Deutsche Handballer im Halbfinale "Jetzt ist alles möglich"

Der Spielmacher verletzt, die Außen mit einem schwachen Tag: Weil die deutschen Handballer Antworten auf solche Rückschläge fanden, stehen sie im WM-Halbfinale. Schwere Vorwürfe erhob der kroatische Trainer.

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Aus Köln berichtet


Für einen kurzen Moment herrschte Stille in der Arena in Köln. Wo gerade noch deutsche Handballfans mit Klatschpappen ihr Team anfeuerten, sah man nun Menschen mit beiden Händen vor dem Gesicht. Sie waren sichtlich betroffen von dem, was sich gerade auf dem Feld zugetragen hatte.

Martin Strobel war bei einem Angriff am Kreis zu Boden gegangen, ohne Fremdverschulden, eine unglückliche Szene. Strobel musste wenige Minuten später auf einer Trage aus der Halle gebracht werden, für ihn ging es direkt weiter ins Krankenhaus.

Strobel ist der deutsche Spielgestalter, ihm unterlaufen kaum Fehlpässe. Für das hitzige Duell gegen Kroatien wäre der 32-Jährige mit seinen Fähigkeiten perfekt gewesen. Ruhig und besonnen. Doch in der neunten Minute verlor die DHB-Auswahl ihren Strategen im Rückraum, und in diesem kurzen Moment dürfte es auch deswegen still geworden sein, weil nicht klar war, wie die deutsche Mannschaft mit diesem Verlust zurechtkommen würde.

Einige Zeit später schwappe die La Ola durch die Halle, unten auf dem Feld tanzten die Spieler. Dank eines 22:21-Erfolgs gegen Kroatien hat sich Deutschland für das Halbfinale in Hamburg am kommenden Freitag qualifiziert, schon vor dem letzten Spieltag der Hauptrunde gegen Spanien. Die sportliche Vorgabe des deutschen Handballverbands ist bereits erfüllt. "Wir haben die erste und nicht erst die zweite Tür genommen", sagte Bundestrainer Christian Prokop: "Darauf bin ich unheimlich stolz."

Wiede glänzt als Torjäger und Spielmacher

Zwischen diesem Jubel und dem Schock um Strobel lag ein dramatisches Spiel, und es fällt schwer, jemanden als Gewinner hervorzuheben. Die Abwehr um Henrik Pekeler und Patrick Wiencek verteidigte erneut stark, und Andreas Wolff kam auf eine gute Quote von 33 Prozent gehaltener Bälle. Und doch könnte diese Partie als Sternstunde von Fabian Wiede in Erinnerung bleiben.

Es war die 46. Minute, Wiede traf aus knapp neun Metern mit mehr als 102 Kilometer pro Stunde ins Tor - wie ein Kanonenschlag schlug der Ball im Netz ein. Wiedes fünfter Treffer mit dem fünften Wurf bedeutete für Deutschland das 18:15. Der 24-Jährige fiel nicht nur wegen seiner Tore auf: Der Profi von den Füchsen aus Berlin forderte als Aufbauspieler immer wieder den Ball, er verteilte ihn klug und riss das Spiel an sich. Wiede füllte die Rolle des Strobel-Ersatzmannes besonders gut aus, das war auch deswegen aufgefallen, weil Wiede nach seinem fünften Treffer ausgewechselt wurde.

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Handball-WM: Früher Schock, später Jubel

Deutschlands Offensivspiel verlor plötzlich die Struktur. Und wie schnell es im Handball gehen kann, zeigte Kroatiens 19:18-Führung zehn Minuten später. Wie schon gegen Russland und Frankreich geriet der deutsche Sieg wieder in Gefahr. "Natürlich hast du dann Angst, das Spiel noch zu verlieren", sagte Abwehrchef Pekeler zu dieser kritischen Phase. Dann kam Wiede zurück, und wenige Augenblicke später traf er unter Zeitdruck erneut per Distanzwurf zum 19:19. Solche Szenen verdeutlichen, warum Wiede als großer Hoffnungsträger für den Rückraum gilt, den Problembereich des deutschen Spiels.

Auf Wiede wird es auch in den kommenden Duellen ankommen. Martin Strobel fällt für den Rest der WM aus, er hat sich das Innenband und vordere Kreuzband im linken Knie gerissen. "Es war schrecklich, ihn leiden zu sehen", sagte Prokop später, und Steffen Weinhold ergänzte: "Wir waren schockiert. Aber wir wollten das Spiel für Martin gewinnen."

