Interview mit Marcel Wüst "Wild gewordene Büffel"

Der Kölner Radprofi Marcel Wüst spricht im SPIEGEL-Interview über seinen schweren Sturz, das drohende Karriere-Ende, die schmutzigen Tricks beim Massensprint und das Berufsrisiko der Fahrer.

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Herr Wüst, am Donnerstag präsentiert sich die Mannschaft des Radrennstalls Festina an der spanischen Costa Blanca zum Auftakt der neuen Saison. Was haben Sie dort bei den Fahrern zu suchen?

Marcel Wüst: "Mein Auge ist förmlich explodiert"
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Marcel Wüst: "Mein Auge ist förmlich explodiert"

Wüst: Trotz meiner schweren Augenverletzung: Noch bin ich Profi bei Festina.

SPIEGEL: Viele Ihrer Kollegen haben Sie seit dem Sturz noch nicht getroffen. Ist Ihnen vor der ersten Begegnung bange?

Wüst: Da habe ich keine Bedenken: Festina ist meine zweite Familie. Natürlich werden manche zunächst erschrecken, weil mein rechtes Augenlid wie zugewachsen aussieht. Ich kenne das aus Köln, wenn ich mit der Straßenbahn gefahren bin. Die Leute haben mich angegafft. Aber das ist normal.

SPIEGEL: Können Sie mit Ihren Kollegen beim Training überhaupt mithalten?

Wüst: Ich werde der Langsamste sein. Sobald es in die Berge geht, lasse ich mich zurückfallen oder drehe einfach um.

SPIEGEL: Wie weit sind Sie schon wieder in Form?

Wüst: Seit meinem Sturz bin ich erst dreimal mehr als hundert Kilometer am Stück gefahren, insgesamt rund 2000 Kilometer. Sonst hatte ich allein im Dezember 2500 Kilometer in den Beinen, und im Januar habe ich mindestens 3000 Kilometer draufgelegt. Vor allem bin ich viel schneller gefahren. Es gibt auf Mallorca einen Aufstieg: 5,25 Kilometer Strecke bei einem Höhenunterschied von 400 Metern. Meine Bestzeit liegt bei 13 Minuten 52 Sekunden. Letzte Woche habe ich für den Berg über 18 Minuten gebraucht. Da wäre eine Oma mit Rückenwind schneller gewesen.

SPIEGEL: Wann saßen Sie das erste Mal nach Ihrem Sturz wieder im Sattel?

Wüst: Das war Ende Oktober in Australien. Linksverkehr ist gefährlich für einen, der mit dem rechten Auge nichts sehen kann. Meine Frau ist anfangs neben mir gefahren, um meine schwache Seite abzudecken.

SPIEGEL: Können Sie mit dem kranken Auge gar nichts mehr sehen?

Wüst: Von Sehkraft würde ich nicht sprechen, eher von Wahrnehmungsvermögen. Wenn ich das gesunde Auge schließe, nehme ich damit Helligkeitsunterschiede besser wahr als mit dem offenen kranken Auge. Der Sehnerv ist halt zerfetzt.

SPIEGEL: Wie lautet die vollständige Diagnose?

Wüst: Linse, Regenbogenhaut, Iris ­ alles ist zerstört. Das Auge ist mit Silikon gefüllt. Das darf keinesfalls austreten. Der Augeninnendruck muss stabil bleiben, damit die Netzhaut anliegt. Aber man kann die beste Kamera haben ­ wenn das Kabel zum Monitor durchtrennt ist, gibt's kein Bild.

SPIEGEL: Werden Sie mit dem rechten Auge jemals wieder sehen können?

Wüst: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber Fakt ist: Vor fünf Monaten, nach der Operation, konnte ich mit dem rechten Auge genauso viel sehen wie jetzt ­ nämlich nichts. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das in den nächsten fünf Monaten ändert, ist sehr gering.

SPIEGEL: Also werden Sie demnächst Ihre Karriere doch beenden müssen?

