Australian-Open-Halbfinalist Chung Sieht aus wie ein Geek, spielt wie ein Gigant

Der Südkoreaner Hyeon Chung trifft im Halbfinale der Australian Open auf Roger Federer. Der 21-Jährige verzückt die asiatischen Tennis-Fans. Dabei begann er mit dem Sport nur, weil seine Augen so schlecht sind.

Hyeon Chung
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Hyeon Chung

Aus Melbourne berichtet Philipp Joubert


Der frühere US-Tennisstar Jim Courier ist seit Jahren der erste Gratulant und Siegerinterviewer des australischen Fernsehens bei den Australian Open. Er ist dabei sehr humorvoll, wie er auch am vergangenen Montag unter Beweis stellte. Gerade hatte der 21-jährige Südkoreaner Hyeon Chung dem Überraschungssieg gegen Alexander Zverev einen noch größeren im Achtelfinale gegen sein Idol Novak Djokovic folgen lassen.

Courier zählte alle die spielerischen Besonderheiten Chungs auf, erwähnte dessen enorme Flexibilität und sagte: "Es ist, als würde man Novak spielen sehen. Aber dann merkt man, das bist ja du." Das Publikum lachte, Chung grinste. Es folgten drei unterhaltsame Minuten, in denen sich Chung als aufstrebender König des Einzeilers hervortat.

Couriers Pointe hatte einen wahren Kern: Chung wirkte am Montag wie eine jüngere, in diesem Moment sogar bessere Kopie des zwölfmaligen Major-Champions Djokovic. Und dieser 21-Jährige hat nun die Chance, mit einem Sieg gegen Roger Federer am Freitag (9.30 Uhr, TV: Eurosport) ins Finale der Australian Open einzuziehen.

Ist Chung also einer der kommenden Stars?

Im Tennis werden die vielversprechendsten Neuankömmlinge schnell mit den Größen der Gegenwart verglichen. So hat der Sport im vergangenen Jahrzehnt zahlreiche Mini-Versionen von Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic hervorgebracht. Nur war bei fast allen der Schein letztlich größer als das Sein.

Chung macht den Platz klein

Doch bei kaum jemanden passte der Vergleich jemals so gut wie bei Chung und Djokovic. Selbst der Serbe erkannte nach seiner Achtelfinalniederlage das Offensichtliche an: "Wir spielen in der Tat sehr ähnlich. Ich respektiere ihn wirklich, weil er ein so harter Arbeiter ist, außerdem diszipliniert und höflich."

Wie Djokovic ist der 21-jährige stets in Bewegung, antizipiert jeden Ball, ist schnell und macht den Platz so klein, dass der einfache Angriff für den Gegner fast unmöglich ist. Chungs Trainer Neville Godwin sieht sogar größeres Offensivpotenzial als bei Djokovic: "Er hat noch mehr reine Schlagkraft und könnte mit seiner Schnelligkeit sogar vorne am Netz erfolgreich sein."

Erstaunlich ist auch Chungs Return - da gehört er trotz Weltranglistenposition 58 zu den besseren auf der Tour. Und das ist wichtig, denn die Erfolgreichsten der vergangenen Jahre haben eines gemeinsam: Sie ziehen das Spiel von hinten auf. Gewannen früher fast ausschließlich starke Aufschläger, braucht es inzwischen einen außergewöhnlichen Return, um die ganz großen Titel zu holen.

Euphorie in Asien

Das unterscheidet Chung von Spielern wie Alexander Zverev. Auch wenn der Südkoreaner zur Zeit noch weit hinter dem Deutschen (Nummer vier) in der Rangliste steht. Verletzungen haben Chung immer wieder gestoppt. Erst mit dem Sieg beim Jahresendturnier der U-21 Spieler im vergangenen November machte Chung international auf sich aufmerksam.

In seiner Heimat Südkorea ist der Chung-Hype groß. "Ich weiß, dass alle zu Hause Fernsehen schauen. Das ist ja auch historisch", hatte er zuletzt gesagt. Die Euphorie ist kein Wunder: Noch nie hatte ein Koreaner bislang auch nur das Viertelfinale bei einem Grand Slam erreicht.

Die großen Fragen lauten: Was bedeutet der Erfolg Chungs - nicht nur für sein Heimatland, sondern für das ganze asiatische Tennis? Kommt nach dem Japaner Kei Nishikori jetzt wirklich jemand daher, der dauerhaft in der Lage ist, mit den Besten mitzuhalten, sogar einen Grand Slam zu gewinnen?

Spitzname Professor

Die Aufregung auf dem Kontinent ist groß, die Stimmung wurde vom indischen Journalisten Rohit Brijnath in der singapurischen Strait Times wunderbar zusammengefasst: "Lasst uns Chung Hyeon zuerst dafür danken, dass er die ganzen Klischees über Asiaten ins Lächerliche zieht. Ja, ja, er sieht aus wie ein Geek, aber er spielt wie ein Gigant."

Chung trägt auf dem Court stets Brille, der Spitzname Professor begleitet ihn daher schon lange. Er hat eine starke Hornhautverkrümmung und deswegen bereits als Kind mit dem Tennis angefangen. Seinen Eltern war das empfohlen worden, da der grüne Belag der heimischen Courts den Augen helfen könnte.

Manchmal sind es eben Zufälle, die große Karrieren auslösen.



insgesamt 3 Beiträge
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jupiter_jones 26.01.2018
1. Was ist mit Michael Chang?
"Was bedeutet der Erfolg Chungs - nicht nur für sein Heimatland, sondern für das ganze asiatische Tennis? Kommt nach dem Japaner Kei Nishikori jetzt wirklich jemand daher, der dauerhaft in der Lage ist, mit den Besten mitzuhalten, sogar einen Grand Slam zu gewinnen?" Also ob die Asiaten nur Kei Nishikori aufzubieten hätten?! Sorry aber was ist denn mit dem legendären Michael Chang? Hat zwar einen US Pass aber ist in Taiwan geboren und in die USA eingewandert.
kastenmeier 26.01.2018
2.
Wenn man sich den bisherigen Verlauf seines Turniers anschaut und den Artikel "häufig durch Verletzung zurückgeworfen" (mit 21!) und "Hype in der Heimat" durchliest, möchte man ihm fast wünschen, dass gegen Federer Schluss ist. Entspannt an seinem weiteren Aufstieg basteln ist vermutlich jetzt schon schwer genug. Ich habe ihn gegen Zverev gesehen - Chung hat nicht nur toll gespielt. Er ist eine ganz sympathische Erscheinung, dem man ansieht, Spaß am Spiel zu haben. Wenn das alles so bleibt, eine echte Bereichung für die Tour.
mbak19 26.01.2018
3.
Ich sehe eben das Spiel, Federer erteilt Chung gerade eine mächtige Lehrstunde. Was der mir seinen 36 Jahren noch so drauf hat ist wirklich beeindruckend.
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