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Handballer Oscar Carlén Der schwedische Patient

Handballer Carlén: Schuften für das Comeback
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dapd

Es ist der Kampf um einen Traum - und gegen den eigenen Körper: Oscar Carlén ist eines der größten Talente des Welthandballs. Nach zwei Kreuzbandrissen quält sich der Schwede, um wieder fit zu werden. Doch auf sein Comeback muss der Spieler vom HSV noch warten - die nächste OP naht.

1,94 Meter, 96 Kilogramm, Dynamik pur, ein Wurf wie eine Axt - Oscar Carlén wurde als der Halbrechte der Zukunft gefeiert, Nationaltorhüter Johannes Bitter nennt den 23-Jährigen eine "Rakete". Doch von seiner Explosivität ist derzeit nichts zu sehen, Carlén ist außer Gefecht.

Zur Saison 2011/2012 wechselte der 78-malige schwedische Nationalspieler von der SG Flensburg-Handewitt nach Hamburg. Fast alle europäischen Top-Clubs hatten ihn gejagt, sein Weg in die absolute Weltspitze schien vorgezeichnet. Im Winter 2011 aber hat Carlén noch kein einziges Spiel für seinen Verein absolviert, nach zwei Kreuzbandrissen innerhalb von sieben Monaten ist wenig übriggeblieben von diesem großen Versprechen für die Zukunft. Was für das Riesentalent zählt, ist die Gegenwart. Und die ist bitter.

Die Gegenwart, das ist ein Kellerraum in der Hamburger Arena, dem Zuhause der HSV-Handballer: 20 Quadratmeter groß, Gymnastikmatten, Hanteln, eine Handvoll Ergometer und eine Stellwand mit den Logos der Sponsoren für TV-Interviews. Durch das Fenster geht der Blick hinaus auf eine Bretterwand und in den Hamburger Schneeregen. Moin Tristesse! Von der großen Handballwelt, die für Carlén vorbestimmt schien, ist hier wenig zu spüren. Statt auf der Platte Tore zu werfen, spult er in dieser Mehrzweckkammer sein Programm ab, zum Aufwärmen 20 Minuten Radfahren.

"Wenn ich vom Zuschauen nach Hause komme, werde ich immer traurig"

"Ich trainiere eigentlich für die nächste OP", sagt Carlén, während er in die Pedale tritt. Er tritt und tritt und kommt doch nicht so richtig von der Stelle in seiner Karriere: Anfang Februar steht der nächste Eingriff am rechten Knie an, sein dritter innerhalb von sieben Monaten.

Noch in Diensten Flensburgs riss erstmals das Kreuzband des Schweden. Als Rekonvaleszent kam er nach Hamburg, das zerrissene Band war aus körpereigenem Gewebe rekonstruiert worden, doch es gab Komplikationen. Durch einen Infekt wurde der Knochen weich, die Löcher, an denen das neue Band befestigt war, erweiterten sich. Im September dann der Schock für Carlén. Während der Krankengymnastik simulierte er eine Abwehrbewegung, das Band riss erneut.

"Jetzt muss ich Muskeln aufbauen, die das Knie, so gut es geht, stabilisieren", sagt Carlén. Nach der dritten Operation wird er wieder bei null anfangen, seine Ärzte gehen von sechs Wochen aus, in denen Carlén das Knie nicht belasten kann.

Der 23-Jährige wirkt trotz seiner Statur jungenhaft. Wenn das Thema im Gespräch weg von seinem Knie und hin zu seiner Liebe Handball geht, spürt man seine Leidenschaft für den Sport - und das Leiden, zum Zuschauen verdammt zu sein. "Wenn ich die Mannschaft spielen sehe, ist es schwierig für mich, vor allem wenn es ein enges Spiel ist", sagt er. Er sei ein sehr emotionaler Typ und müsse sich zwingen, möglichst wenig mitzufiebern. "Wenn ich nach einem Spiel nach Hause komme, werde ich immer ein wenig deprimiert, ein wenig traurig. Denn dann habe ich ein bisschen von dem Adrenalin mitgenommen, und zu Hause wird mir wieder bewusst, dass es noch zehn, elf Monate dauern wird, bis ich selbst wieder spielen kann."

Auch in Hamburg funktioniert das Vater-Sohn-Modell gut

Die vergangenen Wochen waren besonders hart für den Zuschauer Carlén. Zwar wurde gegen Magdeburg in der Bundesliga zuletzt deutlich gewonnen. Doch gegen Wetzlar mussten die drittplatzierten Hamburger lange warten, ehe sie kurz vor Schluss mit einem Tor Vorsprung den Sieg perfekt machen konnten. Gegen den großen Rivalen THW Kiel hatte es zuvor eine heftige 25:30-Niederlage gesetzt. Die Titelverteidigung ist spätestens seitdem äußerst unwahrscheinlich, glaubt auch Carlén: "Die Meisterschaft ist weg, wie es aussieht. So wie Kiel im Moment spielt, werden sie wohl keine acht Punkte abgeben."

Obwohl er noch nie mit seinen Teamkollegen zusammengespielt hat, fühlt er sich als vollwertiges Mitglied der Mannschaft, "alle unterstützen mich, muntern mich auf". Volles Vertrauen spürt er auch bei seinem Trainer, Per Carlén. Als Vater-Sohn-Duo kamen sie aus Flensburg nach Hamburg, Gerüchte, wonach eine Verpflichtung des Juniors an einen Job für den Vater gebunden war, dementiert Oscar Carlén. "Der HSV hat damals getrennt mit mir und meinem Vater verhandelt. Erst kurz bevor ich mich entschieden habe, nach Hamburg zu wechseln, habe ich erfahren, dass mein Vater ebenfalls mit dem Verein verhandelt."

Ein Problem mit der außergewöhnlichen Situation habe er nicht, Vater und Trainer, das seien "zwei verschiedene Rollen. Wir haben schnell gelernt, dazwischen zu unterscheiden". So habe er auch kein Problem damit, wenn in der Kabine Kritik an seinem Vater geübt wird. "In jeder Mannschaft wird viel über den Trainer gesprochen, sowohl Gutes als auch Schlechtes. Da kann ich nicht denken: Jetzt reden sie schlecht über meinen Vater!"

Derzeit hat Oscar Carlén ohnehin ganz andere Sorgen. Er ist Profi genug, um sein Schicksal zu ertragen und täglich sein Reha-Programm abzuarbeiten. Gedanken an sein Comeback verbietet er sich, Carlén hangelt sich an den kleinen Hoffnungen durch die schweren Monate: "Wenn ich im Februar operiert werde und alles klappt, wird es fast so aussehen, als wäre es mein erstes Kreuzband."

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