Deutschlands Heim-WM 2019 vs. 2007 Mehr Dynamik, weniger Schnäuzer, schwächere Liga 

Zwölf Jahre liegt der letzte deutsche WM-Triumph zurück. Trainer, Liga, das Spiel selbst - einiges hat sich im Handball verändert, sagt Holger Glandorf, Weltmeister von 2007.

Heiner Brand, Michael Kraus, Henning Fritz and Markus Baur beim WM-Sieg 2007 (von links nach rechts)
REUTERS

Heiner Brand, Michael Kraus, Henning Fritz and Markus Baur beim WM-Sieg 2007 (von links nach rechts)

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Wenn Sie an die Handball-Weltmeisterschaft 2007 in Deutschland zurückdenken, was geht Ihnen durch den Kopf?

Der Schnäuzer von Bundestrainer Heiner Brand? Deutschlands Halbfinal-Krimi gegen Frankreich? Oder die Glanztaten von Hexer Henning Fritz?

Vielleicht war es auch ein anderes Erlebnis, an das Sie gedacht haben. Wahrscheinlich wird es aber nicht der Beginn des Turniers gewesen sein, als die DHB-Auswahl mit einem 27:22 gegen Brasilien in die WM gestartet und noch nicht abzusehen war, dass sie den WM-Titel gewinnen würden. Das Handball-Fieber steigt hierzulande meist erst, wenn die deutsche Mannschaft weit kommt. Das Finale 2007 sahen 16 Millionen Menschen in Deutschland im Fernsehen - eine Traumquote, wenige Wochen zuvor nicht vorstellbar.

Holger Glandorf bei der WM 2007
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Holger Glandorf bei der WM 2007

"Die Stimmung vor der WM war sicherlich zurückhaltend. Keiner wusste genau, wo wir im internationalen Vergleich stehen, und gerade nach der Niederlage in der Vorrunde gegen Polen wurde sie nicht besser", sagt Holger Glandorf dem SPIEGEL. Glandorf war beim Triumph 2007 eine der Säulen des Teams und steht heute, 35 Jahre alt, beim aktuellen Deutschen Meister SG Flensburg-Handewitt unter Vertrag.

Aktuell ist das mit der Ungewissheit ähnlich. Nach zwei neunten Plätzen bei den vergangenen Großturnieren gehört die deutsche Mannschaft nicht zu den Topfavoriten bei der WM im eigenen Land und Dänemark. In Berlin, wo am Donnerstag die WM mit dem Spiel zwischen Deutschland und Korea eröffnet wird (18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF), ist von WM-Begeisterung noch wenig zu spüren. Ob sich eine "Euphoriewelle" entwickelt, wie sie Glandorf 2007 nach der Vorrunde erlebt hat, hängt maßgeblich vom deutschen Abschneiden ab.

Der DHB hofft auf Begeisterung, wohl auch, um seine Mitgliederzahlen weiter zu stabilisieren. Nach der Heim-WM stieg die Anzahl der Mitglieder auf 847.406 im Jahr 2009 - Rekord. In den Jahren danach verlor der DHB aber fast 100.000 Mitglieder, 2017 lag die Gesamtzahl bei 756.907.

Aber nun zu den Parallelen und Unterschieden zwischen damals und heute. Wie ist es mit dem Trainer, der Qualität der Liga und dem Spiel selbst - was hat sich im Welthandball seit 2007 verändert?

Alter Trainer vs. heutiger Trainer

Besonders deutlich werden die Unterschiede beim DHB auf der Trainerposition. Der Weltmeistertrainer von 2007 heißt Heiner Brand: Ein erfahrener Coach, der auch schon als Spieler zahlreiche nationale und internationale Titel gewonnen hatte. "Diese jahrelange Erfahrung im Handballgeschäft ist unbezahlbar", sagt Glandorf über seinen Ex-Coach; dessen Markenzeichen, der Schnäuzer, als legendär gilt und auch noch heute oft zu sehen ist: Der mittlerweile 66 Jahre alte Brand kommt regelmäßig bei TV-Auftritten oder in Fachzeitschriften zu Wort.

Heiner Brand
AFP

Heiner Brand

Der heutige DHB-Trainer hat keine ruhmreiche Spielerkarriere hinter sich, auch kein Markenzeichen wie den Schnäuzer von Brand. Bei Christian Prokop heißt es oft auch, er sei unerfahren. Dabei arbeitet der 40-Jährige bereits seit 2003 im Trainergeschäft, wenn auch erst seit 2013 auf höherem Niveau. Prokop gilt als Taktiker; als einer, der ein Team entwickeln kann.

