Handball-Nationalcoach Prokop Unmöglich, oder?

Bei der Handball-WM versucht es das deutsche Team nochmal mit Trainer Christian Prokop. Trotz des großen Knalls vor einem Jahr, als das Verhältnis rettungslos zerrüttet schien. Ist ein Erfolg realistisch?

Christian Prokop
DPA

Christian Prokop

Von


Die 33. Minute der zweiten Hälfte lief, 15:15 stand es zwischen Deutschland und Spanien, und mit einem Sieg hätte die DHB-Auswahl doch noch das Halbfinale der Handball-EM erreicht. Es war noch alles möglich, und wäre der Einzug in die nächsten Runde gelungen, es hätte das Beben in den Wochen danach wohl nicht gegeben.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Nur zehn Minuten später lag Deutschland 15:23 zurück, verlor das entscheidende Hauptrundenspiel und scheiterte als Titelverteidiger mit einer denkwürdig schlechten Vorstellung. Der Job von Bundestrainer Christian Prokop geriet in Gefahr, mit der umstrittenen Nicht-Nominierung des Teamleaders Finn Lemke war der Chefcoach ohnehin schon angeschlagen ins Turnier gegangen. Immer wieder war auch von einem Aufstand der Spieler gegen ihren Coach die Rede gewesen.

Ein Jahr später und vor dem Start der Handball-WM werden diese Geschichten wieder aufgewärmt, denn der Trainer ist noch da. Prokop durfte trotz kritischer Stimmen aus der deutschen Liga bleiben, er will die richtigen Schlüsse aus dem EM-Debakel gezogen haben, von einer "schonungslosen Aufarbeitung" sprach er gegenüber dem SPIEGEL. Lesen Sie das ganze Interview hier bei SPIEGEL +.

Auch die meisten Spieler von damals gehören dem Kader an, der es nun bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land und Dänemark besser machen soll. Am Donnerstag bestreitet die Mannschaft das Eröffnungsspiel gegen Korea (18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF). Der deutsche Verband hofft auf Begeisterung für seine Sportart, das Ziel des DHB lautet Hamburg - dort finden die WM-Halbfinals statt. Hier finden Sie den kompletten Spielplan.

Prokop und das alte Team, kann das gut gehen? Die Protagonisten sind zwar geblieben, wichtige Veränderungen hat es aber gegeben.

  • Die Taktik

"Ich hatte mir viel schöneren und moderneren Handball vorgestellt, als wir ihn gespielt haben," sagt Prokop dem SPIEGEL. Schöner und moderner Handball, gemeint ist schnelles Umschaltspiel - bei der EM wurde dann klar, dass diese Spielidee nicht zum Spielermaterial im DHB-Kader passt oder eine längere Vorbereitung benötigt. Man sei "taktisch und als Mannschaft nicht auf einer Wellenlänge" gewesen, sagt Prokop.

Die offensivere Spielidee dürfte der Vergangenheit angehören, dafür spricht die Kaderzusammenstellung. Auch die jüngsten Testspieleindrücke gegen Tschechien und Argentinien deuten auf ein defensiveres System hin. Dieses mag weniger schön sein als der spektakuläre Tempohandball, wie ihn zum Beispiel Schweden spielt, wahrscheinlich aber passender für die körperlich starke deutsche Mannschaft.

  • Der Kader

Prokop hat eine sinnvollere Nominierung vorgenommen als vor einem Jahr. Der 40-Jährige verzichtete diesmal auf größere Experimente, was der Defensive zugutekommen wird, die das Prunkstück des deutschen Teams ist und entscheidend für den EM-Titel vor drei Jahren war.

Einzig das WM-Aus für Tobias Reichmann überrascht, der beim Titelgewinn 2016 bester Werfer der Mannschaft gewesen ist. Aber auch diese Maßnahme ist nachvollziehbar: Seine Nicht-Nominierung schafft Raum für einen zusätzlichen Rückraumspieler. So wird klar: Prokop will eine weitere Option für eine starke Defensive, diese hatte er vor einem Jahr mit dem Verzicht auf Lemke noch erheblich geschwächt. Sollte der letzte verbliebene Rechtsaußen im Kader, Patrick Groetzki, doch Unterstützung benötigen, könnte Reichmann nachnominiert werden.

