Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

IOC-Präsidentschaft: Thomas Bach und der geheimnisvolle Scheich

Aus London berichtet

Hinter den Kulissen der Olympischen Spiele läuft ein brisanter Machtkampf um den Präsidentenposten im Internationalen Olympischen Komitee. Lange galt der Deutsche Thomas Bach als aussichtsreichster Kandidat, doch inzwischen hängt sein Erfolg offenbar an einem umstrittenen Funktionär aus Kuwait.

DOSB-Chef Bach: Die Suche nach dem "Herrn der Ringe" Fotos
DPA

Die Olympischen Spiele 2012 beginnen mit den Frauenfußballspielen eigentlich erst am Mittwochnachmittag. Doch ein Wettbewerb wurde in London bereits zuvor eröffnet. Seit Dienstag tagt im Hotel Grosvenor House die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Wenn sich das IOC im September 2013 zum nächsten Mal trifft, wird ein neuer Präsident gewählt, der Nachfolger des seit 2001 amtierenden Belgiers Jacques Rogge. Der Wahlkampf geht schon jetzt in die heiße Phase.

Bisher galt der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach, 58, als aussichtsreichster Kandidat auf Rogges Erbe. Die Karriere des Fecht-Olympiasiegers von 1976 scheint wie für die IOC-Präsidentschaft gemacht. Bach war Athletensprecher, er erhielt seine sportpolitische Grundausbildung Mitte der achtziger Jahre als Adlatus des damaligen Adidas-Chefs Horst Dassler, der den Weltsport mit einem Korruptionsgeflecht überzog, der mit Posten und Events schacherte und Offizielle wie etwa Joseph Blatter, IOC-Mitglied und heutiger Fifa-Präsident, in Stellung brachte.

Von Dasslers schmutzigen Deals, die gut dokumentiert sind, hat Bach nach eigener Aussage nie etwas mitbekommen. Dassler gründete auch die ISL, jene Sportmarketingfirma, die mindestens 142 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an höchste Sportfunktionäre in der Fifa, im IOC und anderen Verbänden zahlte.

Bach wurde 1991 IOC-Mitglied und gehört seit 1996 mit einer turnusmäßigen Pause dem Exekutivkomitee an. Der Industrielobbyist und FDP-Mann werkelt meist im Verborgenen. Wenn einige seiner Beraterverträge publik wurden und für schlechte Schlagzeilen sorgten, etwa in den Fällen Holzmann und Siemens, verwahrte er sich gegen den naheliegenden Verdacht, er verquicke Privatinteressen mit dem angeblichen Ehrenamt als IOC-Offizieller und seit 2006 auch als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Er prägte dafür den wunderbaren Begriff der "vielfältigen Lebenssachverhalte".

"Thomas ist am Puck!"

Offiziell hat sich Bach nie zur Kandidatur für die IOC-Präsidentschaft bekannt. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte er vor kurzem, er halte "eine Personaldiskussion zurzeit für verfrüht". Dabei weiß in der Branche jeder Bescheid. Das Schweizer IOC-Mitglied und Präsident des Eishockey-Weltverbandes (IIHF), René Fasel, dem selbst Ambitionen nachgesagt werden, gab schon vor zweieinhalb Jahren zu Protokoll: "Thomas sagt uns ja selber, er ist ein Kandidat für 2013. Alle Mitglieder wissen das. Thomas ist am Puck!"

Aber Bach ist eben nur ein Kandidat. Das Momentum, diese schwer zu fassende Stimmung im Wahlvolk, entwickelt sich derzeit nicht so, wie es Bach gern hätte. Kaum jemand spricht offen darüber, weil das IOC-Exekutivkomitee im Dezember 2011 Benimmregeln verabschiedet und darin eine öffentliche Debatte über die Präsidentschaft verboten hat. Klar ist aber, dass sich viele Mitglieder einen nicht-europäischen Präsidenten wünschen. In 118 Jahren seit der IOC-Gründung 1894 hat es nur einen von acht Präsidenten gegeben, der nicht aus Europa kam: den US-Amerikaner Avery Brundage. Das verträgt sich schlecht mit dem Olympischen Credo der Universalität.

Amerika hat mit Richard Carrión, einem Banker aus Puerto Rico, einen passablen Kandidaten, der als IOC-Finanzchef das Kunststück fertigbrachte, den Reichtum des Olympiakonzerns noch weiter zu mehren. Die Rücklagen stiegen auf 460 Millionen Euro. Für die nächste Olympia-Periode (Sotschi 2014, Rio de Janeiro 2016) sind neue Vermarktungsrekorde garantiert. Zuletzt hat Carrión den größten TV-Vertrag der Geschichte (4,4 Milliarden Dollar) mit dem US-Network NBC akquiriert.

