Handball-Nationaltorwart Lichtlein Ein Mann, eine Mauer

Deutschland steht im Viertelfinale der Handball-WM - vor allem dank Carsten Lichtlein. Gegen Ägypten zeigte der Torwart eine Weltklasse-Leistung. Für ihn ist es endlich der Durchbruch - 13 Jahre hat er darauf gewartet.


Sport wird von Zahlen dominiert. Sie sind wichtig, um die Leistung der Athleten einordnen zu können. Handballtorhüter etwa werden daran gemessen, wie viele Würfe des Gegners sie entschärfen. 30 Prozent gelten als in Ordnung, 40 Prozent als sehr gut, 50 Prozent als Weltklasse. Deutschlands Nationaltorwart Carsten Lichtlein hielt im WM-Achtelfinale 56 Prozent.

"Das war eine einmalige Leistung. Er hat das Tor zugemauert", jubelte Bernhard Bauer, Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB), nach dem 23:16 (12:8)-Erfolg gegen Ägypten. Und Deutschlands Kapitän Uwe Gensheimer sagte: "Das war echt geil, was der heute gehalten hat."

Lichtlein selbst konnte zwar gut einordnen, was ihm da am Montagabend in der Lusail Multipurpose Hall gelungen war ("Es gibt solche Spiele, wo alles klappt"), kommentierte seine außergewöhnliche Leistung ansonsten aber nur mit den Worten: "Man muss auch die Ruhe und Gelassenheit haben, um einfach auch mal stehen zu bleiben. Dabei hilft auch schon das Alter."

34 Jahre ist der deutsche Keeper mittlerweile alt. Das sei das beste Torhüter-Alter, sagt man gerne. Für Lichtlein ist es das Alter, in dem ihm bei der Weltmeisterschaft in Katar endlich der Durchbruch in der Nationalmannschaft gelang.

Fotostrecke

7  Bilder
Handball-WM: Lichtlein überragend, Groetzki treffsicher
Weltmeister 2007, Europameister 2004, fast 200 Länderspiele seit dem Debüt im November 2001: Das sind die Titel und Zahlen auf Lichtleins Visitenkarte. Sie lesen sich eindrucksvoll, sind bei genauerem Hinsehen aber bloß Stationen einer weitgehend enttäuschenden Karriere im DHB-Trikot.

Sowohl bei der WM 2007 als auch bei der EM 2004 gehörte Lichtlein bloß als dritter Torwart zum deutschen Kader, er stand bei den Triumphen keine Sekunde auf dem Spielfeld. Und unter den vielen Länderspielen sind viele Testpartien und Kurzeinsätze. Wenn es aber ernst wurde, in den K.-o.-Spielen bei großen Turnieren, saß Lichtlein meist draußen.

"Jedes gute Spiel von ihm freut mich. Er musste sich oft hinten anstellen", sagte der frühere Bundestrainer Heiner Brand nach dem Erfolg gegen Ägypten. Streng genommen ist er ja Schuld daran, dass Lichtlein im Nationalteam selten über die Rolle des Reservisten hinauskam, weil er ihn in seiner Zeit als Bundestrainer von 1997 bis 2011 ständig nominierte und dann nicht einsetzte. Allerdings hatte Brand auch immer ein Luxusproblem.

Fritz, Ramota, Bitter und Heinevetter vor Lichtlein

Lichtlein war 19 Jahre alt, als ihn der TV Großwallstadt mit einem Profivertrag ausstattete und 21, als er zum ersten Mal für Deutschland spielen durfte. Der 2,02 Meter große Schlaks galt damals als großes Talent, er hatte im Nationalteam nur ein Problem: Da war stets einer, der noch besser war.

Als Deutschland 2003 Vizeweltmeister wurde, 2004 Europameister und Olympia-Silber holte, kam Lichtlein nicht an Henning Fritz und Christian Ramota vorbei. Beim WM-Titel 2007 hatten Fritz und Johannes Bitter die Nase vorn. Und als diese beiden irgendwann nicht mehr für Deutschland aufliefen, war Silvio Heinevetter die Nummer eins. "Ich warte weiter auf meine Chance", hat Lichtlein immer wieder geantwortet, wenn er auf seine unglücklich verlaufende Karriere im Nationalteam angesprochen wurde.

