Tod von Hans Günter Winkler Der Mann und die Wunderstute

Hans Günter Winkler war so etwas wie der Mister Reitsport in Deutschland. Zu verdanken hat er dies dem unvergessenen Ritt bei den Olympischen Spielen 1956. Als sein Pferd ihn zu Gold trug.

Springreiter Hans Günter Winkler im westfälischen Warendorf vor dem Stall seines Hengstes Cellini
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Springreiter Hans Günter Winkler im westfälischen Warendorf vor dem Stall seines Hengstes Cellini

Ein Nachruf von


Springreiter haben anderen Sportlern den Vorteil einer langen Karriere voraus. Manche sind von jungen Jahren bis in den Ruhestand als Reitsportler aktiv. Wenn ihr Turnierpferd sportlich nicht mehr zu Höchstleistungen in der Lage ist, suchen sie sich einfach ein neues.

Hans Günter Winkler, genannt "HGW", war 36 Jahre lang Springreiter, er hat zahlreiche Pferde geritten, von "Jägermeister" bis "Torphy", und dennoch: Es gibt wohl keinen Reiter, in Deutschland ohnehin nicht, der dermaßen mit dem Namen eines Pferdes verbunden wird. Wer Hans Günter Winkler sagt, denkt "Halla" mit. Halla, die Wunderstute.

Kein anderes Pferd, nicht einmal Paul Schockemöhles "Deister" hat eine solche Berühmtheit erreicht wie "Halla". In Warendorf, Deutschlands Reitsportgemeinde im Münsterland, ist eine Straße nach der Stute benannt. Das dürfte nicht vielen Pferden vergönnt sein.

Nur vier Sommersportler in Deutschland erfolgreicher

Winkler ist der erfolgreichste deutsche Springreiter der Geschichte, er hat fünf Mal olympisches Gold gewonnen, damit sind nur vier andere Sommersportler erfolgreicher als er: Kanutin Birgit Fischer, die Dressurreiter Isabell Werth und Rainer Klimke und Schwimmerin Kristin Otto. Fünf Mal Gold zwischen 1956 und 1972, aber keines glänzt so wie das von 1956.

Dieser 17. Juni 1956 wird zu einem der mythischen Tage des deutschen Sports. Die Olympischen Sommerspiele sind weit weg in Melbourne, eine solche Anreise will man den Tieren nicht zumuten, die Olympischen Reiterspiele finden daher in Stockholm statt, und es gibt einen ganz klaren Favoriten. Der heißt Hans Günter Winkler, er reist als amtierender Weltmeister an.

Winkler hat sich innerhalb weniger Jahre in die Spitze hochgearbeitet. Als Sohn eines Reitlehrers hat er schon als Kind mit Pferden zu tun, nach dem Krieg und dem Tod seines Vaters hält er die Familie als Stalljunge und Reitlehrer über Wasser, einer seiner Schüler ist der damalige Militärgouverneur in Deutschland und spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower. Eisenhower und der junge Winkler freunden sich dermaßen an, dass der US-General sogar über eine Adoption nachdenkt.

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Verstorbene Reitlegende: Winkler und die "Wunderstute"

Olympiaverbot, weil er Geld verdiente

Schon im Olympiajahr 1952 ist Winkler einer der Besten, aber er darf bei den Spielen nicht starten, weil er als Reitlehrer Geld verdient hat und damit nicht als Amateur gilt. Erst durch Intervention von Sportfunktionär Willi Daume wird erreicht, dass Winkler wieder zum Amateur zurückgestuft wird. Sein Weg nach Stockholm ist damit frei.

Im ersten Umlauf beginnen Winkler und Halla gewohnt souverän, doch an Sprung 13 durchfährt den Reiter plötzlich ein stechender Schmerz. Ein Muskel in der Leiste ist gerissen, Winkler bringt den Umlauf zwar irgendwie zu Ende, aber der Traum vom Sieg ist eigentlich dahin.

