Handballstar Emily Bölk Das Leben ist kein Heimspiel

Sie ist eine der Besten ihres Sports. Aber damit fangen die Probleme für Emily Bölk erst an. Die 19-Jährige muss Handball, Studium und Privatleben unter einen Hut bringen. Vielleicht geht das nur in Mazedonien.

Emily Bölk jubelt beim Länderspiel gegen Schweden
imago/ Heuberger

Emily Bölk jubelt beim Länderspiel gegen Schweden

Von Anna Paarmann


8.45 Uhr Technik-Training, schnell etwas essen, ab an den Schreibtisch und um 18 Uhr wieder in die Halle. Emily Bölk studiert zwischen den Handballeinheiten: Sie lernt am heimischen Wohnzimmertisch für ihren Bachelor-Abschluss. Der Sport allein reicht nicht zum Leben, zumindest noch nicht. Deshalb hat sich die 19-Jährige im Mai für ein Fernstudium an der Euro FH entschieden. Das bewältigt sie neben knapp zehn Trainingseinheiten pro Woche, Bundesligaspielen, DHB-Pokal und Nationalmannschaft.

Am sportlichen Pensum erkennt man, dass Bölk zu den besten deutschen Handballerinnen gehört. In ihrer Altersklasse ist sie wohl die beste von allen. Am sonstigen Zeitplan erkennt man aber auch, dass man als Spitzenhandballerin in Deutschland kein sorgloses, komfortables Leben führen kann.

"Das ist super schade", sagt Bölk und schiebt Laptop und Uni-Unterlagen, die ausgebreitet vor ihr auf dem Tisch liegen, beiseite. Dann greift sie zu einer Packung Taschentücher, putzt sich die Nase. Sie ist erkältet - wieder mal, oder immer noch. Das weiß sie gar nicht mehr so genau. Zeit zum Auskurieren bleibt ihr nicht. "Wegen einer Erkältung fehlt man nicht beim Training oder bei Spielen."

Talent wurde ihr in die Wiege gelegt

Die junge Frau, die von vielen "Emmy" genannt wird, spielt beim Buxtehuder SV. Als Vierjährige hat sie dort beim Mini-Mix angefangen. Heute, 15 Jahre später, spielt sie Bundesliga. Damit ist sie in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Andrea Bölk stand zehn Jahre lang für Buxtehude auf dem Feld, in 200 Spielen hat sie 872-mal das Tor getroffen. Für die Nationalmannschaft hat sie 201 Länderspiele bestritten, 1993 die Weltmeisterschaft gewonnen. Ehemann und Vater Matthias hat ebenfalls Bundesliga gespielt, allerdings beim VfL Fredenbeck.

Emily Bölk im EM-Qualifikationsspiel gegen Litauen
imago/ foto2press

Emily Bölk im EM-Qualifikationsspiel gegen Litauen

Noch wohnt Tochter Emily auch in dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Etwas außerhalb von Buxtehude in einem ruhigen Wohngebiet. So kann sie etwas Geld sparen. Vor dem gelb gestrichenen Einfamilienhaus parkt ihr Ford Fiesta. Der Vereinswagen ist rundherum beklebt mit Sponsorenwerbung. Die Aufschrift "Emily Bölk" prangt auf der Fahrertür. Fünf Minuten fährt die Sportlerin zur Halle, zwei zum Fitnessstudio.

Ein Luxus, der sich nächstes Jahr ändern könnte. Bölk hat nur für die laufende Saison beim Buxtehuder SV unterschrieben, im Sommer 2018 läuft ihr Vertrag aus. "Es gibt Angebote von anderen Vereinen." Dass sie ihrer Heimat eines Tages den Rücken kehren wird, steht für Bölk fest. "Ich weiß heute schon, dass mir das ganz schwer fallen wird. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch."

Klubs im Ausland zahlen besser, besonders attraktiv sind zurzeit Mazedonien, Ungarn und Rumänien. Handball-Hochburgen wie Skopje, Györ und Bukarest. Für Bölk zählt jedoch mehr als nur gute Bezahlung: "Ich gehe nicht pauschal zu dem Verein, der mir am meisten Geld bietet", sagt sie. "Ich möchte eines Tages Champions League spielen, auf viele Spielanteile kommen, einen guten Trainer und ein cooles Team haben. Es muss einfach passen."

Und dann ist da auch noch das zweite Standbein. "Die meisten Frauen haben durch Beruf oder Studium eine Doppelbelastung", sagt Bölk. Sie kennt es von ihren Mitspielerinnen, sieht gleichzeitig aber auch, dass viele Männer von ihren Handball-Gehältern leben können. "Wir trainieren nicht weniger, müssen teilweise sogar mehr aufbringen." Ein Grund dafür sind Sponsoren: "Für viele Firmen ist es attraktiver, in Männer-Handball zu investieren. Er bekommt mehr Aufmerksamkeit im TV."

