Ines Geipel verlässt DOH Konflikte mit der Chefin

Doping in der DDR hat Leben zerstört. Wer gehört zu den Opfern - und wer nicht? Über diese Frage hat sich der Hilfe-Verein DOH so zerstritten, dass seine Chefin Ines Geipel sich nun verbittert zurückzieht - und von einer "Sauerei" spricht.

Ines Geipel
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Ines Geipel

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Wer ist Täter, wer ist Opfer - und kann man auch beides sein? Das ist eine philosophische Frage, aber beim Thema DDR-Doping hängen an dieser Frage auch Geld, Entschädigungen, Ansprüche.

Es ist die Frage, die den Dopingopfer-Hilfeverein DOH in diesen Wochen an den Rand des Zerreißens gebracht hat. Seine Vorsitzende, Ines Geipel, kostet diese Frage jetzt das Amt.

Ines Geipel ist das Gesicht des Vereins, die frühere DDR-Sprinterin und heutige Autorin hat den DOH mehr als fünf Jahre geleitet, sie hat in dieser Zeit unbestritten Erfolge erzielt. Dass der Bundestag die Antragsfrist für Dopingopfer noch einmal bis ans Jahresende 2019 verlängert hat, ist maßgeblich ihrer Lobbyarbeit und ihrem Engagement zu verdanken. Geipel hat dem Verein Sponsoren besorgt, es gibt viele, die sagen, ohne sie gäbe es den DOH vermutlich gar nicht mehr. Für ihre Arbeit erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Der Dopingopfer-Hilfeverein war Ines Geipel, und Ines Geipel war der Dopingopfer-Hilfeverein. Irgendwann ist das ein Problem geworden.

Die 58-Jährige hat die Vereinsführung kämpferisch interpretiert. Das galt nach außen, bei Politikern, Ärzten, Trainern. Das galt aber ebenso intern. Dass zahlreiche ehemalige Mitstreiter sich im Laufe der Zeit aus dem Verein verabschiedeten, lag auch daran, dass es Konflikte mit der Chefin gab. Die früheren Vorstände und anerkannten Dopingopfer Uwe Trömer und Marie Katrin Kanitz zogen sich im Groll zurück oder wurden hinausgedrängt. Zuletzt hatte auch Henner Misersky, einer der zuvor engsten Mitarbeiter von Geipel, genug.

Misersky hat die Seiten gewechselt

Misersky, ein Trainer-Urgestein, hatte sich in der DDR geweigert, das Dopen mitzumachen und wurde daraufhin vom Regime kaltgestellt. Er hat mittlerweile die Seiten gewechselt. Er gehört zu denen, die Geipel vorwerfen, den Opferbegriff verwässert und so ausgedehnt zu haben, dass er Trittbrettfahrern Tür und Tor öffnet, die sich eingeladen fühlen dürfen, ebenfalls Anträge auf Entschädigung zu stellen.

Misersky war einer der Unterzeichner, die sich in einem Brief, den der SPIEGEL als erstes veröffentlichte, an die Mitglieder des Sportausschusses des Deutschen Bundestags gewandt haben, um ihrer Empörung "über diese Opfer-Politik" Ausdruck zu verleihen.

Dass dazu auch die renommierten Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke und Gerhard Treutlein gehörten, Wissenschaftler, denen man beim besten Willen keinen Vorwurf machen konnte, das DDR-Doping zu verharmlosen, war für die Vorsitzende letztlich eine Belastung zu viel. Sie kündigte am Dienstag ihren sofortigen Rückzug an, jetzt führt der bekannte Sportrechtler Michael Lehner, einer der Gründer des DOH, den Verein.

Geipel mit Nachfolger Michael Lehner
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Geipel mit Nachfolger Michael Lehner

Tatsächlich hat Geipel den Opferbegriff deutlich erweitert, sie hat ihn so weit wie möglich gefasst, sie hat ihn auch auf die Kindergeneration der damaligen Sportler angewendet. Geipel sprach zuletzt von 15.000 Dopingopfern in der DDR und davon, dass es mehr DDR-Dopingtote als Mauertote gebe. Wenn es nach ihr geht, ist fast jeder, der in der DDR Leistungssport betrieben hat, ein Opfer.

Noch im Rücktritt hat sie bekräftigt, dass sie das immer noch so sieht. Das Wort vom Trittbrettfahrer sei eine "Sauerei", sagte Geipel am Mittag vor der Presse. Hier würden Menschen, die unter dem System gelitten hätten, "kriminalisiert". Täglich werde sie seit Veröffentlichung des Offenen Briefes "von Betroffenen angerufen, die völlig verstört sind und jetzt als Betrüger dastehen", das sei "starker Tobak". Statt "den Menschen zu helfen, spielen wir hier seit Wochen: Deutschland sucht den Trittbrettfahrer."

