WM-Aus der deutschen Handballer "Im Schiedsrichterwesen gibt es Grauzonen"

Haben die Schiedsrichter bei der Handball-WM gegen Deutschland gepfiffen? Der frühere Nationaltrainer der Frauen sagt: Heimvorteile gibt es immer. Doch Gastgeber Katar habe verdient gewonnen.

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Ein Interview von


Zur Person
    Armin Emrich, 63, ist ein erfahrener Handballtrainer. Von 2005 bis 2009 coachte er das Frauennationalteam des DHB und erreichte mit ihm Platz drei bei der WM 2007. Die Männer-Nationalmannschaft trainierte er übergangsweise von 1992 bis 1993. Auch in der Bundesliga war er als langjähriger Coach des TuS Schutterwald erfolgreich und führte die Mannschaft in die erste Liga. Als Nationalspieler gab er sein Debüt gegen die damalige DDR.
SPIEGEL ONLINE: Herr Emrich, Katar ist bislang nicht wirklich als Handballnation aufgefallen. Nun steht der Gastgeber im Halbfinale der Weltmeisterschaft. Verdient?

Emrich: Ich muss sagen: absolut. Die Katarer haben es geschafft, für dieses Turnier gezielt eine richtig starke Mannschaft zusammenzustellen, mit hervorragenden Spielern aus der ganzen Welt. Ihr Spiel trägt eindeutig die Handschrift des spanischen Trainers Valero Rivera López - und die ist nun eben gut. Katars strategische und finanzielle Investitionen haben sich schon jetzt gelohnt.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das im Umkehrschluss, dass Deutschland verdient verloren hat?

Emrich: Schaut man auf den gesamten Turnierverlauf, dann nicht. Diese junge Truppe hat sich in den vergangenen Wochen entwickelt, sie hat in der Vorrunde ihre Möglichkeiten voll ausgeschöpft. Aber gegen Katar haben die Spieler plötzlich Fehler gemacht, die ihnen vorher nicht unterlaufen sind, im Angriff wie in der Abwehr. Schauen Sie sich allein die vergebenen Chancen in der Schlussphase an!

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein international erfahrener Trainer. Wie beurteilen Sie die Leistung der Schiedsrichter?

Emrich: Sie ahnen, dass das ein ganz heißes Thema ist. Gerade, weil es im Schiedsrichterwesen des Handballs subjektive Grauzonen gibt. Zum Beispiel bei Offensiv- oder Abwehrfouls oder auch bei der Interpretation des passiven Spiels. Die Abfolge des Strafmaßes und damit die Linie der Schiedsrichter unterscheiden sich von Partie zu Partie. Bei der hohen Emotionalität der Spiele spielt auch ein vermeintlicher Heimvorteil eine Rolle. Aber darüber kann und will ich nicht in der Öffentlichkeit diskutieren. Ich weiß, dass sich der Internationale Handballverband intern mit dem Thema beschäftigt

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass dieses Wissen die junge deutsche Mannschaft schon vor dem Anwurf verunsichert haben könnte?

Emrich: Davon gehe ich nicht aus. Die Mannschaft war gut vorbereitet und hoch konzentriert. Es ist auch völlig normal, dass ein Team mal einen Durchhänger hat. Für die Deutschen kam er zum falschen Zeitpunkt gegen den falschen Gegner. In der Vorrunde hat die junge deutsche Mannschaft klasse Spiele und Ergebnisse abgeliefert, die man in dieser Qualität nicht unbedingt erwarten durfte.

SPIEGEL ONLINE: Also lag es nicht an zu hohen Erwartungen?

Emrich: Nein, alle Spieler sind den Druck in der Bundesliga, der besten Liga der Welt, gewöhnt und können auch damit umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie fällt Ihr WM-Fazit aus?

Emrich: Die deutsche Mannschaft befindet sich auf einem guten Weg. Sie spielt bei diesem Turnier erstmals mit dieser Formation eine WM unter ihrem neuen Trainer Dagur Sigurdsson. Man hat gesehen: Da ist in den kommenden Jahren viel Luft nach oben. Und es werden noch weitere vielversprechende Spieler zum Team stoßen.

insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
wll 29.01.2015
1. Kein Titel
"Die Kataris haben es geschafft, für dieses Turnier gezielt eine richtig starke Mannschaft zusammenzustellen, mit hervorragenden Spielern aus der ganzen Welt." Genau das ist ja auch der Sinn und Zweck einer Nationalmannschaft. Wenn dieses "Beispiel" Schule macht, dann erleben wir vielleicht sogar Leo Messi eines Tages mal im DFB-Trikot...
grool 29.01.2015
2. Wm
Das wird beim Fussball genauso laufen 2022. wie naiv seid ihr ....
irobot 29.01.2015
3.
Zitat von groolDas wird beim Fussball genauso laufen 2022. wie naiv seid ihr ....
Falsch, im Fußball gibt es wesentlich strengere Regeln für Nationalspieler. Da kann Katar sich nicht so einfach eine Mannschaft zusammenkaufen.
AndreHa 29.01.2015
4.
Sehr diplomatische Antworten zum Thema "Schiedsrichter". Da kann man sehr gut zwischen den Zeilen lesen. Natürlich war das Spiel verschoben. Und das Halbfinale gegen Polen wird genau so laufen. Natürlich haben sich die Deutschen durch die (teilweise nicht geahndete) Härte der Kataris den Schneid abkaufen lassen, haben Chancen liegen lassen und sind anders in die Zweikämpfe gegangen. Das war in den Köpfen. Für mich, der ich das ganze Spiel gesehen hat, war klar ersichtlich, dass die Linie der Schiedsrichter auch in dem Moment "anzog", als Deutschland die Kataris in den Griff bekam und kurz vor dem Ausgleich stand (19:20). Ist dieser Kommentar zu diesem Thema wieder für die Tonne, Spon? Wie meine letzten fünf?
combac 29.01.2015
5. Heuchelei
Bei der WM vergabe war deutschland der grösste unterstützer katars. das funktionärs bzw Vereinswesen sind nicht mit Westlichen Standarts vergleichbar... Wenn man meistens gewinnt ist es nur zu verständlich das man vergisst wie man sich als fairer verlierer zu verhalten hat :-))
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