Deutscher WM-Auftaktsieg: Halbzeit des Grauens, Halbzeit des Glücks

Aus Granollers berichtet

Rasant - und trotzdem unsicher: Beim Sieg gegen Brasilien hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft Angriffe von beeindruckender Schnelligkeit, aber auch große Schwächen in der Abwehr. Den Erfolg sicherten ein glänzend haltender Torwart und zwei treffsichere WM-Neulinge.

Handball-WM: Deutschland vs. Brasilien: Holpriger Start, hoher Sieg Fotos
AFP

Am Ende ließen sie sich feiern. Während ihnen auf der Tribüne die deutschen Fans zujubelten, blickten sich die deutschen Handball-Nationalspieler auf dem Feld glücklich, aber vor allem erleichtert an. Vor nur 2700 Zuschauern hatten sie kurz zuvor ihr WM-Auftaktspiel 33:23 (12:10) gegen Brasilien gewonnen, ein Pflichtsieg. Der Turnier-Start ist geglückt, Bundestrainer Martin Heuberger konnte auf der Pressekonferenz einigermaßen entspannt verkünden, wie froh man über die ersten Punkte sei.

Dass die junge deutsche Mannschaft nach Ausfällen und Absagen ein fragiles Gebilde ist, konnte aber auch der hohe Sieg nicht verdecken. Schon in der fünften Spielminute war Silvio Heinevetter stocksauer. Der Torhüter hatte soeben den 3:3-Ausgleich hinnehmen müssen. Wütend rannte Heinevetter ein paar Schritte aus seinem Kasten, dann platzte es aus ihm heraus: "Das ist doch scheiße! Der geht da einfach so durch!" Es war eine vulgäre, aber treffende Analyse.

Vor allem der Mittelblock mit Abwehrchef Oliver Roggisch und Michael Haaß wirkte in der Anfangsphase unkonzentriert, regelmäßig kam Brasilien so zu einfachen Toren. Symptomatisch war eine Szene aus der 14. Minute, als die Südamerikaner nach vier erfolgreichen Blocks der Deutschen trotzdem das 7:5 warfen. "Wir waren zu passiv", gab Heuberger, für den die Abwehr in Spanien der Schlüssel zum Erfolg sein soll, zu. "Wir sollten schauen, dass wir die Abwehr demnächst sofort richtig stellen", sagte Spielmacher Haaß.

Dass der Rückstand nicht höher ausfiel, hatte Deutschland in dieser Phase Heinevetter zu verdanken, der in der ersten Hälfte 50 Prozent der gegnerischen Würfe parierte. Im Stich gelassen habe er sich aber nicht gefühlt. "Dafür stehe ich ja da", sagte der Keeper der Füchse Berlin. Trotzdem bemängelte der 28-Jährige: "So wie das Spiel in der ersten Halbzeit gelaufen ist, kann man damit natürlich nicht zufrieden sein."

Erfolgreich dank des "Highspeed-Handballs"

Dass am Ende trotzdem ein klarer Sieg gelang, lag vor allem an der "Tiefe des Kaders", wie es Heuberger nennt. "Unsere Stärke war, dass wir nicht hektisch geworden sind", sagte Haaß. Nach einer Auszeit drehte die DHB-Auswahl auf, zog mit 12:10 in die Halbzeit und zeigte vor allem in einer starken zweiten Hälfte das, was Heuberger später als "Highspeed-Handball" bezeichnete.

Binnen acht Minuten baute Deutschland den Vorsprung auf fünf Tore aus (17:12), entscheidenden Anteil daran hatte Steffen Weinhold. Während hinten Roggisch und Co. abräumten, drehte der WM-Debütant aus Flensburg, der den schwachen Adrian Pfahl im rechten Rückraum ersetzte, auf. Weinhold traf direkt nach Wiederanpfiff zweimal nacheinander und war am Ende mit sieben Toren der beste Werfer im Team. "Ich habe die Dinger heute ganz gut erwischt", sagte Weinhold, der nach der Schlusssirene zum Spieler des Spiels gewählt wurde.

Als Weinhold noch mit seiner Bescheidenheit glänzte, war sein Teamkollege Kevin Schmidt bereits strahlend in der Kabine verschwunden. Der 24-jährige WM-Debütant von der HSG Wetzlar hatte zuvor mit glänzenden Augen von seinem ersten Match bei einer Endrunde berichtet. "Etwas mehr als sonst" habe seine Hand bei seinem ersten Siebenmeter gezittert, sagte Schmidt. Angemerkt hatte man es ihm nicht. Schmidt täuschte wie schon in der WM-Vorbereitung lässig an und traf. Am Ende kam er auf fünf Tore.

"Ich bin überzeugt von meinem Kader, gerade von den jungen Spielern. Dass es für sie heute so gut geklappt hat, freut mich sehr", sagte Heuberger, ehe er in Richtung Hotel aufbrach. Dort wird er seine Mannschaft auf den nächsten Gegner vorbereiten. Und der ist von einer anderen Klasse ist als Brasilien. Am Sonntag (17.20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) trifft die DHB-Auswahl auf Tunesien. Den Afrikameister hatte Torwart Heinevetter als eine der "schlimmsten Mannschaften, die es zu spielen gibt", bezeichnet.