Lehner sichtlich um Deeskalation bemüht

Ihr Nachfolger Lehner war hingegen sichtlich bemüht, die Aufgeregtheit herunterzudimmen. Er habe bereits mit Franke gesprochen, "der wollte diesen Streit auch nicht", die Kritiker seien "herzlich eingeladen, mit Argumenten positiv mitzuwirken", es gehe ihm "nicht darum, nachzutreten". Deutliche Signale, dass sich das Klima im Verein künftig wieder etwas beruhigen könnte. Auch wenn die Gruppe um Misersky, Franke und die frühere Leichtathletin Claudia Lepping noch vor der Tür eine 50-seitige Stellungnahme verteilte, in der sie ihre Kritik erneuerte und von einem "halbherzigen Rückzug" Geipels sprach.

Die "taz" hat den Konflikt um den Kurs des DOH als "einen unheimlichen Streit" bezeichnet, in dem "die Guten gegen die Guten kämpfen". Und der Journalist und SPIEGEL-Autor Jens Weinreich, seit vielen Jahren tief im Thema DDR-Doping, hat in seinem Blog davon geschrieben, dass dieser Streit "keinen kalt lassen kann". Es ist ein Streit mit mittlerweile vielen persönlichen Verletzungen. Interne Vorstandsprotokolle aus den Vorjahren landeten bei der Presse mit pikanten Details, unter anderem darüber, dass der an sich ehrenamtlich agierende Verein Geipel 2016 ein Honorar in Höhe von 20.000 Euro genehmigt habe. Geipel sagt, das Geld sei nie zur Auszahlung gekommen.

Gegen Medien, vor allem den in Mecklenburg-Vorpommern erscheinenden "Nordkurier", ging sie vor und warf der Zeitung, die seit Wochen Vorwürfe gegen Geipel druckt, "Verwahrlosungsjournalismus" vor. Das hatte alles Züge einer Schlammschlacht angenommen. Anti-Doping-Kämpfer gegen Anti-Doping-Kämpfer.

Für sie sei jetzt "eine Grenze erreicht", sagte Geipel zum Abschied. Die Diskussion sei "unwürdig" gewesen. Da wollte niemand widersprechen.



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juba39 06.12.2018
1. Das sind die Folgen!
Es gab doch nie den Versuch, die Geschichte der DDR ohne Schaum vor dem Mund aufzuarbeiten. Gleichzeitig hatte die eine Seite ein Vehikel dafür , die EIGENE Vergangenheit nicht aufarbeiten zu müssen. Ein paar Schmäckerchen: Da wird ein Historiker Direktor einer Gedenkstätte für Stasiopfer, der noch 1999 Hermann Göhring offen als größten Gegner des Faschismus titulierte. Oder hier das Thema Doping. Je lauter das DDR-Doping, umso weniger muß über BRD-Doping gesprochen werden. Das, so der eigentlich unverdächtige damalige DOSB-Präsident Frh. von Richthofen den GLEICHEN Umfang in Ost und West hatte. Verständlich deshalb auch die Wut und Enttäuschung der Westdeutschen Dopingopfer, die weder einen Opferverein hatten, noch in den der Frau Geipel aufgenommen wurden. Von Entschädigung ganz zu schweigen, müßte man doch zugeben, daß es Doping gab. Der gegenteilige Fall wieder bei Soldaten. Während die der BuWe als Radaropfer entschädigt wurden, müssen die der NVA bis heute prozessieren. Mehr noch, während Angehörige von Wehrmacht und Waffen.SS als Deutsche Soldaten galten, demzufolge auch diese Dienstzeit anerkannt wurde, mußten die der NVA den Zusatz tragen "Gedient in fremden Armeen". Im Klartext, Deutsche in der DDR waren ja eigentlich gar keine richtigen Deutsche. Wer da von "Einheit" spricht, weiß nicht, was Einheit bedeutet.
kirfatal 07.12.2018
2. @juba39
Halleluja - Was für ein kruder Rundumschlag!? Von Geipel über Knabe zu westdeutschen Dopingofern, die aufgenommenen werden wollen (Zahlenangaben wären hier interessant!), bis zur NVA. Schaum vor dem Mund? Hier ist er! Selbstredend gab es Doping in der BRD. Aber eben nicht klassisch vom Staat verordnet wie in der DDR, sondern in Trainingsgruppen und auch durchaus geduldet (=nicht geahndet) und dadurch indirekt gefördert. Kleiner Unterschied.
Udo_1234 07.12.2018
3. @kirfatal
Doping ist also besser, wenn es nicht vom Staat kommt sondern von der Wirtschaft. Außerdem gibt es eine sehr schöne Rede des damaligen Innenministers Schäuble. Der hat im Bundestag in den 70igern Doping gefordert. Es wurde dann eben privatisiert. Persönlich bin ich der Meinung, das Doping gar nicht aufgeklärt werden soll, außer für die ehemalige DDR. Gedopt wurde schon immer und wird auch weiterhin. Übergreifen überall da, wo es um Geld geht. Zu Frau Geibel, Ihr Schicksal tut mir leid, allerdings verstehe bei ihr nicht ganz, wie man als versuchter Republik Flüchtling einen Studienplatz bekommen konnte.
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