Marathon-Halbfinale in Wimbledon Einer muss gewinnen - aber bitte nicht so

Kevin Anderson war den Tränen nahe. Weil er seinen langjährigen Freund besiegen musste, vor allem aber, weil beide davor sechseinhalb Stunden gekämpft hatten. Sein emotionaler Appell an die Ausrichter: "Ändert etwas."

Kevin Anderson
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Kevin Anderson

Aus London berichtet Philipp Joubert


Da stand er nun, im größten Moment seiner Karriere und doch Tränen nahe, die kaum von Freude herrührten. Kevin Anderson hatte eines der längsten Tennismatches der Geschichte gespielt, sich im Halbfinale von Wimbledon gegen John Isner in sechs Stunden und 36 Minuten mit 26:24 im fünften Satz durchgesetzt. Doch was in den nächsten knapp 200 Sekunden passierte, war fast noch beeindruckender als der historische Sieg.

Anderson rühmte während des obligatorischen Siegerinterviews nicht nur den langjährigen Freund auf der anderen Seite des Netzes und zeigte tiefes Mitgefühl mit dem Geschlagenen. Der Südafrikaner führte zudem aus, warum ein Marathon-Match wie das gerade gekämpfte das letzte dieser Art gewesen sein sollte: "Ich hoffe wirklich, dass das ein Zeichen für die Grand Slams ist, etwas zu ändern."

Anderson und Isner kennen einander seit anderthalb Jahrzehnten, beide wurden im amerikanischen College-Tennis groß. Dort wo jene spielen, die entweder nicht in die Kategorie Ausnahmetalent fallen oder noch etwas Zeit und Unterstützung brauchen, um schlussendlich Profis zu werden.

"Es hat sich wie ein Unentschieden angefühlt"

Isner war Anderson stets einen Schritt voraus. Genauso hart arbeitend, ein klein bisschen erfolgreicher. Dann erreichte Anderson im vergangenen Jahr überraschend das Finale der US Open, besiegte schließlich vor zwei Tagen in einem ebenfalls dramatischen Match Roger Federer mit 13:11 im fünften Satz. Isner, dessen berühmtester Tennisauftritt bis zu diesem Jahr an der Church Road stets der 70:68-Sieg im fünften Satz in Wimbledon vor acht Jahren gegen Nicolas Mahut gewesen war, zog endlich mit dem ersten Grand-Slam-Halbfinale der Karriere nach.

Und so entschuldigte sich Anderson also für einen wahrgenommenen Mangel an Freude. "Am Ende hat es sich wie ein Unentschieden zwischen uns angefühlt, und doch musste einer gewinnen," sagte der 32-Jährige und fügte an: "Er tut mir wirklich leid. Wäre ich auf der anderen Seite, ich wüsste nicht, wie ich damit fertig werden würde, so lange gekämpft zu haben und dann zu verlieren."

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Anderson siegt nach sechs Stunden: Irgendwann ist auch mal gut

Schon im Vorfeld des Matches hatte es Witzeleien gegeben: Würde die BBC wirklich wie gewünscht das von den Namen her so viel besser besetzte zweite Halbfinale zwischen Rafael Nadal und Novak Djokovic am frühen Abend zur besten Sendezeit zeigen können? Oder würde es bei zwei solchen Wuchtaufschlägern einen weiteren Marathon geben? Doch mit jeder weiteren Stunde des Spektakels häuften sich die kritischen Stimmen.

So sehr die sportliche Leistung gewürdigt, die erstaunliche Nervenstärke gelobt werden sollte, war mit diesem Match doch niemandem geholfen. Schon lange wird kontrovers über das Fünfsatzformat diskutiert. Die aktuellen Regeln stammen aus einer Zeit, als Matches und Ballwechsel kürzer waren. Neue Schlägertechnologien, langsamere Plätze, fittere Spieler - all das hat den Sport verändert. Während manche es am liebsten ganz abschaffen würden, wollen andere wenigstens einen Tiebreak bei 6:6 im entscheidenden Satz sehen, so wie es etwa die US Open seit Jahren tun. John Isner schlug später ein solches Entscheidungsspiel beim Stand von 12:12 vor.

