Schweizer IOC-Kandidat Oswald Bachs größter Gegner

Die Wahl von Thomas Bach zum nächsten Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees scheint sicher. Nur einer kann die Kür des Deutschen wohl noch gefährden: Der Schweizer Denis Oswald macht offen Front gegen den Favoriten.

Aus Buenos Aires berichtet


Um 16 Uhr mitteleuropäischer Zeit ist es soweit. In Buenos Aires wird der neue IOC-Präsident gewählt. Anderthalb Stunden später wird der Nachfolger von Jacques Rogge, der neunte Präsident in der Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees, verkündet. Kann noch irgendjemand die als sicher geltende Wahl des Deutschen Thomas Bach verhindern? Wohl kaum.

Es scheint nur eine Option zu geben: Wenn einer oder mehrere der fünf Gegenkandidaten zurücktreten und vor der IOC-Vollversammlung eine flammende Rede halten - für einen Kollegen, gegen Bach und seinen mächtigen Verbündeten, den kuwaitischen Scheich Ahmad al-Sabah.

Ein derartiges, für IOC-Verhältnisse geradezu revolutionäres Engagement wäre allein dem Schweizer Denis Oswald zuzutrauen. Oswald, langjähriger Präsident des Ruder-Weltverbandes, hatte die vielfältigen Geschäfte des deutschen IOC-Favoriten und Wirtschaftslobbyisten Bach scharf kritisiert und ausgesprochen, was seit beinahe zwei Jahrzehnten immer wieder für negative Schlagzeilen sorgt: Bachs Tätigkeiten als Lobbyist im Graubereich von Wirtschaft, Sport und Politik.

So war Bach einst Adlatus des damaligen Adidas-Chefs Horst Dassler, der den Weltsport mit einem gigantischen Korruptionssystem überzogen hat, gerichtlich dokumentiert im Fall der von Dassler gegründeten Sportmarketingfirma ISL. Als Jahre später publik wurde, dass Bach von den Konzernen Holzmann und Siemens fürstliche Honorare erhalten hatte, behauptete der IOC-Mann, stets zwischen Lobbyismus und Ehrenamt trennen zu können. Das FDP-Mitglied Bach hat dafür den Begriff der "vielfältigen Lebenssachverhalte" erfunden.

Oswald fährt schwere Vorwürfe auf

Bach vertrete nicht dieselben Werte wie er, sagte Oswald dem Westschweizer Radio RTS: "Er benutzt seine Position, um für die Gesellschaften, die er vertritt, Vorteile herauszuholen. Ich wünsche mir einen unabhängigen Präsidenten." Er ging erneut auf den Deal zwischen Bach und Sabah aus Kuwait ein. Das sei "kein Ausdruck von Demokratie", einigen IOC-Mitgliedern gefalle das nicht.

Auch mit Kuwait verbinden Bach vielfältige Wirtschaftssachverhalte: Ob nun über die Tauberbischofsheimer Weinig AG, die kuwaitischen Investoren gehört und wo er Aufsichtsratschef ist, die Investmentfirmen Melius und K.S.C. (Kuwaiti German Holding Company) oder den einflussreichen arabisch-deutschen Geschäftsanbahnungsverein Ghorfa, als dessen Präsident Bach amtiert.

Kurzum: Bach macht, was viele IOC-Mitglieder machen. Der belgische IOC-Präsident Jacques hatte zwölf Jahre Zeit, derartige Intransparenzen zu bekämpfen und einen neuen Geist im IOC einziehen zu lassen. Doch Rogge hat es am Ende gar nicht mehr versucht. Und als Bach wegen seines Siemens-Vertrags 2008 arg in die Bredouille geriet, sprang ihm Rogge in Lausanne helfend zur Seite. Denis Oswald, Jurist wie Bach, hat mehrfach gesagt, er wünsche sich einen unabhängigen IOC-Präsidenten, "der nicht an bestimmten Allianzen hängt und der seine Position für nichts anderes nutzt als den Sport".