Deutschland - Brasilien 33:23 (12:10)
Deutschland:
Heinevetter, Lichtlein - Weinhold (7), Schmidt (5/2), Groetzki (4), Theuerkauf (4), Wiencek (3), Christophersen (2), Reichmann (2), Haaß (1), Kneer (1), Strobel (1), Klein (1), Pfahl (1), Fäth (1), Roggisch
Brasilien: Nascimento - Cardoso (4), Patrianova (4), Pacheco (4), Gama (2), Teixeira (2), Ribeiro (2), Guimaraes (2), Santos (1), Candido (1), Pires (1).
Schiedsrichter:
Gubica/Milosevic (Kroatien)
Zeitstrafen: 1:2
Siebenmeter: 2/2:0/1
Zuschauer: 2700

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Handball-Nationalmannschaft: Der deutsche WM-Kader

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Handball-WM

Was schafft die deutsche Nationalmannschaft bei der Endrunde in Spanien?

DHB-Kader
Tor Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Carsten Lichtlein (TBV Lemgo)

Rückraum Mitte Michael Haaß (Frisch Auf Göppingen), Martin Strobel (TBV Lemgo)

Rückraum links Sven-Sören Christophersen (Füchse Berlin), Stefan Kneer (SC Magdeburg), Steffen Fäth (HSG Wetzlar)

Rückraum rechts Steffen Weinhold (SG Flensburg-Handewitt), Adrian Pfahl (VfL Gummersbach)

Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel), Kevin Schmidt (HSG Wetzlar)

Rechtsaußen Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Tobias Reichmann (HSG Wetzlar)

Kreis Oliver Roggisch (Rhein-Neckar Löwen), Patrick Wiencek (THW Kiel), Christoph Theuerkauf (HBW Balingen-Weilstetten)

Die deutschen Gruppengegner
Brasilien
Die Handball-WM in Spanien ist für die junge brasilianische Mannschaft nur eine Durchgangsstation, das Ziel heißt Rio de Janeiro. Bei den Olympischen Spielen 2016 im eigenen Land wollen die Spieler mit ihrem spanischen Trainer Jordi Ribera für Furore sorgen. "Wir müssen den jungen Spielern die Chance auf internationale Erfahrungen einräumen - auch auf Kosten nicht so guter Ergebnisse", sagte Ribera vor dem Auftaktspiel gegen Deutschland. Bei den Panamerikanischen Spielen verlor die Mannschaft, die in Linksaußen Felipe Borges (Leon) und Rückraumspieler Thiagus Santos (Ciudad de Logrono) lediglich über zwei Legionäre verfügt, erst im Finale gegen Argentinien (21:22). - Bilanz gegen Deutschland: 7 Spiele, 7 Niederlagen. sid
Tunesien
Afrikameister Tunesien hat sich im Welthandball zu einer festen Größe entwickelt und nimmt in Spanien zum zehnten Mal in Folge an einer WM teil. Beste Platzierung war Platz vier bei der WM 2005 im eigenen Land. Nach dem Einzug ins Viertelfinale bei den Olympischen Spielen in London traten einige erfahrene Akteure zurück. Die Mannschaft des französischen Trainers Alain Portes befindet sich im Umbruch. Die Hoffnungen ruhen auf dem künftigen Kieler Rückraumspieler Wael Jallouz. - Bilanz gegen Deutschland: 9 Spiele, kein Sieg, ein Unentschieden, acht Niederlagen. sid
Montenegro
Einst im Handball kaum von Bedeutung, ist das Selbstvertrauen von Montenegro bei der WM groß. Nachdem das Team von Trainer Zoran Kastratovic in der Qualifikation im Sommer den späteren Olympiazweiten Schweden rausgeworfen hatte, landeten sie vor zwei Monaten den nächsten Coup: Der 31:27-Erfolg zum Auftakt der EM-Qualifikation gegen Deutschland markiert eine der schwärzesten Stunden der jüngeren deutschen Handball-Vergangenheit. "Wir haben der Welt gezeigt, dass auch Montenegro Handball spielen kann", sagte Kastratovic. Bei ihrer ersten WM-Teilnahme wollen die montenigrinischen Männer nun aus dem Schatten ihrer Landsfrauen treten, die im Dezember die EM gewannen und bei den Spielen von London Silber holten. - Bilanz gegen Deutschland: 3 Spiele, 1 Sieg, 2 Niederlagen. sid
Argentinien
Panamerikameister Argentinien will bei der Handball-WM an die starken Leistungen der letzten interkontinentalen Titelkämpfe anknüpfen. Vor zwei Jahren besiegten die Gauchos in der Vorrunde zunächst Gastgeber Schweden und zwangen die deutsche Mannschaft im Spiel um Platz elf danach zweimal sensationell in die Verlängerung. "Wir wollen das letzte WM-Ergebnis bestätigen und hoffen, die Gruppenphase zu überstehen", sagte Spielmacher Sebastian Simonet. Bei den Olympischen Spielen in London verpasste Argentinien das Viertelfinale knapp durch ein 23:25 im entscheidenden Spiel gegen Tunesien. Das Turnier beendeten die Südamerikaner auf dem zehnten Platz. - Bilanz gegen Deutschland: 2 Spiele, 2 Niederlagen. sid
Frankreich
Olympiasieger Frankreich kann bei der Handball-WM Geschichte schreiben und als erste Mannschaft überhaupt zum dritten Mal in Folge Weltmeister werden. "Wir sind niemals satt. Wir wissen, was wir schon gewonnen haben und was wir gewinnen können. Das stärkt das Selbstvertrauen", sagte Torhüter Thierry Omeyer vom deutschen Meister THW Kiel. Neben Omeyer zählen der Kieler Welthandballer Daniel Narcisse, Nikola Karabatic und Luc Abalo zu den Stars der Mannschaft von Trainer Claude Onesta. Allerdings sind auch die Franzosen nicht unschlagbar. Bei der EM 2012 in Serbien belegte Frankreich nur Platz elf. - Bilanz gegen Deutschland: 68 Spiele, 26 Siege, 7 Unentschieden, 35 Niederlagen. sid