"Wintermärchen" Handball-WM 23 Nüsse für Aschenbrödel

Weltmeisterschaft im eigenen Land: Das heißt für viele Handballfans: Alle zwei Tage spielt Deutschland. Dabei hat das Turnier insgesamt fast 100 Spiele. Was ist da los, wenn das DHB-Team nicht spielt?

Spanien-Fanklub "Furia Conquense"
Anna Paarmann

Spanien-Fanklub "Furia Conquense"

Aus München berichtet Anna Paarmann


Im Bemühen, den Handballsport als ebenbürtigen Rivalen des Fußballs zu etablieren, sprachen viele Medien rund um die Weltmeisterschaft 2007 von einem "Wintermärchen": Der Titelgewinn der deutschen Mannschaft im eigenen Land wurde so mit der Euphorie rund um die Fußball-WM in Deutschland konnotiert, die ein halbes Jahr vorher stattgefunden hatte. Die Zeitschrift "Sportbild" feierte den damaligen Nationaltrainer Heiner Brand sogar als wahren Klinsmann. Er habe verwirklicht, was der DFB-Coach "nur versprochen" habe.

Jetzt findet wieder eine Handballweltmeisterschaft zumindest zur Hälfte in Deutschland statt. Und wieder kann man besichtigen, wie vermessen der Vergleich dieser beiden Sportarten ist. Der große Unterschied: Handball, das ist für sehr viele Menschen in Deutschland ein toller Sport - den man einmal im Jahr für zwei Wochen intensiv verfolgt. Während aber beim Fußball alle 64 Spiele der WM im Fernsehen zu sehen sind, und das ZDF auch für Marokko gegen Iran die Primetime freischaufelt, interessieren sich die Öffentlich-Rechtlichen beim Handball nur für die deutsche Mannschaft. Nicht einmal das Endspiel wird in ARD oder ZDF zu sehen sein, wenn Deutschland nicht dabei ist.

Und in den Hallen? Wer sich ein Ticket für ein Vorrundenspiel kauft, kann in der Regel gleich drei Spiele nacheinander sehen, wenn er oder sie möchte. Nicht jeder möchte das. Beispiel München, erster Vorrundenspieltag der Gruppe B. Bei der Begegnung zwischen Japan und Mazedonien ist die Olympiahalle nur zur Hälfte gefüllt. Beim Spiel Island - Kroatien sind dann immerhin 12.000 Fans vor Ort. Und dann? Kommt es zum Match mit dem vielleicht größten Leistungsunterschied des ganzen Turniers. Spanien, der amtierende Europameister und zweifache Weltmeister, trifft auf Bahrain. Spanien hat in der WM-Geschichte 94 Spiele gewonnen. Bahrain hat in der WM-Geschichte alle seine 14 Spiele verloren.

"Da sind wir stolz drauf"

Als die Nationalmannschaft aus Bahrain vom Stadionsprecher angekündigt wird, tanzen im zweiten Rang noch die kroatischen Fans zur Musik eines Spielmannszugs in bayerischer Tracht. Sie wedeln mit ihren Schals, klatschen im Takt, pfeifen. Und verpassen auch das Einlaufen der Spanier. Die Kroaten haben gerade die Isländer 31:27 besiegt, in einem engen und spannenden Spiel.

Bahrain hingegen traut niemand etwas zu. Keiner der Handballer aus dem Nahen Osten konnte bislang Erfahrungen in Europa sammeln. Wollen sie auch gar nicht, sagt zumindest Doktor Khaled Abdulrahman Al Haidan, Vizepräsident des bahrainischen Handballverbands. "Drei Spieler hatten schon Angebote aus Europa, zum Beispiel aus Island. Aber sie haben abgelehnt, wegen ihrer Familie, der Kultur."

Khaled Abdulrahman Al Haidan
Anna Paarmann

Khaled Abdulrahman Al Haidan

Verschiedene Kulturen scheint Al Haidan für nicht kompatibel zu halten. Auf das Nachbarland Katar angesprochen, das bei der Heim-WM 2015 mit der Einbürgerung etlicher Spieler aus Nationen wie Frankreich, Montenegro und Serbien das Endspiel erreichte, sagt der Funktionär: "Das ist für uns kein Thema. Unsere Spieler stammen alle aus Bahrain, sie sind Originale. Da sind wir stolz drauf."

Hat Bahrain doch eine Chance?