Wüst: Wenn es im März mit Riesenschritten vorangeht und ich wenigstens Konturen erkenne, dann mache ich weiter.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Sie so bei einer Sprintankunft eine Chance hätten?

Wüst: Im Moment gibt es einen Profi, der mit nur einem Auge fährt, das ist der Schwede Michael Andersson ...

SPIEGEL: ... aber dessen Spezialität ist Einzelzeitfahren, nicht Sprinten.

Wüst: Ich habe mir eine Frist gesetzt bis Ende Juni. Wenn ich bis dahin keine Rennen gefahren bin, trete ich zurück.

SPIEGEL: Was planen Sie dann?

Wüst: Sofort nach dem Unfall hat mir Festina-Teamchef Juan Fernandez gesagt: Marcel, mach dir keine Sorgen, wir stehen zu dir. Vielleicht werde ich in der sportlichen Leitung arbeiten, vielleicht als Pressesprecher.

SPIEGEL: Haben Sie Erinnerungen an den Sturz bei dem Rennen im französischen Städtchen Issoire?

Wüst: Das Gehirn hat einen Schutzmechanismus. Es radiert die ganz schlimmen Momente aus. Vier bis fünf Sekunden vor dem Unfall hört meine Erinnerung auf.

SPIEGEL: Was war bis dahin?

Wüst: Ich weiß noch, dass es einen Zwischensprint gab. Es war die 19. Runde. Ich war mit vorne dabei, bei Tempo 60. Dann reißt der Film.

SPIEGEL: Hat man Ihnen jemals Bilder von Ihrem Sturz gezeigt?

Wüst: Es gibt keine Fotos. Es gibt auch keine Videoaufnahmen. Selbst wenn es sie gäbe, wollte ich sie nicht sehen.

SPIEGEL: War die Strecke gefährlich?

Wüst: Der Rundkurs war anderthalb Kilometer lang und hatte keine scharfen Kurven. Es war sonnig und warm. Man konnte ohne weiteres einen Schnitt von 45 Stundenkilometern fahren. Es war die schönste Kriteriumsstrecke, die ich kenne.

SPIEGEL: Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie nur noch auf einem Auge sehen können?

Wüst: Erst eine knappe Woche später in der Universitätsklinik in Köln. Zuvor im Krankenhaus von Clermont-Ferrand hat mir eine Schwester nur gesagt, ich hätte mir am Auge sehr wehgetan.

SPIEGEL: Haben Sie sich dort schon Sorgen um Ihre Karriere gemacht?

Wüst: Ich konnte nicht klar denken. Man hat mich mit Schmerzmitteln voll gepumpt, ich war medikamentös abgeschossen. Die fünf Tage in Clermont-Ferrand sind bis auf eine drei viertel Stunde völlig weg.

SPIEGEL: Hatten Sie bei dem Sturz einen Helm auf?

Wüst: Zum Glück, sonst würde ich wahrscheinlich nicht mehr leben.

SPIEGEL: Können die Ärzte die gravierende Augenverletzung erklären?

Wüst Sie sind der Meinung, dass ein Gegenstand von der Größe einer Weinflasche mein Auge gequetscht haben muss. Es war wohl der Fuß eines Absperrgitters.

SPIEGEL: Was ist mit Ihrem Auge passiert?

Wüst: Es ist förmlich explodiert. Das Auge war nicht mehr rund, es war nur noch Matsch. Jochbein und Siebbein sind gebrochen, die Augenhöhle ist zertrümmert. Ich habe mir die Schädelbasis gebrochen. Ein Knochensplitter hat die Hirnhaut durchstoßen, und der Liquor, in dem das Gehirn schwimmt, lief aus der Nase. Deshalb wurde mir zur Diagnostik radioaktive Lösung ins Rückenmark gespritzt.

SPIEGEL: Wie oft sind Sie operiert worden?

Wüst: Dreimal. Die letzte Operation hat fast sieben Stunden gedauert. Jetzt habe ich eine Titanplatte in der Stirn. Die Schrauben kann ich ertasten.

