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Hooligan-Treffen in Dortmund: Platte Parolen gegen Salafisten

Aus Dortmund berichtet

Reden, rülpsen, Bier trinken: Hooligans in Dortmund Zur Großansicht
Rafael Buschmann

Reden, rülpsen, Bier trinken: Hooligans in Dortmund

Hooligans sieht man eigentlich selten vereint. Doch seit ein paar Monaten organisieren sie sich gegen Salafisten. 300 von ihnen versammelten sich am Sonntag in Dortmund und gaben Einblick in eine Gewalt suchende Parallelgesellschaft.

Natürlich durfte "SS-Siggi" nicht fehlen. Das Mitglied der Partei "Die Rechte" war bereits 20 Minuten vor Versammlungsbeginn da und begrüßte seine Freunde herzlich. Siegfried Borchardt, der mit seinen Aktivitäten in der rechten Szene seit Jahren den Ruf der Stadt Dortmund beschädigt, fühlte sich sichtlich wohl. Er war ja auch unter seinesgleichen.

Die Gruppe "Hooligans gegen Salafisten" hatte zu einem "Kennenlernen" gerufen. Mehr als 300 Personen folgten und trafen sich am späten Sonntagnachmittag auf der Katharinentreppe in Dortmund. Gekommen waren auch viele kahl rasierte Schädel, Personen mit muskelbepackten Armen und massenweise Tätowierungen, sogar auf den Gesichtern. Das Publikum, das sich dort verabredete, versteht es, Menschen einzuschüchtern.

Hooligans fühlen sich eigentlich einem Fußballklub zugehörig, den sie als Vorwand nehmen, um sich mit Hooligans anderer Klubs zu prügeln. In Deutschland wurde diese "Dritte Halbzeit", wie Hools ihre Auseinandersetzungen nennen, seit dem Ende der Neunzigerjahre zunehmend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit gedrängt. Neue Kamerasysteme in den modernen Fußballarenen und die erhöhte Polizeipräsenz an Spieltagen führten dazu, dass Hooligans ihre Schlägereien auf Wiesen und Wälder verlagerten. Jedes Wochenende begeben sich seitdem zumeist Männer auf lange Fahrten durch die Bundesrepublik, um irgendwo eine zwei- bis dreiminütige Schlägerei mit einer anderen Gruppe auszutragen. Solche "Drittortbegegnungen" sind verboten, weshalb es nicht verwundert, dass Hooligans nur selten Einblicke in ihre Parallelwelt zulassen.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Gruppe "Hooligans gegen Salafisten" seit Monaten dazu aufruft, nicht nur die Feindschaft untereinander ruhen zu lassen, sondern sich gemeinsam einem Feind zu stellen. Und das auch noch öffentlich. "Es kann nicht sein, dass uns in unserem Land eine Religion aufgedrängt wird von diesen Salafisten", brüllt einer der Teilnehmer in ein Mikrofon. In seiner Nähe steht ein Typ, der die Worte mit Schlägen gegen seine eigene Brust untermalt, während er dabei seinen Gegenüber mit einer extrem feuchten Aussprache traktiert.

Es ist ein skurriler Nachmittag. Mehr als eine Stunde stehen die Hooligans, die aus Magdeburg, Dresden, Frankfurt, Kaiserslautern und vielen anderen Orten nach Dortmund gepilgert sind, einfach nur in Kleingruppen herum. Sie reden, trinken Bier, rülpsen und kratzen sich. Einige tragen Klamotten mit einschlägigen Nazi-Labels, andere geben sich nicht einmal Mühe, ihre verfassungsfeindlichen Tätowierungen zu verstecken. Dabei betonten die Gruppensprecher auch an diesem Nachmittag mehrfach, dass die Gruppe keine rechtsradikale Ausrichtung habe.

Drohungen und Stammtischparolen

"Die vergewaltigen Frauen, stiften zum Krieg an, bilden Selbstmörder aus", sagte eine der wenigen Frauen vor Ort über den "Feind" der Gruppe. Was genau Salafismus ist? "Die Pest." Wer gehört dieser Religionsform an? "Nur Kriminelle." Ein inhaltliches Gespräch über die Ziele und das Agieren der Hooligan-Gruppe ist auch mit dem x-ten Versammlungsteilnehmer nicht möglich. Weder bekommt man differenzierte Antworten, noch stimmen die Fakten über Salafismus auch nur im Ansatz. "Es tut doch niemand was gegen die. Also machen wir es selbst", sagt ein dicker Mann mit einem "Sport frei"-Pullover. Es sind exakt diese Stammtischparolen, die den Kern der Gruppe ausmachen.

Monatelang haben sich die Hooligans in geheimen Foren über ihre Wut auf Salafisten ausgetauscht. Die Verbindungen zwischen Rechtsextremen und Hooligans zeigten sich zuletzt auch in der Großgruppe Gnu Honnters, deren Personenkreis sich eng mit dem der "Hooligans gegen Salafisten" vermengt. Kennenlerntreffen wie das in Dortmund gab es zuvor auch in Köln und Essen. Aber bislang zeigten sich nie mehr als hundert Hooligans gemeinsam.

"Wir werden mehr, immer mehr", brüllt "Kalle" ins Megafon. Kurz vor dem Ende der Veranstaltung spricht er zu seinen Mitstreitern. Er entschuldigt sich dafür, dass es kein Programm gab, dass niemand etwas organisiert hatte. "Das werden wir beim nächsten Mal besser machen." Es klingt wie eine Drohung.

Wer die Gruppe anführt? Keiner der Anwesenden weiß darauf eine Antwort. Eine wirkliche Führungsstruktur scheint es nicht zu geben. In Dortmund fungierte der Mönchengladbacher Pro-NRW-Ratsherr Dominik Horst Roeseler als Sprecher der Gruppe, er hielt auch den Kontakt zur Polizei. Damit wird zumindest deutlich, dass die Hooligans auch politisch angedockt sind.

"SS-Siggi" bleibt trotzdem skeptisch. Nach einem abschließenden Gruppenfoto, inklusive "Hurra, hurra, die Deutschen die sind da"-Gebrüll, steht er etwas atemlos vor der Katharinentreppe. "Es war kontraproduktiv, dass man die Leute so viele Kilometer fahren lässt und es dann kein Programm gibt. Es wurden noch nicht einmal Flyer verteilt. Wenn die das nicht besser organisieren, wird sich die Gruppe wieder total schnell verlaufen."

Man mag es kaum glauben: Aber Siegfried Borchardt gebührten die ersten sachlichen Worte dieses Treffens.

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