Dabei mag auch Lichtleins Art eine Rolle gespielt haben. Der Vater zweier Söhne gilt als ruhiger Typ, er ist kein Lautsprecher, der das Rampenlicht sucht. Anders als Heinevetter, der allein schon wegen seiner Beziehung mit Schauspielerin Simone Thomalla Dauergast in den Boulevardmedien ist. Ramota war immer der Flippige, der stets einen kessen Spruch parat hatte. Fritz war der Vulkan, der auf dem Spielfeld regelmäßig ausbrach und damit das Team pushte. All das war und ist Lichtlein nicht.

Lichtlein fehlte lange die Konstanz

Dazu kommt, dass dem gebürtigen Würzburger lange Zeit die Konstanz eines Fritz' oder Bitters fehlte. Zwar sagt man Lichtlein nach, verbissen wie kein Zweiter zu trainieren und sich pedantisch auf die gegnerischen Werfer vorzubereiten. Doch in den engen Spielen bringt er es nicht, das blieb lange Zeit von Lichtlein haften. Was ungerecht ist, schließlich blendet es aus, dass er Deutschland etwa bei der WM 2009 in Kroatien mit starken Leistungen vor einer Blamage in der Vorrunde bewahrte.

Die Wende kam für Lichtlein mit dem Bundestrainer-Wechsel. Dagur Sigurdsson, seit August vergangenen Jahres im Amt, vertraut dem Torwart des VfL Gummersbach, und der zahlt es mit starken Leistungen zurück. Das deutete sich bereits in der EM-Qualifikation an und setzte sich bei dieser WM fort. Bei den Auftaktsiegen gegen Polen und Russland war der eingewechselte Lichtlein ein entscheidender Faktor. Auch gegen Argentinien hielt er stark. Die Krönung folgte nun gegen Ägypten.

"Wenn wir so eine Torhüter- und Abwehrleistung wieder hinbekommen, ist alles möglich", blickte Sigurdsson nach dem Sieg gegen Ägypten schon in Richtung Viertelfinale, das die deutsche Mannschaft am Mittwoch (16.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Gastgeber Katar bestreitet.

Während der Bundestrainer das sagte, musste Lichtlein noch Foto- und Unterschriftenwünsche erfüllen - von den ägyptischen Fans.

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
biesi2 27.01.2015
1. Achtelfinal oder doch Viertelfinale?
Soweit ich das im Kopf habe, hat Deutschland gestern durch den Sieg gegen Ägypten das Viertelfinale erreicht und nicht das Achtelfinale, wie der Aufmacher zu dem Artikel behauptet. Besser ändern oder?
pr8kerl 27.01.2015
2. Der Manuel Neuer des Handballs
Seit heute steht Manuel Neuer in Wachs bei Madame Tussauds in Berlin. Daneben eine Menge anderer Fußballer. Ob es je ein Handballer in dieses Museum schafft? Carsten Lichtlein hätte es verdient.
Humboldt 27.01.2015
3. Ganz toll, der Junge
Ich freue mich riesig für Lichtlein und seinem späten Durchbruch, aber wenn bei Madame Tussauds ein Handballtorhüter zunächst mal rein gehört, dann doch wohl Andreas "Der Hexer" Thiel! Lichtlein darf dann natürlich gerne in wenigen Jahren folgen :-)
alois.hingerl 27.01.2015
4.
Zitat von pr8kerlSeit heute steht Manuel Neuer in Wachs bei Madame Tussauds in Berlin. Daneben eine Menge anderer Fußballer. Ob es je ein Handballer in dieses Museum schafft? Carsten Lichtlein hätte es verdient.
aber erst nach Heiner Brand
Blindman68 27.01.2015
5. Nur schlecht,
wenn diese Leistung des Torhüters wie des Teams nicht, über visuelle Verbreitung, lebendiger als eine kleine Randnotiz wird, um im kollektiven Gedächtnis einen Ehrenplatz zu finden. Ziemliches Desaster für diesen Sport, um weiter aus seiner Nische zu kommen. Armes Deutschland!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.