Deutscher Spitzensport "Das Doping-Problem hörte nicht 1989/1990 auf"

"Es ist gaga, wie wir die Realität wegdrücken": Der Doping-Opfer-Hilfeverein berichtet von deutschen Spitzensportlern, die bis lange nach der Wende gedopt haben. Die Vorsitzende wirft dem Deutschen Olympischen Sportbund Ignoranz vor.

DDR-Kugelstoßer Beyer (Archivbild): Mit Staatsdoping zu Olympia
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DDR-Kugelstoßer Beyer (Archivbild): Mit Staatsdoping zu Olympia


Hamburg - Der Doping-Opfer-Hilfeverein (DOH) kümmert sich um frühere Athleten, deren Gesundheit durch verbotene Substanzen Schäden erlitten hat. Meist kommen Sportler aus der ehemaligen DDR, um sich helfen zu lassen - doch nicht nur. DOH-Vorsitzende Ines Geipel sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Wir können durch die Arbeit unserer Beratungsstelle dokumentieren, dass das Doping-Problem eben nicht pünktlich 1989/1990 aufgehört hat, wie es zum Selbstverständnis von Sport und Politik gehört. Inzwischen melden sich Athleten bei uns, die bis 2004 aktiv waren."

Es handele sich dabei um deutsche Kaderathleten, die nach der Wiedervereinigung Dopingmittel von ihren offiziellen Trainern bekommen hätten. Geipel, mittlerweile 54, früher eine der besten Sprinterinnen der DDR und selbst gedopt, verweist auch darauf, dass dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) diese Vorgänge bekannt seien. Eine Aufarbeitung finde jedoch nicht statt, stattdessen werde weiter das Märchen vom sauberen gesamtdeutschen Sport erzählt. "Diese ganzen schönen Saubermann-Erzählungen stimmen schlichtweg nicht. Es ist völlig gaga, wie wir die Realität wegdrücken", sagt sie.

Geipel spielt damit auch auf den von der DOH kritisierten Umgang des DOSB mit der 2013 veröffentlichten Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" an. Der damalige DOSB-Chef und heutige IOC-Präsident Thomas Bach tat sich schwer mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung. Er sagte: "Es gibt nicht viel Neues im Vergleich zu dem, was bereits bekannt war." Den Ergebnissen war so sehr schnell die Brisanz wieder genommen.

Geipel sieht darin eine mangelnde Bereitschaft zur Aufklärung. Solange man nicht bereit sei, aus der Vergangenheit die richtigen Lehren zu ziehen, lehnt sie deshalb eine deutsche Olympia-Bewerbung ab: "Wer jetzt Olympische Spiele forciert und Deutschlands Sportsystem entsprechend optimiert und auf Medaillen trimmt, ohne dass er mit den schweren Hypotheken ernsthaft umgegangen ist - der ist ganz klar für systematischen Betrug", sagt Geipel.

Auf die Doping-Bekämpfung in der Gegenwart legt der DOSB dagegen übrigens großen Wert: Den Entwurf der Bundesregierung zu einem Anti-Doping-Gesetz vom vergangenen Herbst unterstützt der Verband "mit allem Nachdruck", wie er jüngst wieder auf seiner Webseite betonte.

psk/sid



insgesamt 15 Beiträge
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zufinden 21.02.2015
1. Eigenartig
Gerade wird im ZDF endlich mal, selten genug, hinterfragt, wie denn die gedopten DDR Sportler von "sauberen" BRD Sportlern geschlagen werden konnten... Was neu ist: Namen werden genannt. Prof. Keul und Prof. Kümpel grüßen herzlich die von ihnen betreuten und sich mit Geldzahlungen "dankbar" zeigenden u.a. Eberhardt Gienger, Fussballnationalspieler Karl-Heinz Förster, Uli Hoeneß, Hansi Müller, Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge,... Warum schreibt der Spiegel nicht über den blinden Fleck?
vhe 21.02.2015
2. Ist ja auch logisch
---Zitat--- Eine Aufarbeitung finde jedoch nicht statt, stattdessen werde weiter das Märchen vom sauberen gesamtdeutschen Sport erzählt. ---Zitatende--- Irgendwie muss man ja die schlechten Leistungen schönreden.
rambazamba1968 21.02.2015
3. Spitzensport und Doping
Mittlerweile fehlt mir der Glaube, dass auf dem Treppchen die drei besten Sportler stehen. Wenn ich mir vorstelle wie systematisch Russland gedopt hat und nicht alle Medaillen gewonnen hat. Oder beim Langstreckenlauf viel Geld verdient wird und zwei afrikanische Länder die Wettbewerbe mit Abstand dominieren. Die Sportler dopen versteckt im Training und erhalten so einen Vorteil. Gerade Olympia mit vielen Kraft- und Laufsportarten sind für Doping anfällig. Lasst es andere machen und fördert mit dem Geld den Breitensport.
gruffelo 21.02.2015
4. normal
was soll die Diskussion - natürlich wird die ganze Zeit nach Kräften gedopt, quer durch (fast) alle Sportarten, insbesondere Radfahren, Laufen, Schwimmen, Leichtathletik, Kampfsport, etc. etc. - wir alle wollen immer neue Bestleistungen sehen, da sollte niemand überrascht tun, dass alle Sportler alles tun, was sie können, hartes Training, psychologische Einstellung und eben leistungssteigernde Ergänzungsprodukte, ob bereits auf der Liste der indexierten Mittel erfasst oder nicht.
Tavlaret 21.02.2015
5. Übernahme der DDR-Sportler
1990 wurden wurden von der BRD, mit Freude, alle erfolgreichen DDR-Sportler übernommen. Die ganzen Jahrzehnte vorher geißelte man das DDR-Dopingsystem, alle DDR-Siege im Sport standen unter Doping-Verdacht. Nach der Wiedervereinigung siegten ehemalige DDR-Sportler für das neue Deutschland, die Funktionäre und Politiker zählten Medaillen. Über Doping wurde nicht mehr gesprochen. Spätestens seit damals glaube ich an überhaupt nichts mehr, was von Seiten der Sportwelt über Doping gesagt wird.
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