Bölk mit dem Ball am Anwurf, Deutschland misst sich mit Spanien
DPA

Bölk mit dem Ball am Anwurf, Deutschland misst sich mit Spanien

Für Bölk könnte es beruflich später in Richtung BWL gehen, für das Fach hat sie sich auch an der privaten Fernhochschule eingeschrieben. Ihr zweiter Schwerpunkt: Wirtschaftspsychologie. "Ich interessiere mich für die Marketingschiene."

Möglich ist ein solches Studium nur, weil es im Semester fünf Präsenzseminare à zwei Tage beinhaltet. Und dafür muss Bölk auch nur nach Hamburg fahren, mit der S-Bahn ist sie rund 45 Minuten unterwegs.

Allein durch die WM-Vorbereitung, die im November startet, wird sie sechs Wochen am Stück fehlen. "In einem Präsenzstudium würde das zu unzähligen Fehltagen und viel Stoff zum Nachholen führen." Jetzt nutzt sie Auswärtsfahrten zum Lernen. Geht es beispielsweise gegen Liga-Konkurrent TV Nellingen, ist der Buxtehuder Bus schon auf der Hinfahrt knapp zehn Stunden unterwegs.

Im Fernstudium auf sich allein gestellt

Dass sie die angenehmen Seiten eines Studiums weitgehend verpasst, ist der jungen Frau bewusst. "Ich lerne kaum neue Leute kennen, bin überwiegend auf mich allein gestellt." Doch das nimmt Bölk in Kauf.

Am Ende mit ihren Kräften war sie nur während der Abitur-Phase. "Die elfte Klasse war echt hart." Urplötzlich wurde die B-Jugendliche in den Kader der Bundesliga-Mannschaft befördert, als 16-Jährige war sie die jüngste Spielerin in der gesamten Liga. "Ich hatte eine 38-Stunden-Woche in der Schule, danach standen Hausaufgaben, Präsentationen und Prüfungsvorbereitungen an." Der Kulanz ihrer Lehrer hatte sie es zu verdanken, dass sie mittwochs erst zur fünften Stunde kommen musste. So konnte Bölk bei der morgendlichen Krafteinheit dabei sein.

Deutschland gegen Litauen: Bölk feuert ihr Team an
imago/ Claus Bergmann

Deutschland gegen Litauen: Bölk feuert ihr Team an

Nach dem Schulabschluss war Bölk Vollprofi. Ihre Pläne, eine Weltreise zu machen, musste sie auf unbestimmte Zeit verschieben. "Dafür habe ich dann ein Jahr lang nichts gemacht, abgesehen von Handball natürlich", erzählt sie. "Das hat mir richtig gut getan." Auf einmal hatte sie Zeit für Dinge, die für andere selbstverständlich sind: einkaufen mit ihrer Mutter, frühstücken mit Freunden. Mal nicht auf ausreichend Schlaf achten zu müssen. "Und wenn trainingsfrei war, konnte ich sogar mal Oma und Opa besuchen." Auch die Großmutter war Handball-Nationalspielerin.

Dennoch richtet die Rückraumspielerin ihr Leben nach dem Sport aus: Jeden Tag Pizza essen und am Wochenende durchfeiern - das kommt für sie nicht in Frage. Vertraglich ist das allerdings nicht explizit festgehalten. "Dort steht nur drin, dass wir unsere Lebensweise so ausrichten sollen, dass wir möglichst immer die volle Leistung bringen können."

Schon früh Karriere gemacht

Der Ehrgeiz wurde belohnt. Seit etwas mehr als einem Jahr gehört Bölk zum Kader der deutschen Auswahl. Im Juni 2016 gab sie im Spiel gegen Island ihr Debüt - vorläufiger Höhepunkt ihres Aufstiegs. 2014 wurde sie zur besten Nachwuchsspielerin Deutschlands gewählt. Bei der U18-WM kürte man sie zur besten Spielerin des Turniers. 2015 holte sie dann mit den Buxtehuder Damen den DHB-Pokal, dieses Jahr erneut. In ihrem Heimverein ist die 1,82 Meter große Rechtshänderin längst eine Aufbauspielerin. In 78 Liga-Spielen hat sie 318 Tore geworfen.

Bölk ballt im Länderspiel gegen Schweden die Fäuste
imago/ Agentur 54 Grad

Bölk ballt im Länderspiel gegen Schweden die Fäuste

Im Dezember beginnt die Weltmeisterschaft. Sie findet diesmal in Deutschland statt. Bölk und ihr Team treten in der Gruppe D an, am 1. Dezember geht es gegen Kamerun los.

