Interview mit Mark Warnecke: "Fettige Fleischstangen statt Arme"

Von Jürgen Bröker

Die Karriere war quasi vorbei, als Mark Warnecke, 35, nochmals durchstartete und zum ältesten Weltmeister in der Geschichte des Schwimmsports avancierte. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über seine Wunderdiät, Currywurst und den Traum von Olympischen Spielen in Peking.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Warnecke, Sie sind nach Ihrer selbst entwickelten Diät noch einmal Weltmeister geworden. Was war eigentlich eher da: Der Gedanke abzunehmen oder noch einmal im Wasser anzugreifen?

Schwimmer Warnecke: "Ich habe nie geplant, Weltmeister zu werden"
DPA

Schwimmer Warnecke: "Ich habe nie geplant, Weltmeister zu werden"

Warnecke: Ich wollte nur eine Diät machen. Sonst nichts. Nach der verpassten Qualifikation für die Olympischen Spiele 2004 und dem Stress in meinem Arzt-Job fühlte ich mich Ende des Jahres ausgebrannt. Also nahm ich eine dreimonatige Auszeit, in der ich mich auf meinen Körper konzentrieren wollte. Mir fehlte meine gute Figur. Und das meine ich nicht nur optisch. Ich habe mich unwohl gefühlt. Statt Armen hatte ich fettige Fleischstangen. Und wenn ich mich in mein Auto gesetzt habe, hat der Gurt die Speckfalten eingeklemmt. Das war nicht mehr schön. Es musste sich etwas ändern.

SPIEGEL ONLINE: Also haben Sie Ihre eigene Diät entwickelt

Warnecke: Genau. Mit dem Thema beschäftige ich mich ja schon lange. Ich wusste über die Wirkung von Aminosäuren bescheid. Und bei meiner Diät habe ich dann die Potenz der Aminosäuren ausgenutzt, um die schlechten Dinge einer Abmagerungskur abzupuffern.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Warnecke: Aminosäuren wirken anabol, also muskelaufbauend. Eine Diät hat katabole, abbauende, Einflüsse auf den Körper. Dass das mit dem Präparat, das ich gefunden habe, aber so gut läuft, wusste ich vorher nicht. Ich habe nie geplant, Weltmeister zu werden und weiter zu trainieren. Meine Karriere war zu diesem Zeitpunkt gedanklich bereits beendet.

SPIEGEL ONLINE: Wann kam denn die Erkenntnis, dass Sie immer noch schnell schwimmen können?

Warnecke: Der Umschwung kam erst Mitte Januar dieses Jahres. Im Dezember habe ich mit der Diät angefangen und Mitte Januar habe ich schon ohne Training gemerkt: Wow, was bist du gut drauf, obwohl ich gar nichts gemacht habe. Erst da habe ich aus Neugier angefangen zu trainieren. Progressiv, volles Rohr. Und es ging, ich wurde immer besser. Das kannte ich gar nicht. Irgendwann hat mich das wissenschaftlich auch sehr interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich so an, als seien Sie nebenbei Weltmeister geworden.

Warnecke: Ich habe nur anfangs gesagt: Dann schwimmst du mal ein bisschen, dann nimmst du ja auch schneller ab. Aber als ich merkte, es läuft, habe ich mich schon konsequent vorbereitet und knallhart trainiert. Keine Frage. Aber es fiel mir nie so leicht wie jetzt. Noch nicht einmal, als ich 18 war.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie eigentlich auf Ihre Diät gekommen?

Warnecke: Ich habe ja früher schon versucht abzunehmen. Aber es hat nie geklappt. Egal, womit und wie. Da habe ich mir irgendwann gesagt: lieber dick und schnell als dünn und langsam. So bin ich dann über die Runden gekommen. Aber jetzt wollte ich eine Diät machen, ohne mich schlapp zu fühlen. Dann kam mir die entscheidende Idee im Bett. Ein paar Tage vorher hatte ich noch eine klinische Studie über Aminosäuren gelesen. Und dann habe ich das einfach ausprobiert. Und es hat eingeschlagen wie eine Granate.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt sind Sie der bislang älteste Weltmeister der Schwimmgeschichte. Ärgern Sie sich eigentlich, dass Sie nicht eher auf dieses Produkt gekommen sind?