Winkler wird mit Spritzen und mit Zäpfchen behandelt. "Alles, was schmerzstillend war, haben sie in mich hineingepumpt", hat Winkler später in der "Welt am Sonntag" erzählt. Mit dem Ergebnis, dass er so sediert ist, dass man ihn mit starkem Kaffee wieder einigermaßen wach machen muss. So geht es noch einmal in den Parcours.

Der Reiter kann sich kaum im Sattel halten, das Pferd zu führen, ist fast unmöglich, Winkler hängt mehr auf dem Pferd, als dass er sitzt. Bei jedem Hindernis schreit er vor Schmerz. "Es war ein reines Martyrium", sagt er. Halla und Winkler bleiben als einziges Paar fehlerfrei.

Der junge und später legendäre Fernsehreporter Hans-Heinrich Isenbart jubelt: "Und Halla lacht, als wüsste sie genau, um was es geht." Gold für Winkler im Einzel, Gold für Deutschland mit Fritz Thiedemann und Alfons Lütke-Westhues in der Mannschaft.

Winkler wird mit Preisen überhäuft, er wird Sportler des Jahres, Sportler des Jahrzehnts, eigentlich hätte man das Pferd auszeichnen müssen. Für Halla ist 1960 Schluss mit dem Reiten, sie verabschiedet sich in die Zucht, Winkler reitet weiter, gewinnt noch einmal Mannschaftsgold 1972 in München, vier Jahre später ist er der Fahnenträger der bundesdeutschen Olympia-Équipe in Montreal. 1986 beendet er seine Karriere.

Als Bundestrainer unglücklich

Später wurde er noch dazu gedrängt, Bundestrainer zu werden. Er ließ sich überreden. Es war wie im Fußball, als sie Uwe Seeler zum Präsidenten des Hamburger SV gemacht haben, weil er ein Idol war. Und so wie Seeler kein Präsident ist, so ist Winkler kein Bundestrainer. 1991 gibt er das Amt wieder ab, widmet sich Reitturnieren als Veranstalter, da fühlt er sich wohler.

Im Alter kümmert er sich um sein Anwesen, den Birkenhof bei Warendorf, dort muss er auch den furchtbarsten Tag seines Lebens durchstehen. Seine Ehefrau stirbt bei einem Reitunfall ganz in der Nähe, Winkler ist derjenige, der sie findet.

Dem Reitsport ist er bis zuletzt treu geblieben, noch im hohen Alter war er Gast bei den großen Veranstaltungen in Hamburg und Aachen. Mit 91 Jahren ist sein Herz stehen geblieben.

Deutschland hat viele große Springreiter gehabt, hat sie noch bis heute: Gerd Wiltfang, Hartwig Steenken, die Schockemöhle-Brüder, Fritz Thiedemann, Ludger Beerbaum, Norbert Koof, Meredith Michaels-Beerbaum - aber wenn man die Leute auf der Straße fragen würde, welcher Name ihnen überhaupt zum deutschen Springreiten einfällt: Es würden Hans Günter Winkler und Halla sein.