John McEnroe fordert Veränderungen

Die Vorschläge haben zahlreiche prominente Fürsprecher. "Ich hoffe, die großartige Leistung dieser beiden fitten und sehr erfahrenen Profis erlaubt den Entscheidern, eine Änderung anzustreben", sagte etwa der dreifache Wimbledonsieger John McEnroe: "Für diese beiden Spieler und alle, die nach ihnen kommen."

Denn so austrainiert jemand wie Anderson ist, so sehr er in seiner Pressekonferenz betonte, alles dafür zu tun, um für das Finale am Sonntag (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) fit zu werden, und so sehr seine möglichen Finalgegner Rafael Nadal und Novak Djokovic durch den späten Start und die Unterbrechung im vierten Satz selbst in eine nachteilige Situation gebracht wurden: Nach diesem Fünfsatzdrama ist nur schwer vorstellbar, dass Veranstalter und Fans am Sonntag bekommen, was sie wollen: ein qualitatives Match auf Augenhöhe.

insgesamt 10 Beiträge
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butch82 14.07.2018
1. Vorallem
macht es wenig Spaß sich solch ein Spiel anzuschauen. Die beiden können ja nichts dafür, dass sie solche Aufschlagmonster sind, aber wenn 2 solcher Spieler aufeinandertreffen wird das Spiel vom spielerischen her sehr langweilig.
dickidoro 14.07.2018
2. Wimbledon mammutmatch
Fast alle spiele im herreneinzel liefen im normalen Zeitrahmen ab und nur wegen eines (! ) langen fünften Satzes soll schon wieder das Regelwerk geändert werden. Auf rasen wird ohnehin viel schneller gespielt als auf Sand ( wie in Paris ), und wegen gerade mal 3 marathonspielen soll nun diese herrliche Tradition abgeschafft werden. Quatsch. Bei dem Spiel der aufschlagriesen Anderson vs. Isner war so etwas ohnehin zu erwarten, weil beide nur von ihren Aufschlägen leben, aber nicht die feine Klinge beherrschen. Wann haben die beiden Riesen je einen stop gespielt oder eine Rallye über mehr als 5 Ballwechsel.
tombik251 14.07.2018
3. Ach ja
die verwöhnten Tennisspieler. Schafft den zweiten Aufschlag ab, schafft die ständige Hinsetzerei ab, schafft das unsägliche "ich geh alle 5 Sekunden zum Handtuch" ab, schafft das "gib mir 5 Bälle und vier werf ich dann nach einer lächerlichen Prüfung wieder weg" ab. Und schon könntet Ihr auch ein 40:38 im 5.Satz spielen und seit immer noch unter 3 Stunden.
M.Wissmann 14.07.2018
4.
Das Fünf-Satz Format sollte man bei Grand-Slam Turnieren grundsätzlich beibehalten. Tie-Break im fünften Satz wäre in Ordnung. Vor Finalspielen in Grand-Slam Turnieren sollte man eine Mindestruhezeit durchsetzen. Dazu müssten bei den vier Majors (v.a. Wimbledon und french Open) für eine bessere Planbarkeit mehrere Turnierplätze wetter- und tageszeitunabhängig gestalten Möchte man ein - rein technisch gesehen - hochwertiges Tennis haben, sollte man einen Modus ersinnen, in dem die maximale Spieldauer z.B. auf drei Stunden begrenzt ist.
Gerdd 14.07.2018
5. Ist die heute übliche Antwort ...
... nicht das Elfmeterschießen? Bei 12:12 geht's ab zum Fußballplatz - nein, Zynik beiseite, aber Tennis bis zum Umfallen kann's doch auch nicht sein.
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