Warnecke: Und ob, das hat mich einige Titel gekostet.

SPIEGEL ONLINE: Aber immerhin hat es Sie jetzt zu einem erfolgreichen Geschäftsmann gemacht.

Warnecke: Das Ganze ist erst gut drei Monate alt. Aber es stimmt, im Moment läuft es ganz gut. Ich konnte mich nach meinem Titelgewinn vor Anfragen nach meinem Produkt kaum retten. Noch immer bekomme ich 400 E-Mails täglich. Mittlerweile musste ich den Versand in andere Hände geben. Zwei bis drei Tonnen von meinem Pulver verschicken wir pro Monat bis in die USA und nach Neuseeland. Das kann ich allein nicht mehr bewältigen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese Nachfrage? Von alleine nimmt man doch auch mit ihrem Mittel nicht ab, oder etwa doch?

Warnecke: Natürlich nicht. Man muss auf Dauer in seinem Leben etwas ändern. Niemand ist zu dick, weil in der Luft zu viele Kalorien herumschwirren. Man muss seine Essgewohnheiten umstellen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen das schwer gefallen?

Warnecke: Klar, ich genieße das Leben. Dazu gehört auch das Essen. Deshalb habe ich mir auch in der Diätphase ab und zu mal eine Currywurst mit Pommes gegönnt. Aber erst, als ich drei oder vier gute Tage hinter mir hatte. Das Komische war, dass ich gemerkt habe, ich brauch das gar nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es heute aus? Haben Sie ihr Gewicht gehalten?

Warnecke: Ja. Trotz der vielen Feiern in der Vergangenheit und dem wenigen Sport, den ich seit der WM betrieben habe. Ich bin ja erst seit Anfang Oktober wieder im Training.

SPIEGEL ONLINE: Und bei den deutschen Kurzbahnmeisterschaften wollen Sie den Titel über 50 Meter?

Warnecke: Ich gehe auch davon aus, dass das klappen kann.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es eigentlich, dass Sie Angst vor Gewässern haben, bei denen Sie den Grund nicht sehen können?

Warnecke: Ja, da bekomme ich Panikattacken. So als wäre man allein im Dunkeln. Bei einem Familienurlaub hat mich als kleiner Junge mal ein Fisch im Gardasee gestreift. Ich habe später zuhause nachgesehen, was da alles herumschwimmt. Fürchterlich, kann ich Ihnen sagen. Seither habe ich in allen Gewässern, die ich nicht kenne, Angst. Und ich kenne ja nur Schwimmbäder.

SPIEGEL ONLINE: Möchten Sie das von Peking noch kennen lernen?

Warnecke: Das muss ja realisierbar bleiben. Sportlich wird das mit den Olympischen Sommerspielen 2008 wohl kein Problem sein. Ich denke, dass ich über 100 Meter noch Bestzeiten schwimmen kann. Ich fühle mich fitter als vor zehn Jahren. In meinem Alter, ich wäre dann 38, sehe ich nicht die Grenze. Die Grenze ist eher darin gesetzt, dass man auch beruflich vorankommen muss. Ich möchte meine Tätigkeit als Arzt nicht vollkommen aus den Augen verlieren. Wenn sich das kombinieren ließe, wäre ich natürlich sofort dabei.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist, wenn bis dahin alle Ihre Konkurrenten auch zu Ihrem Mittel greifen?

Warnecke: Das ist ernsthaft ein Problem. Aber was soll ich machen?

Die Fragen stellte Jürgen Bröker

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback