Interview mit Sexualforscherin "Schwulen Fußballprofis droht Drangsalierung"

In Deutschland gibt es Hunderte Fußballprofis. Aber offen schwul lebt keiner. Die Kölner Sportsoziologin Ilse Hartmann-Tews spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über Angst vor der Enttarnung, Bastionen der Männlichkeit und lesbische Sportlerinnen, für die das Outing kein Problem war.


Teilnehmer bei Schwulen-Demo in Brüssel: "Angst vor einer Verweiblichung"
REUTERS

Teilnehmer bei Schwulen-Demo in Brüssel: "Angst vor einer Verweiblichung"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Hartmann-Tews, Musiker, Schauspieler und Politiker outen sich als homosexuell, die Gesellschaft ist offenbar liberaler geworden. Trügt der Eindruck, dass nur der Profisport eisern an den althergebrachten Geschlechterrollen festhält?

Hartmann-Tews: Nein, das ist objektiv so. Man sieht es auch daran, dass es diesbezüglich so gut wie keine Untersuchungen oder Literatur gibt, zumindest im deutschsprachigen Raum. Es gibt bisher wenige Studien über Homosexuelle im Sport, die sich dann eher mit dem Thema Lesben und Sport aber nicht mit dem Thema Schwule im Sport beschäftigen. Das ist ein absolut blinder Fleck.

SPIEGEL ONLINE: Also ist der Sport die letzte Bastion, in der Homosexualität ein Tabu ist?

Hartmann-Tews: Der Spitzensport auf jeden Fall. Die Ausdifferenzierung des Sportsystems im 18. und 19. Jahrhundert war eng verbunden mit Idealen von militärischer Disziplin, Stärke und Kraft und wurde lange Zeit auch als hervorragendes Mittel zur Unterdrückung des männlichen Sexualtriebs propagiert. Besonders in den Teamsportarten wird im Spitzensport Männlichkeit in vielfacher Weise inszeniert. Es geht um Stärke, Macht, Durchsetzungsvermögen und Körpereinsatz. Das sind alles Merkmale, die nach altem Rollenverständnis ganz klar Männlichkeit signalisieren.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es überhaupt noch andere gesellschaftliche Bereiche, in denen es Homosexuelle derart schwer haben?

Hartmann-Tews: Das kann ich nicht genau sagen. Betrachtet man die Tabuisierung von Homosexualität aus der Perspektive der Angst vor Feminisierung dann fallen einem schnell die klassischen Männerdomänen Polizei und Militär ein. In diesen sozialen Teilsystemen spielt der Körper oft eine entscheidende Rolle, über ihn wird Leistung erbracht. Diese Bereiche haben sich lange gegen Frauen abgeschottet, es gibt dort erhebliche Ängste vor einer Feminisierung des Berufs Polizist und Soldat. Das Militär hat sich sehr langsam für Frauen geöffnet, bei der Polizei war es ähnlich. Die Angst vor einer Verweiblichung dieser alten Strukturen geht einher mit Furcht vor Prestige- und Machtverlust.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Homosexuelle aufgrund dieser Stigmatisierung im Leistungssport unterrepräsentiert sind, also weniger Schwule und Lesben Leistungssport betreiben als es ihrem statistischen Anteil in der Bevölkerung entspricht?

Hartmann-Tews: Ich denke, dass früh eine Selektion stattfindet. Viele junge Sportler, die sich innerlich zu ihrer Homosexualität bekennen, befürchten, dass sie nach einem Bekenntnis drangsaliert werden. Möglicherweise machen dann viele nicht bis zur Spitzenklasse weiter. Man weiß von den wenigen, die sich geoutet haben, was für ein langer Prozess dies war. Sie haben es zumeist auch erst nach Beendigung ihrer Karriere gemacht, auch weil sie befürchten mussten, dass Sponsoren abspringen. Das ist im Spitzensport, der solch eine kommerzielle Dimension bekommen hat, natürlich auch noch ein Punkt.

SPIEGEL ONLINE: Andererseits könnte es für die Wirtschaft doch sogar interessant sein, einen Homosexuellen als Werbestar aufzubauen. Die Werbebranche nimmt mit ihren Kampagnen inzwischen doch Schwule als kaufkräftige Zielgruppe ins Visier.