Die Halbfinal- und Medaillenspiele werden in Hamburg ausgetragen. Fahrzeit mit der S-Bahn: 45 Minuten. Doppelter Ansporn für Bölk, die aber nach der WM eine wichtige Entscheidung treffen muss. Bleibt sie ihrem Heimatverein noch eine Saison erhalten oder unterschreibt sie beispielsweise in der mazedonischen Hauptstadt? Mit den kurzen Wegen wäre es dann vorbei. Skopje und Buxtehude trennen knapp 2000 Kilometer. Fahrtzeit mit der Bahn: 35 Stunden.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
niska 26.10.2017
1.
Ein schöner Artikel, der heiss macht auf Dezember. Doch wie schaut es denn nun mit der Übertragung der WM im deutschen TV aus? Noch immer Blackscreen?
bildungsarbeiter 26.10.2017
2. Dann geh' rüber.
In schnöder Regelmäßigkeit erscheinen diese weinerlichen Artikel, in denen Sportler portraitiert oder interviewt werden, die "von ihrem Sport" nicht leben können. So what? Was ist das für eine bescheuerte Debatte? Wo bleibt eigentlich der medial einschlägige Aufstand der Kirschkern-Weitspucker? Ja, die gibt es wirklich! Sportler ist kein Beruf, auch wenn einige davon leben oder sogar reich werden. Sport ist zunächst ein "Nice to have". Wenn es lokal, regional, national oder gar so global attraktiv ist, Zuschauer des jeweiligen Sports zu sein, dass die Spitzenakteure davon leben, gut leben oder gar reich werden können, ist das eben so. Und wenn es nicht so ist, dann ist eben so. Und wenn es in Mazedonien so ist, dann eben dort. Der Rest der "Debatte" ist Eitelkeit.
kajoter 27.10.2017
3. @ #2
Zitat von bildungsarbeiterIn schnöder Regelmäßigkeit erscheinen diese weinerlichen Artikel, in denen Sportler portraitiert oder interviewt werden, die "von ihrem Sport" nicht leben können. So what? Was ist das für eine bescheuerte Debatte? Wo bleibt eigentlich der medial einschlägige Aufstand der Kirschkern-Weitspucker? Ja, die gibt es wirklich! Sportler ist kein Beruf, auch wenn einige davon leben oder sogar reich werden. Sport ist zunächst ein "Nice to have". Wenn es lokal, regional, national oder gar so global attraktiv ist, Zuschauer des jeweiligen Sports zu sein, dass die Spitzenakteure davon leben, gut leben oder gar reich werden können, ist das eben so. Und wenn es nicht so ist, dann ist eben so. Und wenn es in Mazedonien so ist, dann eben dort. Der Rest der "Debatte" ist Eitelkeit.
Ich kann Ihre Meinung nicht teilen, denn ein Vergleich zum Männer-Handball zeigt, dass dort deutlich mehr verdient wird. Gleiches gilt ja auch für den Fußball oder für Tennis etc. Sicherlich muss für das Erreichen einer gleichen Bezahlung noch einiges geschehen, was z.B. bei den Zuschauerzahlen anfängt. Aber die hängen letztlich auch mit dem Hype und der massiven Vermarktung incl. Werbung zusammen. Würde man eine Weltklasse-Spielerin derartig in den öffentlichen Fokus stellen wie einen Neymar und das stringent auf andere Spieler übersetzen, kämen allmählich mehr Zuschauer in die Stadien und wären die TV-Sender bereit, für die Übertragungsrechte der Frauen-Ligen mehr zu zahlen. Mir machen Frauen-Spiele mittlerweile fast mehr Spaß beim Zuschauen als Männer-Spiele, da sie in der Regel sportlich-fairer ablaufen und sich die Protagonistinnen weniger profilneurotisch darstellen.
ptb29 27.10.2017
4. Wenn ich nicht vom Sport leben kann,
dann ist es der falsche Beruf. Der Verweis auf andere, die davon leben können, ist albern. Wenn ich Sport als Beruf betrachte, gelten auch die Regeln des Berufslebens, der eine verdient mehr, der andere weniger.
henryb_de 27.10.2017
5.
Zitat von bildungsarbeiterIn schnöder Regelmäßigkeit erscheinen diese weinerlichen Artikel, in denen Sportler portraitiert oder interviewt werden, die "von ihrem Sport" nicht leben können. So what? Was ist das für eine bescheuerte Debatte? Wo bleibt eigentlich der medial einschlägige Aufstand der Kirschkern-Weitspucker? Ja, die gibt es wirklich! Sportler ist kein Beruf, auch wenn einige davon leben oder sogar reich werden. Sport ist zunächst ein "Nice to have". Wenn es lokal, regional, national oder gar so global attraktiv ist, Zuschauer des jeweiligen Sports zu sein, dass die Spitzenakteure davon leben, gut leben oder gar reich werden können, ist das eben so. Und wenn es nicht so ist, dann ist eben so. Und wenn es in Mazedonien so ist, dann eben dort. Der Rest der "Debatte" ist Eitelkeit.
Wo lesen sie hier Jammern und Eitelkeit? Und Kirschkernspucken mit Profi-Handball zu vergleichen ist etwas dreist.
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