Eklat bei Scheich-Party: "Interessiert mich einen Scheiß, was im SPIEGEL steht"

Aus Buenos Aires berichtet Jens Weinreich

Hotel Faena in Buenos : "Wir löschen jetzt alle Bilder"  Zur Großansicht
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Hotel Faena in Buenos: "Wir löschen jetzt alle Bilder"

Er hinterfragte Thomas Bachs Sieg kritisch und schrieb über den Olympia-Erfolg des Ringens: Eine Woche berichtete Jens Weinreich von der IOC-Session. Bei einer Party nach Bachs Wahl wurde der Reporter dann bedrängt - von einem mächtigen Strippenzieher.

Alles Gewöhnungssache. Als Thomas Bach, neuer Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, am Dienstag vergangener Woche im Yacht-Club von Buenos Aires ans Mikrofon ging, begrüßte er zunächst "unseren Präsidenten". Er meinte den Belgier Jacques Rogge. Dabei war Bach seit jenem Tag selbst der Boss des Olympiakonzerns, der Fechtmeister und Wirtschaftslobbyist aus Tauberbischofsheim. Jahrzehnte hatte sich Bach nach dem Posten verzehrt. Am morgigen Dienstag ist Schlüsselübergabe in Lausanne - der letzte große Fototermin mit dem alten und neuen IOC-Präsidenten.

Der neunte IOC-Präsident hat viel zu tun. Er muss die Olympiastädte Sotschi, Rio de Janeiro, Pyeongchang und den Heiligen Hain in Olympia besuchen, viele Personalien entscheiden. Wen nimmt er aus seinem Team mit nach Lausanne? Katrin Grafarend, die ihn als DOSB-Abteilungsleiterin Internationales seit sieben Jahren begleitet, soll schon abgesagt haben. Monika Scherer, seine langjährige Sekretärin und Vertraute? Sie wird wohl weiter Bachs Büro in Tauberbischofsheim leiten, wo die Schilder umgeschrieben werden: Statt IOC-Vizepräsident steht da nun IOC-Präsident - DOSB-Präsident wird gestrichen, den Posten gab Bach am Montag ab.

Bach will auch als Präsident des dubiosen arabisch-deutschen Geschäftsanbahnungsvereins Ghorfa zurücktreten. Seinen Aufsichtsratsposten bei der Weinig AG aber behalten. Wie verträgt sich das mit einem 365-Tage-Job als IOC-Präsident?

Noch in Buenos Aires machte unter IOC-Mitgliedern das Gerücht die Runde, Bach wolle den DOSB-Generaldeirektor Michael Vesper nach Lausanne holen. Das aber ist äußerst unwahrscheinlich. Wird also Christophe de Kepper, Rogges Vertrauensmann als Chef der IOC-Administration, Generaldirektor bleiben? Bach will mit de Kepper arbeiten, der Belgier war in den neunziger Jahren sogar mal in Diensten des damaligen Deutschen Sportbundes als Leiter einer Dependance bei der EU in Brüssel. Wie weit sich die Männer arrangieren und ein Vertrauensverhältnis aufbauen können, muss abgewartet werden. In den kommenden fünf Monaten aber, in denen die Vorbereitung auf Sotschi Priorität genießt, sollten sie zumindest einen Modus Vivendi finden.

Eine Bühne, Flamenco - und ein Ausfall

Auf seiner ersten Pressekonferenz und seinem ersten Empfang als IOC-Präsident im Yacht-Club am Pierina Dealessi hatte sich Bach wie gewohnt zurückgehalten. Er erzählte viel, sagte aber nicht viel, so kennt man ihn seit Jahrzehnten. Und dann, bevor er aufbrach zur zweiten Festivität des Abends, zur Feier des Scheichs Ahmad Al-Sabah, erklärte er: "Ich kann meine Stimme schon nicht mehr hören. Und ich schweige jetzt mal lieber, bevor ich dumme Sachen sage."