Dass der Erfolg glückte, ist auch deswegen bemerkenswert, weil die Außen an diesem Abend gepatzt hatten - der sonst sichere Uwe Gensheimer vergab vier von acht Würfen, Patrick Groetzki blieb sogar ohne Treffer. Weil dafür Wiede und die Teamkollegen glänzten, konnte Prokop später sagen: "Die Außen? Heute scheißegal. Wir sind im Halbfinale." Eine der schwersten WM-Aufgaben haben die Deutschen jedenfalls gemeistert. "Jetzt ist alles möglich", sagte Patrick Wiencek.

"Wurden betrogen"

Einen Aufreger gab es aber noch. In der Schlussminute hatte Deutschland bei einem Tor Vorsprung die Zeit runterlaufen lassen - die Schiedsrichter zeigten kein Zeitspiel an. Offenbar war das dann der Auslöser für scharfe Kritik auf der Pressekonferenz. "Die Schiedsrichter haben ihren Job nicht gut gemacht. Unser Team hatte heute nicht die gleichen Chancen wie Deutschland", sagte der kroatische Trainer Lino Cervar. "Das ist die dritte WM, bei der wir um unsere Chance betrogen wurden." Es war ein hitziges Spiel mit vielen strittigen Entscheidungen.

Die Kroaten dürften wohl auch deswegen verärgert reagiert haben, weil sie mit 4:0-Punkten in die Hauptrunde eingezogen waren; weil sie nur 24 Stunden nach der kräftezehrenden Pleite gegen Brasilien bereits wieder im Einsatz waren - Deutschland hatte dagegen einen Tag Pause.

Die WM-Ausrichter Deutschland und Dänemark haben schon im Vorfeld des Turniers ihre Spielansetzungen bei einer eventuellen Teilnahme an der Hauptrunde festlegen dürfen. Dies ist ein Angebot der IHF, ein Zugeständnis an die Gastgeber, um den Kartenverkauf und Fernsehverträge langfristig organisieren zu können.

Beide Länder wählten jedenfalls stets einen Ruhetag zwischen ihren Partien, wie es wohl jeder andere Gastgeber auch getan hätte. Vielleicht hätte Kroatiens Trainer eher diese Praxis des Weltverbands infrage stellen sollen.

insgesamt 34 Beiträge
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janke-rastede 22.01.2019
1. Kroatischer Trainer
Das Handzeichen für passives Spiel war beim letzten Angriff sehr wohl angezeigt. Die beiden dänischen Schiedsrichter haben auch gegen uns die eine oder andere diskussionswürdige Zeitstrafe verhängt. Da wurde keine Mannschaft bevorteilt. Da gab es auch bei dieser WM leider wieder viel schlechtere Gespanne. Zu unseren Außenspielern: Für mich war der Torwart der Kroaten von außen Überragend. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht.
Jota.Nu 22.01.2019
2. Wer es nicht schafft...
...während 60 Minuten die schwachen Außenspieler und den frühzeitigen Ausfall des deutschen Spielmachers für sich zu nutzen, sollte mal überlegen, ob die Ahndung des "Zeitspiels" in der Schlussminute wirklich so spielentscheidend gewesen wäre. Aber gut...., im Ärger des gerade verlorenen Spiels mit dem Vorgeschehen des verlorenen Spiels gegen Brasilien, sind solche Äußerungen verständlich. Hut ab vor den Leistungen beider Mannschaften.
ba1504 22.01.2019
3. Wie nun weiter ?
Kommt Tobi Reichmann nun doch noch in den Kader ? Was ist jetzt besser ? DK im Halbfinale vor heimischer Kulisse oder eher im Endspiel (falls man gegen SWE oder NOR gewinnt) in Herning ? Ich fänd die erste Alternative erfolgsversprechender ...
tommybonn2000 22.01.2019
4.
Lino cervar war schon immer ein schlechter Verlierer, aber andererseits ein Trainer dem jedes Mittel recht ist um zu gewinnen. Was er nach der Pressekonferenz zu kroatischen Presse sagte war zum Teil noch krasser. Angeblich gäbe es seit drei Weltmeisterschaften eine Verschwörung gegen Kroatien (und Serbien und Bosnien). Dabei haben sie doch letztlich die WM schon mit der Niederlage gegen Brasilien ganz allein verspielt.
ckriddle 22.01.2019
5. Absolut unfair
Der kroatische Trainer sollte mal überlegen, warum seine Mannschaft tatsächlich ausgeschieden ist... nämlich aufgrund einer völlig abstrusen Taktik gegen Brasilien und wegen nichts Anderem. Dass er nun die Schuld bei anderen sucht, ist vielleicht menschlich, aber absolut unfair den Deutschen und den Schiedsrichtern gegenüber. Der Deutsche Sieg war absolut verdient und hätte angesichts zahlreicher ausgelassener Chancen viel höher ausfallen müssen!
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