Chairskater David Lebuser: Mein Freund, der Rollstuhl

Von , Leonie Voss und (Video)

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Seit einem schweren Unfall ist David Lebuser querschnittsgelähmt. Doch mit seinem Rollstuhl macht er Außergewöhnliches, der 26-Jährige ist Deutschlands einziger professioneller Chairskater. Trotz aller Strapazen: Zurück in sein altes Leben will er nicht.

Kurz und hart schlägt die Schulter auf dem Beton auf, Reifen quietschen, Metall kratzt über den Boden, und David Lebuser lacht. Mit einem einzigen Stoß seiner Arme wuchtet er den kräftigen Oberkörper zurück in die Senkrechte, er sortiert die Beine nebeneinander und ruft: "Kann passieren, ist nicht schlimm!" Eine Gruppe von Rollstuhlfahrern hat ihn beobachtet, hat fasziniert und skeptisch zugesehen, wie David Lebuser mit dem Rollstuhl eine Rampe runterraste, auf der anderen Seite wieder hoch, und wie er bei der Drehung auf einem Reifen umkippte.

Lebuser ist der einzige professionelle Chairskater in Deutschland, in Hamburg zeigt er Rollstuhlfahrern bei einem Workshop seine Tricks. Seit einem schweren Unfall vor fünf Jahren ist Lebuser, 26, querschnittsgelähmt, seitdem ist der Rolli sein Fortbewegungsmittel, sein Sportgerät. Er ist sein Freund, sagt David Lebuser.

28. August 2008. Mit seinen Berliner Bandkumpels feiert Lebuser im Proberaum, sie hören Punk, saufen, wie immer. Irgendwann, es ist kurz vor Mitternacht, entschließt sich Lebuser zu gehen, er will das Treppengeländer im zweiten Stock herunterrutschen, wie immer. "Aber das hat mit dem Promillewert nicht mehr geklappt", sagt Lebuser. "Ich bin abgeschmiert, durch den Treppenschaft in den Keller gefallen." Acht Meter tief, auf den Rücken.

Die erste Erinnerung, als Lebuser aufwacht aus dem künstlichen Koma: weiße Kittel, die weinende Mutter, "Sie sind querschnittsgelähmt". Der dritte Lendenwirbel ist zertrümmert, keine Chance, sagen die Ärzte.

Über die Wochen nach dem Unfall spricht Lebuser im Video

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Er kann sich zu dem Zeitpunkt noch nicht vorstellen, was mit dem Rollstuhl möglich ist. Doch es ist das erste Mal, dass Lebuser wieder Lust auf Leben hat, nach den vielen Wochen, in denen er nicht einmal alleine aufs Klo konnte. "Als ich aus dem Bett raus und in den Rollstuhl reinkam, war es das Schönste", sagt er. Die Physiotherapeuten beackern die leblosen Beine, und tatsächlich kehrt irgendwann zumindest in die Oberschenkel ein Gefühl zurück. Unterhalb der Knie bleibt alles taub, "mein Ballast", sagt Lebuser.

Es ist ein Freund, der ihm das Video zeigt. Ein Rollstuhlfahrer fetzt durch einen Skatepark, er macht einen Rückwärtssalto, mit dem schweren Gerät unter sich. Kranker Scheiß, denkt Lebuser, so fasziniert und skeptisch, wie er heute bestaunt wird, starrt er auf den besten Chairskater der Welt: Aaron Fotheringham, einen 21-jährigen US-Amerikaner.

Noch im Krankenhaus fängt Lebuser an zu trainieren, er brettert durch die Flure, kämpft sich an Bordsteinkanten und Treppen ab. Drei Monate später traut er sich das erste Mal in einen Skatepark, ohne Helm und Gelenkschützer, er stürzt, hievt sich wieder in den Rollstuhl, fährt weiter. Lange übt er für sich, in Skatebowls, die aussehen, als hätte man aus einem riesigen Schwimmbecken das Wasser abgelassen, oder in Skatehallen, immer mit gesunden Skatern um sich herum. Die Rollstuhl-Tricks schaut er sich von ihnen, von BMX-Fahrern oder aus Fotheringhams Videos ab.

Der neue David Lebuser ist Sportler

In den USA, Kanada und Australien gibt es immer mehr Chairskater, aber noch ist die Szene überschaubar, es kennt sich fast jeder, über Facebook tauschen sich die Sportler aus. So bekommt Lebuser mit, dass es Chairskate-Wettkämpfe und sogar eine Weltmeisterschaft gibt. "Ich wollte da unbedingt hin", sagt er, und setzt im vergangenen Jahr alle Hebel in Bewegung, um zu dem Wettbewerb nach Venice Beach in Kalifornien reisen zu können.

Es treffen sich dort die sieben besten Chairskater der Welt. Auch Fotheringham, der Verrückteste, ist dabei. Eine Jury benotet ihre Sprünge, Drehungen und Gleichgewichtselemente. Fotheringham wird Erster, er zeigt wieder seinen Backflip, den Rückwärtssalto. Den kann und will Lebuser nicht riskieren, "ich mache nichts, von dem ich weiß, dass ich mich übelst auf die Fresse packe", sagt er, "ich gehe langsam, Schritt für Schritt". Der zerstörte Lendenwirbel wird von Schrauben zusammengehalten, verletzt sich Lebuser dort noch einmal, bekommt er Probleme mit der Versicherung.

Es geht ihm auch gar nicht darum, möglichst schnell möglichst spektakuläre Tricks draufzuhaben. Es geht Lebuser um die kontrollierte Verschiebung der eigenen Grenzen. "Chairskaten bedeutet für mich, mich immer wieder ins Abenteuer zu stürzen, immer ein bisschen weiter", sagt er. Er ist längst weiter, als er vor fünf Jahren glaubte. Er ist nicht mehr nur der Behinderte im Rollstuhl, der sich in den Alltag zurückkämpft.

David Lebuser ist Sportler. Er hat Sponsoren, wird von Kamerateams begleitet und für Shows gebucht, reist um die Welt.

Manchmal denke er darüber nach, "was wäre wenn", gibt er zu, was, wenn er noch laufen könnte. Lebuser kann nur ahnen, dass sein Leben ein völlig anderes wäre. Als der Unfall passierte, arbeitete er wenig motiviert in einem Callcenter, auf seinen gelernten Job als Maler und Lackierer hatte er keine Lust. "Ich habe keinen Sport gemacht, war mit meinen Kumpels unterwegs, hab ein bisschen Gitarre gespielt." Nichts habe ihn erfüllt, sagt er. Ein perspektivloser Halbstarker, so stellt man sich den Lebuser vor dem Unfall vor, einer, der mit spätestens 30 als gescheitert gilt. Diesen David Lebuser gibt es nicht mehr.

Über sein neues Leben spricht Lebuser im Video

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
vote4sp 06.09.2013
schöner Beitrag, gern mehr davon
2. Nice!!
metalslug 06.09.2013
Sehr cool, das sieht echt nach Spaß aus...roll on!
3. Starker Mann, starker Wille.
sangreal 06.09.2013
Großartig was er tut. Sich und anderen helfen. Weiter so. Toll.
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