Taekwondo-Athletinnen Ägyptens schlagkräftige Frauen

Die Frauen im ägyptischen Taekwondo-Kader gehören zu den besten der Welt. Jetzt will Hedaya Malak die WM gewinnen. Sie ist Teil einer selbstbewussten Frauengeneration, die sich nicht von der Politik vorschreiben lässt, was sich ziemt und was nicht.

Aus Kairo berichtet


Im Ausland sorgt Hedaya Malak immer wieder für Aufsehen. "Bei den US Open in Las Vegas haben sie uns angeschaut, als kommen wir von einem anderen Planeten. Jeder wollte Fotos mit uns", erinnert sich die ägyptische Taekwondo-Kämpferin. Die 20-Jährige war bei dem internationalen Wettkampf mit der 22-jährigen Sehem El-Sawalhy aus Ägyptens Nationalteam angetreten. "Wir waren die einzigen zwei Frauen mit Schleier und wir haben beide Medaillen geholt", lacht Malak.

Taekwondo-Athletinnen sind nicht unbedingt etwas, was man mit Ägypten verbindet. Doch der Sport hat eine jahrzehntelange Tradition in dem Land. Gerade Ägyptens selbstbewusste junge Frauen sind immer wieder weltweit vorne dabei. Sie kämpfen weiter unbeeindruckt davon, dass in ihrem Land gerade ein heftiger Streit zwischen Liberalen und Islamisten tobt um die Rolle der Frau. "Wir wollen einfach nur in Ruhe trainieren", sagt Hedaya Malak.

Die größeren politischen Freiheiten nach der Revolution haben in Ägypten Stimmen laut werden lassen, die Frauen lieber am Herd sehen würden als im Ring. Gleichzeitig sind aus den Protesten auch junge Aktivistinnen hervorgegangen, die der ägyptischen Frauenbewegung neuen Auftrieb geben. Was Frau tut und was nicht, ist zu einer umstrittenen politischen Streitfrage geworden, die das Land spaltet.

Noch ist vieles offen, was die Zukunft Ägyptens angeht, auch im Sport. Die Funktionäre und Strukturen seien noch dieselben wie vor der Revolution, erzählt Wael Mahran. Er war Malaks erster Trainer und förderte das junge Talent. Hedaya Malak findet jedoch, dass es einen großen Unterschied zu vor der Revolution gibt: "Jetzt sagt jeder, wenn ihm etwas nicht passt."

Der Taekwondo-Kader hat einige starke Frauen hervorgebracht

Trotz des angespannten politischen Klimas habe sie bisher keine Anfeindungen erlebt, sagt Hedaya Malak, im Gegenteil. In der Regel reagierte ihr Umfeld zwar überrascht aber positiv auf ihren Wahlsport. Angehörige und Freunde sind stolz auf die junge Frau.

Ägyptens Taekwondo-Nationalteam hat so manche starke Frau hervorgebracht. Allein im letzten Jahr trainierten dort aus Hedayas Verein die 19-jährige Farah Sedky, Afrika-Meisterin, die nun mit Stipendium in Deutschland Maschinenbau studiert, und die 26-jährige Nesrin Adel al-Chodari, Siegerin bei den panarabischen Spielen, die inzwischen für ein multinationales Unternehmen in Kairo arbeitet und nebenbei in ihrem alten Verein den Nachwuchs trainiert.

Mit Hedaya Malak hat das Land derzeit eine Kandidatin für den Weltmeistertitel in Mexiko (15. bis 21. Juli) in seinem Kader. Bei den Olympischen Spielen 2012 stand Malak im Viertelfinale. Ein paar Monate zuvor hatte sie mit erst 18 die Studentenweltmeisterschaft gewonnen. In den Nationalkader aufgenommen wurde sie, nachdem sie bei einem Probetraining alle Teammitglieder schlug, Frauen wie Männer.

Größtenteils machen der jungen Ägypterin dieselben Probleme zu schaffen wie ihren Rivalen aus Europa und den USA: Nahezu alles in ihrem Leben ist dem Taekwondo untergeordnet. Freizeit hat sie kaum. Als Studienfach wählte sie Kunst statt wie beabsichtigt Maschinenbau, weil sie anders ihr Trainingspensum nicht hätte absolvieren können.

Dazu hatte Malak mit ihrem Gewicht zu kämpfen. "Ich habe immer Hunger", sagt die Athletin. Statt wie bisher in der Gruppe bis 57 kg anzutreten, will die rund 1.75 Meter große Sportlerin nun in der nächsthöheren Olympischen Gewichtsklasse bis 67 kg kämpfen.

Sie plagen andere Sorgen als ihre westliche Konkurrenz

Doch die Ägypterin muss sich auch mit Sorgen herumschlagen, die ihre westliche Konkurrenz nicht kennt. Seit dem Sturz Hosni Mubaraks 2011 kommt es immer wieder zu Demonstrationen und Ausschreitungen. An Tagen, an denen sie es nicht zum Training des Nationalteams am anderen Ende Kairos schafft, trainiert sie in ihrem alten Verein bei Wael Mahran. Dorthin sind es nur wenige Minuten zu Fuß von ihrem Zuhause.

