Heat-Trainer Erik Spoelstra "Die Erwartungen sind immens"

Er hat den wohl härtesten Job der NBA: Trainer Erik Spoelstra muss Miamis Superteam zum Titel führen - alles andere wäre eine Enttäuschung. Im Interview mit dem Basketball-Magazin "FIVE" spricht er über den Druck, seinen wichtigsten Mentor - und sein Deutschland-Abenteuer.

Heat-Trainer Spoelstra: Großer Erfolgsdruck in Miami
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Heat-Trainer Spoelstra: Großer Erfolgsdruck in Miami


Frage: Herr Spoelstra, mit LeBron James und Chris Bosh konnten die Heat zwei Superstars ins Team holen. Wie ist Ihr Ausblick auf die kommende Saison?

Spoelstra: Klar sind die Erwartungen immens. Aber was wir alle von Pat Riley (Team-Präsident und Trainerlegende, d. Red.) über die Jahre gelernt haben, ist, dass wir groß denken und nur großartige Dinge erwarten sollen. Allerdings wissen wir auch, dass es auf dem Weg zu unserem Ziel eine Entwicklung braucht, einen Prozess.

Frage: Wie gehen Sie als verantwortlicher Cheftrainer mit den hohen Erwartungen um?

Spoelstra: Wir haben eine Menge Erfahrung, haben Leute, die schon Meisterschaften als Trainer gewonnen haben. Die meisten Leute sehen ja nicht, dass wir lange auf die Ereignisse dieses Sommers hingearbeitet haben - quasi seit dem Tag, an dem wir die Saison 2007/08 mit nur 15 Siegen und als schlechtestes Team der NBA beendeten. Seitdem zielten wir auf den Sommer 2010. Es gibt allerdings keinen Grund, jetzt zu feiern und in dem Erreichten zu schwelgen.

Frage: Wie wichtig ist es, dass Heat-Free-Agents wie Udonis Haslem oder James Jones für weniger Geld blieben und andere Spieler für Minimalverträge nach Miami kamen?

Spoelstra: So etwas sieht man in der heutigen Zeit im Profisport nicht oft. Dass diese Jungs Opfer bringen, um Teil von etwas Besonderem zu sein, ist einzigartig. Sie verzichten auf Geld, um zu einer erstklassigen Franchise zu kommen und hoffentlich für einige Jahre um die Meisterschaft mitzuspielen.

Frage: Sie haben von 1993 bis 1995 in der zweiten deutschen Bundesliga gespielt. Welche Erfahrung haben Sie aus Deutschland mitgenommen?

Spoelstra: Ich würde sagen, dass ich etwas über die Kultur und die europäische Basketballkultur gelernt habe, die schon ein wenig anders ist als die in den USA. Bei den Grundlagen, den Fundamentals, werden andere Schwerpunkte gesetzt. Da geht es mehr um die Fähigkeiten, von draußen zu werfen und zu dribbeln - auch bei den größeren Spielern.

Frage: Warum haben Sie sich damals für Europa entschieden?

Spoelstra: Mir ging es damals darum, eine Lebenserfahrung zu machen. Ich wusste, dass ich nach dem College nicht gut genug für die NBA war. Klar versuchte ich es damals, aber ich wollte in einer fremden Kultur leben, mit anderen Menschen in Kontakt treten, Freunde in einem fremden Land finden. Es ging darum, einen anderen Teil der Welt zu erkunden, eine andere Perspektive kennenzulernen. Und natürlich wollte ich auch eine fremde Sprache lernen, was aber nicht so gut geklappt hat.

Frage: Die Reise von einem Zweitligaspieler beim TuS Herten zum Coach der Miami Heat ist keine gewöhnliche.

Spoelstra: Am wichtigsten war es auf meinem Weg wahrscheinlich, dass ich bei den Heat von der Pike auf gelernt habe. So fangen ja viele von uns an. Welchen Job ich auch bekam, ich versuchte, ihn bestmöglich zu machen. Dabei dachte ich nie: "Wie bringt mich das weiter?" Denn eigentlich war klar, dass ich nur einen Sommer, vielleicht eine Saison bei der Franchise bleiben würde und dann weiterziehen müsste.

Frage: Das ist aber nicht passiert. Warum nicht?

Spoelstra: Irgendwie hatte ich Glück, dass sich immer wieder Möglichkeiten für mich auftaten. Gleichzeitig habe ich diese Möglichkeiten aber auch ergriffen und das Beste daraus gemacht. Ich bin seit 13 Jahren bei den Heat. In dieser Zeit hab ich viele verschiedene Jobs für Coach Pat Riley bekleidet. Bei einigen dieser Aufgaben hätte niemand gedacht, dass sie ultimativ zu meinem jetzigen Job als Headcoach führen könnten.

Frage: Ihr Vater war ebenfalls in der NBA beschäftigt.

Spoelstra: Mein Vater hat mich schon früh mit dem Basketball in Verbindung gebracht. Allerdings war er kein Coach. Um ehrlich zu sein, hielt er meine Entscheidung, Trainer zu werden, für verrückt.

Frage: Warum?

Spoelstra: Die Coaches, die er in seiner Karriere kennenlernte, waren in seinen Augen komplett durchgedreht. Während der Saison waren sie besessen vom Spiel, ihr Leben geriet aus den Fugen. Gleichzeitig waren diese Trainer auch oft seine Freunde. Mein Dad war aber eben immer auf der geschäftlichen Seite aktiv und führte ein etwas ruhigeres Leben als die Trainer, obwohl er den Basketball liebt. Deshalb nahm er mich ja auch früh mit in die Halle, damals bei den Portland Trail Blazers. Dies entfachte das Feuer in mir, erst als Spieler und heute als Trainer.

Frage: Pat Riley ist einer der besten Trainer der NBA-Geschichte. Was haben Sie von ihm gelernt?

Spoelstra: Das Wichtigste bei Pat ist, dass er immer eine Atmosphäre voller Disziplin und Struktur um sich herum kreiert. Wo er ist, ist alles erstklassig. Heute ist er eher ein Mentor als ein Boss. Er hilft mir auf dieser Reise mit seiner Erfahrung. Pat hat in der NBA so ziemlich jede Situation durchgemacht. Am wichtigsten für mich ist aber, dass er Teil von Meisterteams war. Für mich ist es ein unschätzbarer Vorteil, den Gang runter zu gehen, an seine Tür zu klopfen und ihn in den verschiedensten Situationen um Rat zu fragen.

Die Fragen stellte Dean Walle



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