Handballer Torgowanow Das Maskottchen aus Maschinenöl

Sein Laufstil ist sein Markenzeichen: Handballprofi Dmitri Torgowanow humpelt mehr als er rennt. Als russischer Nationalspieler gewann er trotzdem alle großen Titel. Das "Handball-Magazin" porträtiert den HSV-Akteur vor dem DHB-Final-Four - und seiner Rückkehr in die Heimat.

Von Frank Heike


Über seine letzte Operation hat Dmitri Torgowanow nicht so gern gesprochen. Krampfadern - wie klingt denn das? Genau, nach altem Mann. Im Sommer 2008 wurden ihm die störenden Blutgefäße am rechten Bein gezogen; Torgowanow hat deswegen auf die Olympischen Spiele in Peking verzichtet. Er wollte ja noch mal richtig angreifen in seinem zweiten Jahr für den HSV Hamburg, etwas mehr spielen, da, wo er auf dem Parkett Zuhause ist: am Kreis. So fit, wie man als Handballspieler Ende 30 sein kann, hat er sich dann in seine letzte Bundesligasaison geworfen - und hofft am Wochenende auf den Pokaltitel für seinen Verein.

HSV-Kreisläufer Torgowanow: "Ich bin schon immer so gelaufen"
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HSV-Kreisläufer Torgowanow: "Ich bin schon immer so gelaufen"

"Ich wusste von vornherein, dass Bobo am Kreis gesetzt ist", sagt Torgowanow zur Hamburger Nummer eins am Strich, dem Olympiasieger Bertrand Gille. Trotzdem wechselte er gern von den Rhein-Neckar Löwen zum HSV, als Trainer Martin Schwalb ihn 2007 fragte. Wenn man die Laufbahn bei einem solchen Spitzenteam ausklingen lassen kann, sollte man nicht zögern, dachte sich Torgowanow damals und nahm in Kauf, dass die Einsatzzeit auf dem Feld kurz sein würde.

Doch wie es so läuft im Berufssport, steht der inzwischen 37-jährige Russe in den letzten Monaten seiner aktiven Karriere noch einmal voll im Blickpunkt: Der Franzose Gille ist verletzt, und Torgowanow teilt sich die Spielzeit mit dem dritten Kreisläufer Nicklas Grundsten, einem Schweden-Import. "Ich bin da, wenn ich gebraucht werde", sagt Torgowanow, durch und durch Profi.

Er wurde gebraucht - und zwar in durchaus wichtigen Spielen. Gegen den THW Kiel kümmerte er sich liebevoll um Nikola Karabatic, gegen die Rhein-Neckar Löwen rangelte er mit Oliver Roggisch, doch das optisch schönste Duell gab es in der Champions League gegen Juanito Perez von Portland San Antonio: Selten hat man zwei Leistungssportler mit so, vorsichtig gesagt, ungewöhnlichen Laufstilen in einem Spiel gesehen. Die beiden Riesen humpeln ja eher über das Parkett, als dass sie rennen.

Olympiasieger, Weltmeister, Europameister

Torgowanow muss lachen, wenn man ihn darauf anspricht: "Ich bin schon immer so gelaufen, auch als Junge." Sein Spitzname Pino hat natürlich mit seinen eigenartigen Bewegungsabläufen zu tun. In der Saison 1996/97 spielte der 1,99-Meter-Mann mit seinem jetzigen Trainer zusammen, und Schwalb sprach fortan nur noch von Pino, angelehnt an die Puppe Pinocchio mit ihren Holzbeinen.

1996 - die Zahl zeigt, wie lange der äußerst erfolgreiche Russe schon unterwegs ist. 2000 war er mit Russland Olympiasieger, hat auch Titel bei Welt- und Europameisterschaften gesammelt. Doch mit seinen Vereinen Wallau, Solingen, Essen, Kronau und auch Hamburg fehlen - abgesehen vom triumphalen EHF-Cup-Sieg mit TUSEM Essen 2005, als er gegen den SC Magdeburg auch mit ausgekugelter Schulter kämpfte - bislang die großen Titel. Im DHB-Pokal hat er nun noch eine Chance mit dem HSV, seine sportliche Vita aufzuhübschen. Wegen einer Außenbanddehnung im Knie wird er aber wohl nicht selbst aktiv eingreifen können.

Beim Training ist er die gute Laune vom Dienst

Im Sommer ist dann Schluss an der Elbe. Sein Vertrag wird nicht verlängert; Präsident Andreas Rudolph verkleinert den Kader, und auch Torgowanows Planstelle wird gestrichen. Es ist ohnehin an der Zeit, aufzuhören. Das merkt auch Torgowanow, der unermüdliche Kämpfer am Kreis. Gegen Portland vergab er viermal freistehend, Schwalb schimpfte, nahm ihn raus. Gegen Kiel narrte ihn Karabatic bös, und bei den Löwen holte Schwalb ihn nach einigen Fehlern vom Feld. Begegnungen mit Torgowanow, dem zähen Ringer, enden meistens schmerzhaft für den Gegner, doch fehlen ihm inzwischen Gewandtheit, Handlungsschnelligkeit und Tempo, um richtig mithalten zu können.

Trotzdem haben sie beim HSV nie bereut, ihn im Sommer vor zwei Jahren geholt zu haben: Torgowanow ist mit seinem freundlichen Gemüt die gute Laune vom Dienst, gibt in jedem Training alles, hat für jeden einen netten Spruch und immer ein Witzchen parat. Er ist ein Typ wie Maschinenöl, der den Motor am Laufen hält. Ein Maskottchen im Spielertrikot. "Handball ist mein Leben", sagt der Familienvater. "Wie sollte ich da schlechte Laune haben?"

Deshalb genießt Dimitri Torgowanow die letzten Stunden im Rampenlicht - bevor es im Handball beruflich weitergehen soll. Womöglich bei seinem ersten Verein Newa St. Petersburg. "Ich weiß noch nicht, ob ich später als Trainer, Manager oder Sportdirektor arbeiten werde", sagt er. Doch auch ein weiteres Jahr auf dem Parkett könnte er sich vorstellen, sollte ein Angebot hereinflattern. Für die Bundesliga wäre es schön, würde Pino mit seinem eigenartigen Laufstil noch ein weiteres Jahr durch die deutschen Hallen stolpern. Ein Original ist er allemal.



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