Viele der Taekwondo-Athletinnen sind junge muslimische Frauen aus gläubigen Familien. Sie entsprechen weder dem Klischee der unterdrückten Frau noch dem der Rebellinnen. Sie brechen nicht mit ihren Familien. Im Gegenteil, der Rückhalt ihrer Angehörigen ist ihnen wichtig. Malak versteht sich selbst als unpolitisch. Doch es kann ihr passieren, dass sie als Sportlerin zum Politikum wird. Dagegen wehrt sie sich.

Zwar ist Taekwondo in Ägypten kein Massensport. Doch bei internationalen Wettkämpfen wie den Olympischen Spielen gerät das Nationalteam ins Visier der Öffentlichkeit, wenn die Athleten ihr Land auf der internationalen Bühne repräsentieren.

Mit Unbehagen erinnert sich Hedaya Malak noch immer daran, wie sie einst als junges Mädchen eine ältere Trainingskollegin im Fernsehen sah bei den Olympischen Spielen. "Ich machte den Fernseher an und dachte: Oh, sie trägt kein Kopftuch mehr?" Zuvor habe Ägyptens Olympisches Komitee die verschleierte Teenagerin unter Druck gesetzt ihr Kopftuch abzunehmen, erzählt Malaks damaliger Trainer Wael Mahran.

Solche Einmischungen in ihr Privatleben verbittet sich Malak. Sie hätte damals beinahe mit dem Taekwondo aufgehört, wenn ihr Trainer ihr nicht versichert hätte, dass er so etwas niemals zulassen würde, erinnert sich Mahran.

Die Ägypterin könnte es leichter haben, was das Training angeht. Als einzige im Team hat Malak eine Doppelstaatsbürgerschaft, weil ihre Mutter Amerikanerin ist. Sie könnte genauso gut für die US-Mannschaft antreten. Doch die 20-Jährige, die in Kairo aufwuchs, kann sich das bisher nicht vorstellen: "Ich will Gold für Ägypten gewinnen."

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
quark@mailinator.com 14.07.2013
1. ?
Ob es wirklich auf Dauer eine erfolgreiche Strategie ist, wenn Frauen auf Beteiligung an körperlicher Gewalt setzen, ist noch die Frage. Von der verlorenen gesellschaftlichen Vorbild- und Friedenswirkung mal ganz abgesehen. Es ist nun mal so, daß jemand, von dem Gewalt ausgehen könnte auch seine Unantastbarkeit verliert. Auch wenn diese in der Vergangenheit oft genug verletzt wurde, hat sie die Frauen dennoch auch oft geschützt. Naja, man wird sehen ...
Overkill 14.07.2013
2. " Von der verlorenen...
Zitat von quark@mailinator.comOb es wirklich auf Dauer eine erfolgreiche Strategie ist, wenn Frauen auf Beteiligung an körperlicher Gewalt setzen, ist noch die Frage. Von der verlorenen gesellschaftlichen Vorbild- und Friedenswirkung mal ganz abgesehen. Es ist nun mal so, daß jemand, von dem Gewalt ausgehen könnte auch seine Unantastbarkeit verliert. Auch wenn diese in der Vergangenheit oft genug verletzt wurde, hat sie die Frauen dennoch auch oft geschützt. Naja, man wird sehen ...
.... gesellschaftlichen Vorbild - und Friedenswirkung ????!!!! Unantastberkeit ??!! So ein Bullshit !!! Man, das regt mich jetzt aber auf. Danke für den guten Artikel ! Als Mehr davon.!
Claudiusflex 14.07.2013
3. Das ist echter Quark, Herr Mailinator!
"... Es ist nun mal so, daß jemand, von dem Gewalt ausgehen könnte auch seine Unantastbarkeit verliert... " Welches göttlichen Wesen hat Ihnen eigentlich diesen Kommentar eingegeben?! - Hier geht es um SPORT (auch Teakwondo gehört dazu) Möchten Sie Frauen aus allen Sportarten verbannen, in denen gegeneinander gekämpft wird? Fechten, Judo u.ä. sowieso, aber dann auch Fussball, Hockey, vielleicht Tennis ... - Aber auch: Ich wünschte noch viel, viel mehr Frauen in Staaten, die von (religiösen) Fanatikern geknechtet werden, hätten die Möglichkeit zu lernen, sich aktiv gegen primitive Dumpfbacken und Möchtegernmänner zu wehren. Und "Vorbild- und Friedensfunktion" könnte doch auch mal von den beteiligten Männern ausgehen. Jetzt und unwiderruflich - oder stehen dem noch irgendwelche göttlichen Gesetze vor?
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