Welche Perspektiven aber hat eine Mannschaft, in der kein einziger Spieler auch nur in einem anderen Emirat beschäftigt ist, gegen ein Team wie Spanien, dessen Profis in fünf europäischen Topligen unter Vertrag stehen? Das möchten dann doch noch knapp 10.000 Zuschauer an diesem Münchner Januarabend wissen.

Denn inzwischen haben auch die lärmenden Kroaten ihre Plätze wieder eingenommen. An den Bratwurst- und Pizzabuden ist es deutlich leerer geworden, die Mitarbeiter, die fürs Bierzapfen zuständig sind, atmen durch. Ganz offensichtlich haben die kroatischen Fans damit gerechnet, dass Spanien sich längst einen 20-Tore-Puffer verschafft haben würde. Weil der Blick auf die Anzeige etwas anderes sagt, flammt Begeisterung auf. Hat Bahrain etwa doch eine Chance gegen den Europameister?

Ein Block beginnt, im Takt zu klatschen. Wie eine La-Ola-Welle reißt es das ganze Publikum mit. Spanien wird bei einem Foul ausgepfiffen, der Außenseiter hat viele Fans in der Halle. Fans aus anderen "Kulturen", muss man sagen, denn aus Bahrain selbst sind nur eine Handvoll Fans angereist, wie der Verband mitteilt.

Vielleicht gibt es doch ein Wintermärchen?

Bahrain-Fans auf Zeit aber sind viele in der Halle. Wie Petra, Josip und Zoran Zubaj. Sie leben in München, ihre Familien stammen aus Kroatien. "Wir haben für alle Spiele, die hier stattfinden, eine Karte", sagt die 23 Jahre alte Petra, die sich bei einer Stichwahl zwischen ihrer neuen und alten Heimat für Kroatien entscheiden würde. "Bei uns sagt man: Gene sind aus Stein", sagt ihr Bruder. Petra findet jenseits aller Gene: "Aber jetzt bin ich für Bahrain, ich finde die sympathisch. Außerdem ist das ein kleines Land."

Zoran Zubaj, Sohn Josip, Tochter Petra
Anna Paarmann

Zoran Zubaj, Sohn Josip, Tochter Petra

In der ersten Reihe, direkt hinter den Auswechselbänken der Spieler, hat sich inzwischen ein spanischer Fanklub postiert. Sie sind in gelb-rote Trikots, Mützen und Schals gehüllt und prophezeien einen 40:20-Sieg. "Wir bleiben insgesamt 13 Tage in Deutschland, fahren also auch zur Hauptrunde nach Köln." Die Spanier reisen der Nationalmannschaft schon seit Jahren hinterher. "Wir waren letztes Jahr in Kroatien, 2017 in Frankreich, davor in Polen." Sogar den weiten Weg nach Katar haben die Männer und Frauen auf sich genommen.

Recht behalten sollen sie mit ihrer Prognose nicht. Das Spiel endet "nur" mit einem Zehn-Tore-Vorsprung für die Spanier, nämlich 33:23. Deren Nationaltrainer Jordi Ribera spricht Bahrain nach dem Abpfiff ein großes Lob aus. "Das Spiel war vor allem in den ersten Minuten wirklich komplex. Ich bin jetzt natürlich glücklich über die ersten zwei Punkte."

Glücklich sind auch Petra, Josip und Zoran. Ihre kroatische Mannschaft spielt am Sonntag gegen Japan. Vorher könnten sie ab 14 Uhr auch wieder Bahrain anfeuern. Spannender als der Spielausgang wird dann vielleicht die Frage nach der Stimmung in der Olympiahalle. Wird das Spiel zwischen Bahrain und Mazedonien für echte Begeisterung sorgen? Vielleicht erleben wir ja wirklich ein Wintermärchen.



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dutom 13.01.2019
1. Teilzeit Handball Fan
Dass ARD und ZDF nur die Spiele mit deutscher Beteiligung übertragen ist, bei ansonsten halbleeren Hallen und dem Wunsch des DHB nach mehr Publikumsinteresse, traurig genug. Dass aber die Verwertung der „anderen“ Spiele so unprofessionell erfolgt, ist traurig und nur dadurch zu erklären, dass erst der Geldbeutel und dann der „Dienst“ an den Fans zählt. Ich, z.B., möchte von Zeit zu Zeit (wenn ich Zeit habe) anständig kommentierte Spiele und Zusammenfassungen in erträglicher Schnitt-Geschwindigkeit sehen. Leider Fehlanzeige bei z.B. Sportdeutschland.tv. Quatar-Ägypten = Stille.
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