Bald darauf ließ sich Bach die zwei Kilometer zum von Philippe Starck designten noblen Faena-Hotel chauffieren. Dort hielt standesgemäß der kuwaitische Scheich Al-Sabah Hof und feierte seine Erfolge bei der IOC-Session in Buenos Aires: Sein Schützling Bach, den er seit einem Jahrzehnt unterstützt, hat es an die Spitze des Weltsports geschafft. Tokio ist Olympia-Ausrichter 2020. Und auch das von ihm angeblich protegierte Ringen ist im Olympischen Programm geblieben.

Der Scheich hatte eine Bühne aufbauen, ein Flamenco-Enselble vortanzen und allerlei andere Künstler auftreten lassen. Zikaden sangen, es plätscherte der Springbrunnen, ausgeklügelte Lichtspiele sorgten für eine heimelige Atmosphäre an diesem lauen Frühlingsabend. Die Crème de la Crème des Weltsports war versammelt - zumindest die neuen Herrscher. Andere, ehemals einflussreiche Mitglieder, die das Treiben des Scheichs stets kritisieren, etwa der Kanadier Richard Pound, waren lieber im Yacht Club geblieben.

Doch die Schlagzeilen der vergangenen Monate, die Bilder, Videos und Interviewpassagen, die den Scheich als dunklen Strippenzieher zeigten, scheinen ihm zugesetzt zu haben. Gegen Mitternacht kam der Scheich auf mich zu und entwand mir meine Kamera. Er sagte: "Fotografieren ist hier verboten, das ist eine private Veranstaltung!" Eine private Veranstaltung? Jeder aus dem IOC-Business, der hier rein wollte, wurde rein gelassen, Akkreditierungen wurden nicht kontrolliert, mindestens zwei englische Journalisten von der nicht gerade für Scheich-Kritik bekannten Insider-Webseite "Inside the Games" waren ebenfalls zugegen.

Der Scheich, ehemals Sicherheitsminister Kuwaits, rief nach seinen Security-Kräften und der Polizei. Vier kernige Männer führten mich unter den Augen zahlreicher Beobachter in das nebenan gelegene Restaurant und nahmen die Speicherkarte aus der Kamera. "Wir löschen jetzt alle Bilder", verkündete Husain Al-Musallam, der Adlatus des Scheichs. Auch Al-Musallam hat zahlreiche hohe Sportämter inne. Im asiatischen NOK-Dachverband Oca ist er Generalsekretär, er amtiert auch als Vizepräsident des Welt-Schwimmverbandes Fina, viele sehen in ihm den kommenden Fina-Präsidenten.

"Das ist genau, was wir befürchtet haben"

Der folgende Wortwechsel mit Husain Al-Musallam verlief auf Englisch und sinngemäß so: "Ich berichte aus Buenos Aires für den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE. Ich werde auch über diesen Zwischenfall berichten." Husain Al-Musallam: "Sie drohen mir?" "Nein, aber ich werde berichten, wie hier mit akkreditierten Journalisten verfahren wird." Husain Al-Musallam: "Es interessiert mich einen Scheiß, was im SPIEGEL steht. Es interessiert mich einen Scheiß, was deutsche Medien berichten. Das kümmert uns nicht. Ich scheiße auf sie."

Schließlich ließen sich die Männer nach einer Debatte darauf ein, nicht auch die Privatfotos auf der Kamera und Hunderte bei der IOC-Session fotografierte Motive zu löschen, sondern nur etwa zehn Schnappschüsse von Al-Sabahs "privater Party". Die Fotos waren harmlos, sie zeigten die Bühne, auf der Flamenco für den Scheich getanzt wurde, den Garten, aber keine Nahaufnahmen, keine Aufnahmen mit Blitzlicht - sondern nur Schnappschüsse, die mir stets als Archiv dienen. Die Intimität der Sportfunktionäre beim Speisen hatte ich auch an diesem Abend gewahrt. Ein IOC-Präsidentschaftskandidat, dem ich später davon erzählte, sagte: "Das geht ja schön los. Unglaublich. Das ist genau, was wir befürchtet haben."

