Handballguru Kljaic "Deutschland kommt nicht ins EM-Finale"

Geht es nach Velimir Kljaic, hat Deutschland keine Chance, seinen Titel bei der bevorstehenden EM zu verteidigen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Erfolgscoach zudem über unberechenbare Russen, überforderte Exotenteams und seine Zukunft als Trainer des VfL Gummersbach.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Kljaic, am vergangenen Wochenende hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft Olympiasieger Kroatien bei einem Vorbereitungsturnier besiegt. Ist das ein gutes Omen für die EM, die in einer Woche beginnt?

Kljaic: So ein Ergebnis ist doch überhaupt nicht von Bedeutung. Sie haben zwar Kroatien geschlagen, davor aber gegen Slowenien und danach etwas unmotiviert gegen Ungarn verloren. Was zählt, ist nur das EM-Turnier. Bei diesem Vorbereitungsspielen sind die Profis oft müde, dazu ohne Konzentration.

Trainer Kljaic: "Die EM ist sehr stark besetzt"
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Trainer Kljaic: "Die EM ist sehr stark besetzt"

SPIEGEL ONLINE: Was trauen Sie Titelverteidiger Deutschland bei der Endrunde in der Schweiz zu?

Kljaic: Das Team ist im Umbruch, Routiniers wie Stefan Kretzschmar, Christain Schwarzer oder Daniel Stephan haben aufgehört, junge Spieler sowie der eingebürgerte Weißrusse Andrej Klimovets und Oleg Velyky aus der Ukraine sind dazugekommen. Die nachrückenden Handballer haben es aber sehr schwer, sich in der mit internationalen Stars gefüllten Bundesliga durchzusetzen, denen fehlt Spielpraxis. Die deutsche Liga ist mit großem Abstand die stärkste der Welt. Was die NBA im Basketball ist, das ist die Bundesliga im Handball. Der Einzug ins EM-Halbfinale wäre daher für die Deutschen ein gutes Resultat, ins Endspiel wird die Mannschaft von Heiner Brand nicht kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist für Sie ein Anwärter auf den Titel?

Kljaic: Die Europameisterschaft ist sehr stark besetzt. Es ist nicht so, dass hier die großen Außenseiter oder Exotenteams wie bei einer WM oder Olympia mitspielen. Ich glaube, dass die Kroaten trotz der Niederlage gegen Deutschland ein heißer Kandidat sind, ebenso wie der WM-Dritte Frankreich und Weltmeister Spanien. Außerdem rechne ich mit Russland.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie auf die Russen? Das Team wurde vergangenes Jahr in Tunesien nur Achter bei der Weltmeisterschaft.

Kljaic: Das stimmt, aber bei den Russen weiß man nie. Die ziehen sich einige Monate vor den großen Turnieren zurück in die russische Provinz und trainieren vier bis fünf Stunden am Tag wie die Wilden. Am Ende sieht man ein ganz neues Team auf dem Parkett mit vielen Spielern, die vorher nicht groß in Erscheinung getreten sind.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Akteure freuen Sie sich bei der EM besonders?

Kljaic: Da gibt es einige, etwa den Spanier Iker Romero und den Franzosen Jerome Fernandez. Kroatien werde ich natürlich genau beobachten mit ihren Klassespielern Ivano Balic, Petar Metlicic und Mirza Dzomba. Wenn sich einer von ihnen verletzt, wird es aber eng. Bei den Deutschen werden die Torhüter stark sein. Der Hamburger Pascal Hens nach seiner Verletzung und Florian Kehrmann aus Lemgo werden auch eine gute Rolle spielen. Leider ist Cedric Burdet nicht dabei.

SPIEGEL ONLINE: Spricht da jetzt der Handball-Experte oder der Trainer des VfL Gummersbach, für den Burdet spielt?

Kljaic: Beides ist der Fall, Cedric hat sich zum zweiten Mal den Finger gebrochen. Er wird den Franzosen bei der EM schmerzlich fehlen - und auch mir.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie, dass Gummersbach, derzeit Zweiter in der Bundesliga, noch abstürzt?

Kljaic: Nein, ich blicke zuversichtlich auf die kommenden Monate. Wir sind sehr zufrieden, haben unsere Erwartungen bisher sogar übertroffen. Wir hätten mit acht bis zehn Gegenpunkten gerechnet, nun sind es sechs.

SPIEGEL ONLINE: Nur ein Team bereitet Ihnen in der Liga Probleme.

Kljaic: Man muss einfach sehen, dass Tabellenführer Kiel (zwei Minuspunkte; die Red.) eine Klasse für sich ist. Der THW ist stärker als wir. Das ist auch nicht verwunderlich, das Team ist lange zusammen und daher sehr gut eingespielt. Unser Ziel muss es sein, am Saisonende unter den ersten Drei zu stehen und damit die Champions League zu erreichen. Zudem wollen wir die Pokal-Endrunde und das Finale des EHF-Cups erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vertrag läuft bis Mitte 2007, Gummersbach hat mit dem Isländer Alfred Gislason bereits einen Nachfolger verpflichtet. Wie wahrscheinlich ist, dass Sie schon diesen Sommer abtreten?

Kljaic: Meinen Job werde ich durchziehen, auch wenn Gislason jüngst beim SC Magdeburg entlassen wurde. Ich bin erst ein halbes Jahr hier, und er hat ja bereits vor drei Jahren in Gummersbach unterschrieben.

Das Interview führte Pavo Prskalo



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