SPIEGEL: Der französische Fahrer Jean-Michel Thilloy war in Ihren Sturz verwickelt. Er soll Sie unmittelbar davor berührt haben. Hat er sich jemals bei Ihnen gemeldet?

Wüst: Nein.

SPIEGEL: Auch sein Team nicht?

Wüst: Nein.

SPIEGEL: Machen Sie Thilloy Vorwürfe?

Wüst: Sollte ich ihn sehen, würde ich ihn auf jeden Fall darauf ansprechen. Vielleicht ist ihm nur die Gangschaltung gesprungen, er hat ins Leere getreten, einen Schlenker gefahren und meinen Lenker touchiert.

SPIEGEL: Hat es für Sie eine besondere Tragik, dass der Sturz bei einem unbedeutenden Rennen rund um den Kirchturm passiert ist?

Wüst: Ich habe ein Kriterium in der Provinz immer als bezahltes Training betrachtet. Dort bekommt man keine Supergage, aber es war okay. So ein Unfall kann immer passieren. Wenn man auf der Straße trainiert und wird von einem besoffenen Lkw-Fahrer platt gefahren, dann ist man bei den Engeln und hat es auch nicht besser.

SPIEGEL: Helfen Ihnen diese makabren Sprüche dabei, Ihre Verletzung zu verdrängen?

Wüst: Meine Meinung ist: lieber ein Auge weniger als ein Bein weniger. Ich bin Rheinländer. Die sind laut und direkt. Es gibt Leute, die mir meine Art nicht abnehmen. Die sagen, nach außen klingt der Wüst lustig und lebensfroh, aber tief drinnen in ihm sieht es bestimmt anders aus. Doch ich bin Mensch, kein Schauspieler. Das kommt so aus mir raus. Ich verkrafte das.

SPIEGEL: Behindert Sie das kranke Auge auch im Alltag?

Wüst: Ich parke jetzt ein wie ein Fahrschüler, und ab und zu schütte ich ein wenig Milch neben die Tasse. Das ist alles. Und Silvester habe ich eine Brille getragen, als die Sektkorken knallten. Die Ärzte haben mir dazu geraten. Der Blitz schlägt zwar selten zweimal an derselben Stelle ein, aber ganz im Dunkeln zu sitzen ­ damit hätte ich wirklich ein Problem.

SPIEGEL: Haben Sie als Radprofi jemals damit gerechnet, dass es Sie so schlimm erwischen würde?

Wüst: Wenn man immer daran dächte, würde man paranoid. Das Risiko eines Radprofis ist nun mal höher als das eines Angestellten, der jeden Morgen brav ins Büro fährt.

SPIEGEL: Immerhin leben Sprintspezialisten besonders gefährlich.

Wüst: Bei einem Massensprint kommt man sich vor wie unter wild gewordenen Büffeln. Der Puls ist auf 185, die Nerven sind aufs Äußerste gespannt, denn bei Tempo 70 bleiben nur Bruchteile von Sekunden, um zu entscheiden: Ist die Lücke vor mir groß genug, oder riskiere ich zu viel? In der Situation bräuchte man eigentlich drei Augen.

SPIEGEL: Und auf den letzten 200 Metern einer Flachetappe gilt das Gesetz der Skrupellosen?

Wüst: Ich bin nicht der Typ, der sagt: Augen zu und durch. Das war nie mein Ding. Wenn es richtig eng wurde, habe ich lieber zurückgezogen.

SPIEGEL: Und wenn das unfaire Manöver eines Konkurrenten auf Ihre Kosten geht?

Wüst: Dann kläre ich das persönlich. Der Belgier Tom Steels etwa hatte im letzten Jahr bei der zweiten Etappe der Tour de France kurz vor dem Ziel die Linie verlassen und ist mit mir zusammengestoßen. Am nächsten Tag habe ich ihn mir vorgeknöpft: Hör mal, Tom, damit das klar ist ­ heute fährst du aber geradeaus.

SPIEGEL: Sind Sie niemals ausgeflippt wie der Italiener Mario Cipollini, einer der weltbesten Sprinter, der nach solchen Momenten auch schon mal die Fäuste fliegen lässt?