Angebliche Ermahnung durch IOC-Ethikkommission

Oswald hat nichts mehr zu verlieren. Er ist entsetzt über die Vorgänge im IOC, über die absurden Regeln für diesen Wahlkampf, die den Kandidaten jedwede öffentliche Diskussion miteinander verbieten - und die damit gelegentliche Aufklärung und Transparenzanfälle verhindern. Oswald wurde am Dienstag angeblich von der IOC-Ethikkommission ermahnt und auf diese Regeln aus dem Dezember 2011 hingewiesen. Genaues weiß man nicht, wie immer im IOC, denn Schriftstücke liegen dazu nicht vor. So wie Vorgänge der Ethikkommission ohnehin kaum öffentlich werden.

Wird der 66-jährige Oswald also so weit gehen, zurücktreten und einen energischen Appell an die IOC-Kollegen richten? Wird er Bach und den Scheich brüskieren? Wird er damit gleich fünf Schweizer IOC-Stimmen freimachen, von denen maximal eine an Bach gehen dürfte, die des Fifa-Präsidenten und ehemaligen Adidas-Mitarbeiters Joseph Blatter, den mit Bachs sportpolitischen Ziehvater Dassler eine Männerfreundschaft verband? Oswald selbst, sowie Patrick Baumann, René Fasel und Gian-Franco Kasper würden nicht für Bach, sondern für Richard Carrión stimmen - oder jeden anderen.

ABB - anyone but Bach, jeder außer Bach: Dieser Slogan wurde auch unter den Schweizer IOC-Mitgliedern geprägt. Bachs Team hatte die Schweizer stets als gefährliche Gegner ausgemacht. Doch haben die nie wirklich gegen Bach mobilisiert. Ändert sich das im letzten Moment?

Am Abend vor der Wahl hatte man nicht den Eindruck. Es ging merkwürdig ruhig zu auf den Fluren. Scheich Sabah hatte unentwegt IOC-Mitglieder in seinen Suiten im Hilton Hotel und im exklusiven Faena-Hotel gleich nebenan zu Gast. Als Buenos Aires aus dem Schlaf erwachte, schien die Sache entschieden.

In wenigen Stunden ist man schlauer. Eine öffentliche Präsentation der Bewerber oder gar eine Diskussion sind nicht vorgesehen. Denis Oswald könnte das ändern.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
noalk 10.09.2013
1. Körpersprache
Ich beziehe mich auf im TV gezeigte Szenen von Begegnungen Bachs mit anderen Mitgliedern des IOC. Aus deren Körpersprache meine ich ablesen zu können, dass sie nicht sonderlich erpict darauf sind, sich mit Bach zu unterhalten. Es würde mich wundern, wenn er tatsächlich so beliebt ist, dass er zum Präsidenten gewählt wird.
A.Stifter 10.09.2013
2. Die Schweizer können das Spiel!
Siehe Herr Blatter
ajf00 10.09.2013
3.
Zitat von noalkIch beziehe mich auf im TV gezeigte Szenen von Begegnungen Bachs mit anderen Mitgliedern des IOC. Aus deren Körpersprache meine ich ablesen zu können, dass sie nicht sonderlich erpict darauf sind, sich mit Bach zu unterhalten. Es würde mich wundern, wenn er tatsächlich so beliebt ist, dass er zum Präsidenten gewählt wird.
Es wuerde mich wundern, wenn der IOC sich mal nicht fuer Korruption entscheiden wuerde... leider wird da Oswald wohl nichts machen koennen. Peinlich nur, dass der Vertreter der internationalen Sportverbaende hier ausgerechnet ein Deutscher ist.
ajf00 10.09.2013
4.
Zitat von A.StifterSiehe Herr Blatter
Herr Blatter ist allerdings im anderen Team als Oswald.
BettyB. 10.09.2013
5. Nur keine Aufregung...
Er ist doch nicht nur in der FDP , er wählt Sie wahrscheinlich auch.
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