Hartmann-Tews: Diese Vision ist schön, aber man darf nicht unterschätzen, wie tief die Ängste vor homosexueller Ausrichtung in der Bevölkerung verankert sind. Man muss immer noch mit enormer Ausgrenzung rechnen.

SPIEGEL ONLINE: In den beiden deutschen Profiligen spielen rund 800 Fußballprofis. Von keinem einzigen ist bekannt, dass er homosexuell ist. Rein statistisch betrachtet unmöglich, oder?

Hartmann-Tews: Ich vermute, dass es einige Spieler gibt, die schwul sind, es aber auf keinen Fall nach außen tragen, aus Angst vor Stigmatisierung. Die wagen es nicht, sich zu outen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Sportler müssen mit großer Disziplin ein Doppelleben führen. Was bedeutet es, über Jahre eine Fassade aufrecht zu erhalten, mit permanenter Angst, entdeckt zu werden?

Hartmann-Tews: Das ist eine unglaubliche Belastung. Allerdings kann das Outing noch schlimmer sein. Es gab einen englischen Fußballer, Justin Fashanu von Nottingham Forrest, der sich 1990 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat, aber später unter dem Druck der Öffentlichkeit zusammengebrochen ist. 1998 hat er sich das Leben genommen. Die psychische Belastung, so etwas durchzustehen, kann man sich, glaube ich, gar nicht groß genug vorstellen.

Schwuler Fußballer Fashanu: Unter dem Druck zusammengebrochen
DPA

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SPIEGEL ONLINE: Welche Strategien haben heimliche Schwule im Profisport? Ist es denkbar, dass sie sich in einer Art Überreaktion als "Super-Heteros" gerieren, um nur ja keinen Verdacht aufkommen zu lassen?

Hartmann-Tews: Das könnte gut sein, aber da gibt es sicherlich ganz unterschiedliche Bewältigungsstrategien. Da dies bis heute in Deutschland nicht untersucht ist, eben weil es ganz einfach keine Fälle gibt, wäre jetzt alles Spekulation.

SPIEGEL ONLINE: Würde das Bekenntnis eines prominenten Sportlers der Schwulenbewegung nutzen?

Hartmann-Tews: Ich denke schon, aber es wäre eine schwere Bürde für denjenigen, der das auf sich nähme. Die psychische Dimension eines solchen Outings wäre enorm, man kann keinen dazu drängen. Obwohl sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Schwule keine Monster sind, dass sie nicht die Werte der Familie zerstören, dass man keine Angst vor ihnen haben muss, hätte es der erste prominente Sportler sehr schwer.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, ein Bundesligaspieler hätte jede Woche im Stadion einen Spießrutenlauf zu überstehen?

Hartmann-Tews: Definitiv. Interessant ist allerdings, dass es zunehmend schwul-lesbische Fanclubs gibt, die diese Starre von der anderen Seite her auflösen und das Thema in die Öffentlichkeit bringen. Vielleicht können die Schritt für Schritt ein Klima vorbereiten, in dem es möglich wird, dass schwule Sportler sich bekennen. Darüber hinaus gibt es in Europa inzwischen über 200 homosexuelle Sportgruppen und -vereine, davon fast die Hälfte in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Man hat den Eindruck, dass lesbische Sportlerinnen sehr viel offener mit ihrer Sexualität umgehen als die Männer. Woran liegt das?

Hartmann-Tews: Wenn ein Mann nicht dem klassischen Rollenbild entspricht, wird dies von der Gesellschaft sehr viel härter sanktioniert, als dies umgekehrt bei Frauen der Fall ist. Der Tabubruch ist viel gravierender. Man weiß dies auch aus der Sozialisationsforschung. Wenn Mädchen in eine vermeintlich männliche Rolle verfallen, sich also etwa mit Technikspielzeug beschäftigen oder Fußball spielen, wird dies akzeptiert und eher sogar positiv bewertet. Wenn Jungen hingegen anfangen, mit Puppen zu spielen oder Ballett als Sportart wählen, also nach althergebrachtem Rollenverständnis feminin agieren, bricht immer noch bei vielen Eltern Panik aus. Dahinter stecken tief verwurzelte Ängste und Vorurteile.

Das Interview führte Jens Todt



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