Interview mit Moskaus Bürgermeister "Unsere Stadt steht für den Willen zu siegen"

Er ist der Bürgermeister einer der größten Städte der Welt und er hat ein großes Ziel: Jurij Luschkow will die Olympischen Spiele 2012 nach Moskau holen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Magie, Milliarden-Investitionen, die Anti-Terror-Strategie der russischen Hauptstadt - und macht ein Versprechen.


Moskauer Bürgermeister Luschkow: "Wir haben gute Arbeit geleistet"
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Moskauer Bürgermeister Luschkow: "Wir haben gute Arbeit geleistet"

SPIEGEL ONLINE:

Jurij Michajlowitsch, es gibt Stimmen im IOC, die behaupten: Wer die Olympischen Spiele 2012 ausrichten will, muss vor allem die Magie von Sydney 2000 wieder aufleben lassen. Können Sie das?

Luschkow: Moskau ist magisch in vielfacher Hinsicht. Wir sind dynamisch und lebensbejahend, gastfreundlich und von jeher dem Sport verpflichtet. Unsere Stadt steht für unsere Fähigkeit und den Willen zu siegen. Allein bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen haben unsere Sportler aus Moskau fast die Hälfte aller Medaillen errungen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die IOC-Prüfungskommission bei ihrem Besuch in Moskau Mitte März den gleichen Eindruck gehabt?

Luschkow: Ich glaube, dass die Kommission mit unserer Vorbereitungen zufrieden war. Wir haben gute Arbeit geleistet. Abgesehen von der offiziellen Beurteilung gibt es ja auch immer den persönlichen Eindruck - und der war sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: In der "Iswestija" war aber unlängst zu lesen, dass sich zwei Drittel der bereits bestehenden Sportzentren in Moskau in einem katastrophalen Zustand befänden.

Luschkow: Dazu sage ich nur: Erst vor kurzem haben wir die Weltmeisterschaft im Eiskunstlaufen organisiert - sowohl unsere Sportler als auch die Ausrichter haben dabei glänzend abgeschnitten. Die WM fand im Luschniki-Sportpalast statt, einem Gebäude, das 1980 fertig gestellt und 1998 von Grund auf saniert wurde. Keiner der Athleten, Trainer oder Gäste hat gemerkt, dass er sich in einem Gebäude befand, das über ein viertel Jahrhundert alt ist. Unser Olympiastadion gilt heute als bestes Stadion Europas. Wir planen jetzt den Bau von weiteren 15 Sportkomplexen und fünf neuen Stadien.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ihre Ehefrau Elena Baturina auch diesmal ihre Kompetenz in Sachen Stadionausstattung einbringen? Für das Luschniki-Stadion hatte eine ihrer Firmen die 82.000 Stadionsitze hergestellt.

Luschkow: Ich glaube nicht. Aber da müssen Sie sie selbst fragen.

SPIEGEL ONLINE: Über den Moskauer Etat gibt es unterschiedliche Angaben. Wie viel Geld wollen Sie investieren?

Luschkow: Das Moskauer Budget beträgt jährlich etwa 14 Milliarden Dollar. Neben der Stadt Moskau wird auch der Staat Geld bereitstellen - es wird keine Finanzierungsprobleme geben.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie bereits, in welchem Umfang Russland sich an den Kosten beteiligen wird?

Luschkow: Nein. Wir haben uns noch nicht darauf geeinigt. Fest steht jedoch, dass die russische Regierung sich an allen Unternehmungen, die im Zusammenhang mit Olympia stehen, beteiligt. Und wir versprechen, sämtliche Projekte bis zum Jahr 2010 abgeschlossen zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Und in welchem Umfang werden sich private Sponsoren engagieren?

Luschkow: In der Regel stellen Privatinvestoren bei Bauprojekten im Bereich Sport etwa zwei Drittel der Gelder.

SPIEGEL ONLINE: Trotz dieser immensen Summen, die Sie aufbringen wollen: Paris gilt als klarer Favorit unter den Olympia-Bewerbern.