Das Problem: Die Nationalmannschaft kann Prokop nur in wenigen Lehrgängen auf ein Großturnier vorbereiten. Bei der vergangenen Euro 2018 ist Prokops Plan gescheitert, schnelleren Handball spielen zu lassen, die DHB-Auswahl war überfordert und flog als Titelverteidiger bereits in der Hauptrunde raus. Prokop steht deswegen unter Druck, und eine 14 Jahre lange Ära, wie Brand sie beim DHB geprägt hat, ist wahrscheinlich nur weiter denkbar, wenn Prokop ein gutes Ergebnis bei der Heim-WM erzielt und ins Halbfinale kommt. Lesen Sie hier eine Analyse zu Christian Prokop.

Alte Liga vs. heutige Liga

Heim-WM 2007
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Heim-WM 2007

Ein weiterer Unterschied zwischen damals und heute: die Qualität der Liga. Im Sommer nach der Heim-WM 2007 standen sich der THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt im Finale der Champions League gegenüber, die deutsche Liga sei damals die beste der Welt gewesen, sagt Glandorf, "zumal zahlreiche Weltstars in der Bundesliga gespielt haben". Gemeint sind Profis wie die französischen Superstars Nikola Karabatic und Thierry Omeyer oder der Pole Slawomir Szmal. In sechs von sieben Jahren nach der Heim-WM 2007 spielte der jeweilige Welthandballer des Jahres bei einem deutschen Klub. Bundesligaspieltage waren Treffen der Weltelite.

Das ist Geschichte. Die Besten zieht es schon seit drei Jahren nach Frankreich, Polen, Ungarn oder Mazedonien, dort werden die Topklubs von Investoren geführt, die Gehälter sind höher; die körperliche Belastung ist niedriger, weil die Ligen kleiner sind. Frankreich hat mittlerweile die stärkste Spielklasse.

Die Folge: Zwei Jahre hintereinander hat es keine deutsche Mannschaft im Final Four der Champions League gegeben. Uwe Gensheimer (Paris Saint-Germain) ist aktuell der einzige deutsche Profi im WM-Kader, der zuletzt um den Sieg in der Königsklasse gespielt hat. Selbst beim Deutschen Meister Flensburg fehlen deutsche Nationalspieler, die für die WM nominiert sind. Beim derzeitigen Titelträger prägen überwiegend Spieler aus Schweden, Dänemark und Norwegen das Team.

Altes Spiel vs. heutiges Spiel

Diese drei Länder gehören auch bei der Weltmeisterschaft zu den Titelkandidaten. Skandinavien erlebt gerade wieder einen Aufschwung. Die meisten Topspieler dieser Nationen stehen auch bei internationalen Topklubs unter Vertrag.

Das sind Stars der skandinavischen Nationen und weitere internationale Spitzenspieler:

Bei den Schweden ist die Entwicklung besonders spannend, das Land gewann 1999 als bisher letzte skandinavische Nation den Titel bei einer WM-Endrunde. Aktuell spielt Schweden einen berauschenden Tempohandball und überraschte damit die Weltelite, kam im Vorjahr ins Finale der Europameisterschaft und unterlag erst dort Spanien.

Glandorf sagt, das Spiel sei seit 2007 insgesamt "schneller und athletischer" geworden. Das dürfte auch mit der Einführung des siebten Feldspielers ohne Leibchen zusammenhängen. Seit 2016 darf jeder Feldspieler mit dem Torwart getauscht werden. Somit können Überzahlsituationen geschaffen oder Zeitstrafen ausgeglichen werden - für Glandorf sei dies die prägendste Veränderung seit 2007.

Auch die DHB-Auswahl wollte bei der EM 2018 schnell spielen, doch der körperlich robuste Kader passte nicht zur Idee des Trainers. "Ich hatte mir viel schöneren und moderneren Handball vorgestellt, als wir ihn gespielt haben", sagte Prokop im SPIEGEL-Interview vor dieser WM. Die aktuellen Testspieleindrücke deuten darauf hin, dass Prokop von dieser Idee abgerückt ist und Deutschland sich auf eine starke Defensive um Finn Lemke und Hendrik Pekeler konzentrieren wird.

Mit einer funktionierenden Defensive gelang der EM-Titel 2016, auch der WM-Sieg 2007 wurde dank einer starken Abwehr und mehreren Spielern möglich, die über sich hinausgewachsen sind. Ob der Defensivstil zu weiteren Erfolgen führen kann, wird spätestens im vierten Vorrundenspiel der DHB-Auswahl etwas klarer. Dann treffen die deutschen Handballer auf Titelverteidiger Frankreich (15. Januar).

Hier finden Sie den Spielplan zur WM.

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