Husain Al-Musallam, konfrontiert mit dem Vorfall, erklärte nunmehr per E-Mail, es habe sich um eine private Veranstaltung gehandelt. "Die Ausrichter der Party" hätten den Autoren "aufgefordert, zu gehen und löschten die Bilder, die während des Events gemacht wurden", so die rechte Hand des Scheichs.

Als ich den Scheich und seine Leute Ende Mai in St. Petersburg filmte, als sie die Krönung ihres Verbündeten Marius Vizer (ein Judo-Kumpel von Wladimir Putin) zum Präsidenten des Weltverbandes aller Sportarten feierten, hat Husain übrigens ebenfalls versucht, die Aufnahmen zu stoppen. Nun schrieb er: "Seien Sie versichert, dass wir Medien und Journalisten aus aller Welt respektieren, ohne Einschränkung."

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Die Fotos sind nicht gelöscht,
knipser22 16.09.2013
Sie dürfen die Speicherkarte nach dem "Löschen" nur erstmal nicht weiter nutzen, sonst werden die Bilder überschrieben. Später können sie mit einem der zahlreichen Recoverytools wiederhergestellt werden.
2. Profisport
quark@mailinator.com 16.09.2013
Herrje ... Profifußball, Profiradsport, Profixyz ... Olympia. Es ist doch immer das Gleiche, es geht um Kohle. Das das IOC mehr einer schweizer Geheimfirma gleicht, als einem fairen, offenen internationalen Gremium - darüber gibt's jede Menge Dokumentarfilme. Was es braucht, ist ein medialer Totalboykott der Olympischen Spiele. Einfach mal allen erklären, daß dies nichts mehr mit Völkerfreundschaft, Fairness, Nächstenliebe und Massensport zu tun hat. Statt dessen über andere Sportarten berichten, kleinere Ereignisse zeigen ... Aber das wäre ja, als wolle man auf die Fernsehwerbung verzichten ... kommt gar nicht in die Tüte.
3. wichtig tun und wichtig sein
weitWeg 16.09.2013
sind sehr unterschiedlich Dinge.
4. Einfach
t4b 16.09.2013
nicht mehr anschauen. Mache ich schon länger. Ich sehe mir lieber Profi Wrestling an, da weiß ich, es ist alles nur schau. Aber die haben auch nie behauptet, dass sie nicht dopen oder der Ausgang der (schau) Kämpfe nicht angesprochen ist. Das sollen also Vorbilder für die Jugend sein? Lächerlich. Und sm meisten kotzt mich an das eine Unmenge an Steuergeldern ausgegeben wird um diesen Mist mit zu finanzieren. Aber kein Geld für Kinderbetreung, wenn es nicht zum heulen wäre, könnte ich glatt drüber lachen.
5.
scwfan06 16.09.2013
Will uns der Autor jetzt sagen, dass er beleidigt ist, nachdem ihm der Scheich seine Meinung vorgegaukelt hat?
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IOC-Wahl: Bach, der neue Boss
Die IOC-Präsidenten im Überblick
Amtszeit Präsident
ab 2013 Thomas Bach (Deutschland)
2001 - 2013 Jacques Rogge (Belgien)
1980 - 2001 Juan Antonio Samaranch (Spanien)
1972 - 1980 Michael Killanin (Irland)
1952 - 1972 Avery Brundage (USA)
1942 - 1952 Sigfrid Edström (Schweden)
1925 - 1942 Henri de Baillet-Latour (Belgien)
1896 - 1925 Pierre de Coubertin (Frankreich)
1894 - 1896 Demetrius Bikilas (Griechenland)

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