Gündogan und Özil bei Erdogan Was Nationalspielersein bedeutet

Wer in diesem Land mit Migrationshintergrund aufwächst, ist oft hin- und hergerissen. Wenn sich allerdings ein Fußballspieler für die deutsche Nationalmannschaft entscheidet, sollte er sich auch entsprechend verhalten.

Erdogan mit den deutschen Nationalspielern Gündogan (ganz links) und Özil (zweiter von links)
DPA/ resdential Press Service

Erdogan mit den deutschen Nationalspielern Gündogan (ganz links) und Özil (zweiter von links)

Ein Kommentar von


Natürlich hat man gut reden als Deutscher ohne Migrationshintergrund. Was es bedeutet, in diesem Land aufzuwachsen, wenn man anders aussieht als Klaus und Mike. Wenn man selbst vielleicht zur ersten Generation gehört, die hier geboren ist und zu Hause kein Deutsch hört. Stattdessen die Eltern oder Großeltern bis ans Lebensende von ihrer türkischen Heimat oder wo auch immer die liegen mag, schwärmen hört. Von religiösen Fragen - Gehört der Islam zu Deutschland? - ganz zu schweigen.

Gehört man selbst dazu? Vielleicht nur zur Hälfte?

Diese Fragen hat leider auch die deutsche Politik viel zu spät in den Blick genommen, jahrzehntelang ist man ihnen ausgewichen. Deutschland, ein Einwanderungsland? Iwo. Die Doppelpass-Regelung ermöglicht es vielen Deutschen mit Migrationshintergrund, sich nicht formal von einem Teil ihrer Identität trennen zu müssen.

Wer allerdings beschließt, als Profifußballer für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen und eben nicht für das Land seiner Eltern oder Großeltern, der trifft eine Entscheidung. Und deren Konsequenzen sollten sich Fußballspieler wie Mesut Özil und Ilkay Gündogan bewusst sein.

Der Präsident dieses Landes heißt Frank-Walter Steinmeier. Recep Tayyip Erdogan dagegen ist der Präsident der Türkei. Zudem ein Mann, der sich mitten im Wahlkampf befindet und jede Möglichkeit nutzt, auch unter den in Deutschland lebenden und in der Türkei Wahlberechtigen zu werben. Was könnte ihm also Besseres passieren als gemeinsame Fotos mit den Stars Özil und Gündogan?

Dass ihm beide mit dem Gruppenbild in London auf den Leim gegangen sind, ist schon traurig genug. Aber dass Gündogan ihm auch noch ein Trikot seines Vereins mit den Worten "Für meinen verehrten Präsidenten. Hochachtungsvoll" signiert hat, ist eines deutschen Nationalspielers unwürdig. Selbst wenn man davon absieht, dass "mein" im Türkischen eine übliche Höflichkeitsformel ist. Gündogan hat, genau wie Özil, nicht einmal den türkischen Pass, sondern allein die deutsche Staatsbürgerschaft.

Ein Nationalspieler repräsentiert das Land

Wer das Trikot der Nationalmannschaft trägt, repräsentiert dieses Land. Mit seinen Stärken und Schwächen, seiner mitunter unheilvollen Vergangenheit. Man muss deshalb nicht lauthals die Hymne vor jedem Spiel schmettern. Aber es ist eben mehr, als für eine Saison das Trikot von Real Madrid und in der nächsten das des FC Bayern München zu tragen.

Es wäre auch schräg, wenn ein deutscher Nationalspieler mit französischem Hintergrund dem Präsidenten des Nachbarlandes Emmanuel Macron ein Vereinstrikot mit entsprechender Aufschrift übergäbe. Aber natürlich ist es besonders problematisch, wenn es sich dabei um einen autoritären Staatschef wie Erdogan handelt, in dessen Land Menschenrechte wenig gelten und Journalisten wie der inzwischen freigelassene Deutsch-Türke Deniz Yücel monatelang ohne Anklage in Haft sitzen müssen.

Niemand wird von deutschen Nationalspielern mit türkischen Wurzeln wie Özil oder Gündogan verlangen, dass sie sich von Erdogan distanzieren. Aber dass sie sich nicht von ihm vereinnahmen lassen, sehr wohl.

Özil und Gündogan stehen für die Vielfalt Deutschlands - genau wie Jérôme Boateng, Thomas Müller und Toni Kroos. Sie stehen für ein Land, das mit sich ringt, um die Vorteile dieser Vielfalt schätzen zu können.

Aber ein bisschen mehr, als nur gut Fußball zu spielen, kann man von einem Mitglied der Nationalmannschaft dann wohl doch erwarten.



insgesamt 112 Beiträge
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elwoodblues1969 15.05.2018
1. Emre Can
Hatte diese Einladung auch und hat sie abgeschlagen. War deutlich cleverer als die beiden Herren
londonpaule 15.05.2018
2. ist dann auch mal gut
ich denke der Fall wurde hinreichend erklaert - die waren zufaellig beim gleichen Event. Ungluecklich angesichts des Wahlkampfes, gewiss, aber er ist nunmal der amtierende Praesident und Fussballer waren selten politische Intellektuelle (wobei noch zu klaeren waere ob - statistisch gesehen jedenfalls - ein solches Praedikat immer zu kluegeren Entscheidungen befaehigt)
manitoba 15.05.2018
3. Danke
Danke für diesen Kommentar. Ich will noch ergänzen: Den gebürtigen Polen Klose und Podolski wäre es nie im Traum eingefallen, sich für derartige Aktionen instrumentalisieren zu lassen. Die Eltern von Bernd Leno sind Russlanddeutsche. Kann sich jemand vorstellen, dass Leno Wahlwerbung für Putin oder den kasachischen Despoten Nazarbajew macht? Nur bei türkischstämmigen Deutschen müssen wieder Ausnahmen akzeptiert werden. Warum eigentlich? Für meine Begriffe haben Özil und Gündogan nicht das charakterliche Niveau, unser Land und damit auch mich zu repräsentieren.
Akka 15.05.2018
4. Ist das wirklich
ein ernsthaftes Problem. Beide Kicker haben Trikots ihrer derzeitigen Vereine verschenkt und nicht die unserer Nationalmannschaft. Beide leben schon länger in Groß (Brexit) Britannien und beide sind ihr Leben lang immer nur einem Ball hinterher gelaufen. Was will man denn da noch an hoher Diplomatie erwarten?
deranalystiker 15.05.2018
5. Auf den Punkt!
Gratulation Herr Grathmann! Sowohl im Tonfall als auch in den Zwischentönen hat Ihr Kommentar die Sachlage auf den Punkt getroffen. Dem ist nichts hinzuzufügen.
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