  • Die Stimmung

Kurz vor dem Start des wichtigen Heimturniers stellt natürlich kein Profi den Coach öffentlich in Frage, aber die Aussagen über Prokop waren in der Vergangenheit schon einmal reservierter. Torwart Andreas Wolff hob gegenüber dem Sport-Informationsdienst die "unglaublich gute Kommunikation zu uns Spielern" hervor - Prokops Führungsstil stand vor einem Jahr noch besonders in der Kritik. Ob hinter diesen Aussagen auch Überzeugungen stecken, wird mit den ersten Spielen klarer.

Was auch auffällt: Teile einiger Auszeiten in den Tests gegen Tschechien und Argentinien überließ Prokop seinen Spielern, ihre Eindrücke sollen künftig offenbar mehr Gewicht kriegen. Über die Auszeiten bei der EM sagte Prokop dem SPIEGEL: "Ich konnte mich bei einigen Auszeiten selbst nicht mehr hören. Ich habe mit harter Kritik und Wut reagiert, weil ich so enttäuscht war über unsere Leistung. Damit habe ich den Spielern kein Selbstbewusstsein eingeflößt. Das war falsch." Nun sollen die Spieler mehr Verantwortung übernehmen.

Kader, Taktik, Stimmung im Team - Prokop hat an wichtigen Stellschrauben gearbeitet, um diesmal ein besseres Ergebnis zu ermöglichen. Auf einige Punkte hat Prokop keinen Einfluss, auf den Spielplan zum Beispiel. Deutschland hat die schwierigere Turnierhälfte erwischt und würde beim Weiterkommen wohl mit Frankreich, Spanien und Kroatien um zwei Halbfinalplätze konkurrieren - ein hartes Los, mindestens Frankreich und Spanien sind stärker einzuschätzen. Auch mit Störungen von außen muss der Bundestrainer rechnen.

  • Die Kritiker

Nach dem EM-Debakel steht Prokop nun unter besonderer Beobachtung, jede seiner Entscheidungen wird kommentiert und bewertet, Berufsrisiko möchte man meinen. Zum Teil kommt es dabei zu übertriebener Kritik, wie nun Michael "Mimi" Kraus zeigte, der Prokop für die Nicht-Nominierung von Torwart Johannes Bitter scharf anging.

Dazu muss man wissen: Kraus ist nach starker Saison und Verletzungsproblemen nicht nominiert, zudem Teamkollege von Bitter und ergreift wohl deswegen Partei; die aktuell Nominierten Andreas Wolff und Silvio Heinevetter sind internationale Topkeeper und stehen eigentlich außerhalb jeder Diskussion. Dazu passt ein Zitat von Berti Vogts, der einst als Bundestrainer der Fußballnationalmannschaft sagte: "Wenn ich übers Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker: Nicht mal schwimmen kann der."

  • Die Gegner

Dreimal Weltmeister, die deutsche Liga galt lange als die beste der Welt - die Erwartungen an die deutschen Handballer sind grundsätzlich hoch, vor der Heim-WM vielleicht sogar noch ein wenig höher. Aber Deutschland spielt eben nicht alleine bei dieser WM und hat auch nicht mehr die beste nationale Liga. Es gibt inklusive der DHB-Auswahl sieben Mannschaften, die den Titel gewinnen können - der Konkurrenzdruck ist enorm. Wenn Deutschland das Halbfinale erreicht, war es ein gutes Turnier für Prokop und seine Mannschaft.

Die besten Titelchancen haben Schweden, Europameister Spanien, Titelverteidiger Frankreich und Co-Gastgeber Dänemark. Die deutsche Mannschaft sehen wir an Position fünf - lesen Sie in unserem Powerranking Einschätzungen zu allen 24 WM-Teams:

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.