Luschkow: Wer der Favorit ist, das werden die Wahlen zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Täglich verstopfen drei Millionen Fahrzeuge die Straßen Moskaus, ächzen Metros und Busse unter der Passagierlast. Glauben Sie ernsthaft, dass U-Bahnen und Wassertaxis über die Moskwa allein die zu erwartenden Massen von Olympia-Besuchern bewältigen können?

Luschkow: Selbstverständlich. Wir garantieren, dass jeder Bewohner des Olympischen Dorfes innerhalb von 20 Minuten an den gewünschten Austragungsort gelangen kann. Und wir sind es gewohnt, unsere Versprechen einzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Aber wo werden Ihre Gäste wohnen? Vor allem jene, die sich einen Aufenthalt in einem der zahlreichen 5-Sterne-Hotels nicht leisten können? Mit dem Abriss mehrerer großer Mittelklasse-Hotels in Moskau tendiert die Zahl der erschwinglichen Herbergen gen Null.

Luschkow: Wir haben das Problem erkannt. Zusätzlich zum Bau des Olympischen Dorfes sollen 54 neue Touristen-Hotels entstehen - 3-Sterne-Herbergen in U-Bahn-Nähe und mit ordentlichen Zimmern zu vernünftigen Preisen. Moskau schafft jedes Jahr fünf Millionen Quadratmeter Wohnfläche, so dass wir dieses Ziel im Hotelbau innerhalb von sieben Jahren erreichen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort Terrorgefahr: Ihr Stellvertreter Waleri Schantsew hat erklärt, dass Moskau für die geplanten Spiele 50.000 professionelle Sicherheitskräfte bereitstellen würde. Woher kommen diese Experten?

Luschkow: Da der Inlandsgeheimdienst FSB für Sicherheitsfragen zuständig ist, werden sowohl Omon-Spezialtruppen als auch die Polizei dabei sein. Aber auch freiwillige Helfer der Miliz werden für Ruhe und Ordnung in den Straßen sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn bereits eine detaillierte Anti-Terror-Strategie?

Luschkow: Ja, die gibt es. Wir haben in unserer Olympia-Bewerbung bereits unsere Maßnahmen erläutert. Die Richtlinien wurden vom Innenministerium ausgearbeitet, und wir garantieren die bedingungslose Einhaltung dieser Vorgaben. Sie dürfen nicht vergessen, dass Moskau Erfahrung mit Großveranstaltungen dieser Art hat. Wir haben in letzter Zeit mehr als hundert Welt- und Europameisterschaften veranstaltet, bei denen Vertreter aus mehr als 135 Ländern teilgenommen haben. Es gab keinen einzigen Vorfall, bei dem das Leben eines Sportlers oder Teilnehmers gefährdet gewesen wäre. Wir wissen, was wir tun müssen.

SPIEGEL ONLINE: Und der berühmte russische Schlendrian?

Luschkow: Falls es Sie beruhigt - ich selbst wurde unlängst bei einem Besuch eines Hotels, in dem zahlreiche Sportler logierten, von den Sicherheitsleuten nicht durchgelassen, weil ich keine Papiere dabeihatte.

SPIEGEL ONLINE: In ihrer Bewerbung sprechen Sie davon, dass die Ausrichtung der Olympischen Spiele die Demokratisierung der russischen Gesellschaft beschleunigen könnte. Glauben Sie ernsthaft, dass der Sport diesen Prozess beeinflussen kann?

Luschkow: Unbedingt. Der Sport orientiert sich immer und zuerst an der Jugend. Wenn wir uns für die Olympischen Spiele bewerben, dann heißt das nicht, dass wir uns nur um Investitionen kümmern. Wir unterstützen auch junge Menschen mit speziellen Förderprogrammen, versuchen ihnen über den Sport Durchsetzungskraft, Stärke und Gesundheit zu vermitteln. Beim Sport lernen sie zu siegen, aber auch, zu verlieren und mit Rückschlägen klarzukommen.

Das Interview führten Christian Gödecke und Annette Langer



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