insgesamt 6 Beiträge
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gorlois7 09.07.2018
1.
1956 war ich sechs Jahre alt. Mit acht Jahren hatte ich den Winnetou- und den Balkanzyklus von Karl May gelesen. Und jederzeit hätte ich ohne mit der Wimper zu zucken, Hatatitla und Rih für eine Halla gegeben!
DianaSimon 09.07.2018
2. Wieder ist ein Idol meiner Kindheit gegangen
Bei den Olympischen Spielen in Melbourne war ich nein Jahre alt. Es gab noch keinen Fernseher und Kino mit der Wochenschau war eine ganz seltene Sache. Man hörte Radio und las Zeitung (ja, auch mit neun Jahren), und damals waren Pferde für die Töchter kleiner Leute in etwa so unerreichbar wie heute ein Mondflug. Man hat sich damit begnügt, das Pferd Halla wunderschön und klug zu finden und seinen Reiter Winkler als einen fähigen Olympioniken. Wenn jetzt noch die Queen stirbt, deren Krönung ich im ersten Farbfilm meines Lebens zusammen mit meiner Mutter sah, dann bin ich endgültig alt.
sophia_F. 09.07.2018
3. Halla, meine Pferde und ich
Besuche bei der Tante waren nur so lange langweilig, bis ich in ihrem Bücherschrank "Halla, meine Pferde und ich" gefunden hatte. Ich habe mir den Sonntagskuchen ans Bücherregal liefern lassen und habe mich bei jedem Besuch ein Stück weiter durch das Buch gelesen. Ich hab das Buch dann geschenkt bekommen, ich habe es immer noch. Später habe ich bei einem Turnier die Pferde von Hans Günter Winkler halten dürfen und war selig. Er gehört zu meinen Kindheitserinnerungen und an denen hängt man.
Leserecho 09.07.2018
4. Hans Günter Winklef und Halla und Armin Hary
Hans Günter Winkler erzielte mit seinem Ritt auf der legendären Stute Halla bei den Olympischen Spielen 1956 in Stockholm in der Einzelwertung und auch mit der deutschen Mannschaft die Goldmedaille. Auch bei weiteren Olympiaden holte er mi5 der Mannschaft mehrfach die Goldmedaille, aber auch Silber und Bronze. Des von mir am Schluss meines Kommentars genannten Grundes wegen erwähne ich auch Armin Erich Hary, , der jeweils zweimal Olympiasieger und Europameister wurde. Als erstem Sprinter gelang es ihm 1958, die 100 Meter in handgestoppten 10,0*s (auf der Aschenbahn) zu laufen. Hary ist damit der bislang letzte Deutsche als auch Europäer, der den 100-Meter-Weltrekord gehalten hat. Damals war ich noch ein Kind und erinnere mich, dass unsere Lehrer und Trainer, aber auch die anderen Erwachsenen, Jugendlichen und Kinder das schnelle Laufeh, Radfahren etc. mit den Worten kommentierten „Du bist fast so schnell wie Armin Hary“ oder „Nimm dir ein Beispiel an Armin Hary, mehr Tempo“. Wenn wir Kinder auf unserem Steckenpferd ritten, dann lautete das Lob: „Du reitest fast so gut wie Hans Günter Winkler auf Halla“ oder wenn ein Reiter gut ritt: „Der reitet fast so gut, wie Hans Günter Winkler auf Halla“. Halla wurde immer mit erwähnt und war damals das beliebteste Pferd Deutschlands. Hans Günter Winkler hat nun der Tod nach einem langen Leben geholt. Er möge in Frieden ruhen. Es ist so, wie es hier bereits @Diana Simon ausdrückte: „Wieder ist ein Idol meiner Kindheit gegangen“.
Mondlady 09.07.2018
5. R.i.p.
1956 war ich 8 Jahre alt; selbstverständlich hatten wir kein TV; ich sah die Bilder von Hans-Günter Winklers Ritt in Zeitschriften und später dann den Ritt selbst im Kino in der Wochenschau; an den Film kann ich mich nicht mehr erinnern, aber bei dem wunderbaren Ritt des wunderbaren Pferdes Halla kamen mir die Tränen! Als Halla - ich glaube, es war Ende der 70er Jahre - starb, war ich erwachsen und stand mit beiden Beinen im Berufsleben, und ich war sehr traurig! Seit Mitte der 70er Jahre machte ich für lange Jahre Reiterferien, und wenn ich so zurückdenke glaube ich, dass ich durch Hans-Günter Winkler und Halla dazu inspiriert wurde! Ich hoffe, sie sind jetzt wieder in irgendeiner Weise verbunden...
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