Wüst: Wer kein Ventil hat, dem explodiert bei dem Stress irgendwann der Kopf. Viele sitzen abends im Hotel vor der Glotze und zappen sich sinnlos durchs Programm. Mich bringt das nicht runter. Ich erzähle lieber Witze, höre bei der Massage laute Rockmusik, schalte danach meinen Computer ein und schreibe Tagebuch.

SPIEGEL: Was sind die gängigen schmutzigen Tricks in Ihrem Metier?

Wüst: Dem anderen in den Lenker greifen, beispielsweise, oder die Lücke zu den Absperrgittern zumachen, wenn da einer durchstarten will. Mittlerweile greift die Jury aber hart durch.

SPIEGEL: Und wer hat den miesesten Ruf in der Szene?

Wüst: Der Usbeke Dschamolidin Abduschaparow war so eine Kanonenkugel. Der hat sein Rad von links nach rechts geschmissen. Am gefährlichsten sind die Sprinter, die nicht zu den absoluten Topleuten gehören. Wenn die mal gewinnen, dann auf eine total rabiate Art und Weise. Endrio Leoni ist so ein Typ. Oder Mirko Rossato. Die haben manchmal nicht die Beine, aber sie besitzen die Frechheit, einem voll vor die Karre zu fahren.

SPIEGEL: Im Fernsehen sind diese Szenen fast so spektakulär wie Formel-1-Unfälle. Die Renn-Veranstalter verkaufen auch Dramatik ­ von denen ist kein Beistand zu erwarten?

Wüst: Manchmal kommt mir das so vor. Bei der letzten Tour de France gab es in Nantes auf dem Schlussstück statt eines Mittelstreifens Betonhügelchen ­ ein Wahnsinn. Oder die Etappe nach Dax. Morgens habe ich das Tourbuch aufgeschlagen, in dem die Routen eingezeichnet waren. Kurz vor dem Ziel gab es drei Verkehrsinseln. Genau dort werden sie stürzen, habe ich gesagt, und so ist es auch gekommen. Ich habe gewettert ohne Ende.

SPIEGEL: Können sich die Funktionäre der Tour mit den Fahrern alles erlauben?

Wüst: Es gibt ein Gesetz in der Branche: Nur die Tour zählt, sonst gar nichts. 1997 habe ich bei der Spanien-Rundfahrt drei Etappen gewonnen. Der Kölner Presse war das fünf Zeilen wert ­ in der Rubrik "Am Rande notiert". In Spanien dagegen haben mich die Journalisten zur gleichen Zeit als "König der Vuelta" bejubelt.

SPIEGEL: Für die Deutschen scheint es eben nur einen Helden zu geben: Jan Ullrich.

Wüst: Schon traurig: Wenn einer nicht für die Telekom fährt, dann heißt es, er sei nicht gut genug. Aber zeigen Sie mir doch mal einen deutschen Fahrer, der beim Giro d'Italia, bei der Vuelta und der Tour de France jeweils mindestens eine Etappe gewonnen hat. Da gibt es im Augenblick nur mich. Selbst bei den tollen T-Punkten hat das noch keiner geschafft.

SPIEGEL: Schenkt man Ihnen hier zu Lande zu wenig Aufmerksamkeit?

Wüst: Es ärgert mich, wenn irgendein T-Punkt ein Rennen der vierten oder fünften Kategorie gewinnt, und das steht dann groß in der Zeitung.

SPIEGEL: Das ZDF hat Ihnen kürzlich bei der Gala "Sportler des Jahres" den "Prix Malheur" überreicht. Fanden Sie das geschmacklos?

Wüst: Ich bin zu 50 Prozent behindert, und das ist mehr als ein Malheur. Aber ich sehe das nicht so eng. Den Pokal habe ich "Shithappens-Trophy" getauft. Und eins ist klar: Verteidigen will ich diesen Titel nicht.

SPIEGEL: Herr Wüst, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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