequent anzugreifen, ist dies der vielversprechendste Weg. Offensiv muss die Mannschaft zusammenarbeiten und sich als Mannschaft Lücken erarbeiten. Die Abwehr kann im Verlaufe des Turniers dann zum großen Trumpf werden. Die deutsche Defensive ist der eigentliche Star dieses Teams.

Protokolliert von Henrik Bahlmann



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