Der neue starke Mann kommt aus Kuwait

Außer Bach und Carrion werden auf der inoffiziellen Präsidentschaftsbörse die Marokkanerin Nawal El Moutawakel, 1984 Afrikas erste Olympiasiegerin (Hürdenlauf), der ukrainische Stabhochsprung-Weltrekordler Sergej Bubka und Ng Ser Miang, ein Multimillionär aus Singapur, gehandelt. Mitunter fallen die Namen Dennis Oswald (Schweiz), Anita DeFrantz (USA) und Alexander Popow (Russland) - doch das sind keine ernsthaften Kandidaten.

Neuer starker Mann ist als Boss der Vereinigung aller 204 Nationalen Olympischen Komitees (ANOC) der kuwaitische Verteidigungsminister Scheich Ahmed al-Sabbah, der in London ins IOC-Exekutivkomitee einzieht. Der im Frühjahr zurückgetretene, langjährige ANOC-Boss Mario Vázquez Raña hat Sabbah unverhohlen Korruption vorgeworfen.

Der 48-jährige Sabbah, ehemals Opec-Präsident und Energieminister Kuwaits, hat in der Tat einen schlechten Ruf. Als Präsident des asiatischen Olympia-Councils (OCA) spielte er im Korruptionsskandal um die Olympia-Qualifikation 2008 im Handball eine entscheidende Rolle. Sein langjähriger engster Mitarbeiter und OCA-Generalsekretär Ahmad Muttaleb wurde gleich mehrfach als Schmiergeldempfänger und Stimmen-Dealer auffällig.

Sabbah sitzt an der Geldquelle

Dokumentiert sind Zahlungen an Muttaleb aus Salt Lake City (Olympia 2002), auch hat er Undercover-Journalisten der BBC während der Londoner Olympiabewerbung einst 23 Stimmen von IOC-Mitgliedern aus Asien versprochen - und selbst ins ISL-Bestechungssystem war Muttaleb involviert: Er hat, so steht es in den Gerichtsakten, über die "Taora Anstalt" in Liechtenstein insgesamt 5,1 Millionen Schweizer Franken erhalten.

Sabbah verantwortet im IOC die Entwicklungshilfe-Gelder, Olympic Solidarity genannt, er sitzt an der Geldquelle. Er hat im Mai in Quebec schon seine Macht demonstriert, als er die Wahl des Italieners Francesco Ricci-Bitti, Präsident des Tennis-Weltverbandes (ITF), zum Chef der Vereinigung aller olympischer Sommersportarten (ASOIF) unterstützte. Das alles sind Teilchen im neuen Macht-Puzzle.

Die große Frage ist, wie sich Sabbah im IOC-Präsidentenpoker verhält. Unterstützt er Thomas Bach, der zahlreiche Geschäftsbeziehungen in den arabischen Raum und insbesondere nach Kuwait unterhält? Oder stützt er Ng Ser Miang aus Singapur? Offiziell, so steht es in den IOC-Regeln, sind auch in der Präsidentschaftsfrage weder Versprechen noch Unterstützung noch Geschenke oder andere Gaben erlaubt, ja nicht einmal die Nutzung von sozialen Netzwerken. Gar nichts. Doch die IOC-Regeln sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden.

Die Tauberbischofsheimer Weinig AG, Weltmarktführer im Holzmaschinenbau, wo Bach als Aufsichtsratschef fungiert, ist in der Hand kuwaitischer Investoren. Bach selbst war dem staatlichen Investmentfond Kuwaits verbunden. Bach ist Präsident der arabisch-deutschen Handelskammer Ghorfa. Der SPIEGEL hatte 2008 enthüllt, wie der Siemens-Lobbyist Bach sich bemühte, Kuwait als Großinvestor zu gewinnen.

Damals schrieb Bach einem Siemens-Vorstand, er habe "die Investitionsfrage noch einmal mit dem Energieminister vertraulich besprochen", also mit seinem "Freund und Kollegen Scheich Ahmed al-Sabbah". Von Siemens kassierte Bach damals 400.000 Euro Jahresgage und 5000 Euro Tagesspesen. "Vielfältige Lebenssachverhalte" eben.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Fifa - ioc - dosb ?
paretooptimal 25.07.2012
Entwickelt sich hier ein Skandal wie bei der FIFA?
2. optional
Zbig 25.07.2012
Der Herr Karl (Helmut Qualtinger) pflegte bei derartigen Verquickungen zu sagen: schaun´s, er hod`s sich hoid a bisserl g`richt.
3. Kann ...
peter-49 25.07.2012
Zitat von sysopDPAHinter den Kulissen der Olympischen Spiele läuft ein brisanter Machtkampf um den Präsidentenposten im Internationalen Olympischen Komitee. Lange galt DOSB-Boss Thomas Bach als aussichtsreichster Kandidat, doch inzwischen hängt sein Erfolg offenbar an einem umstrittenen Funktionär aus Kuwait. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,846258,00.html
... es sein, dass das IOC ein ähnlich korrupter Verein ist wie z.B. FIFA, UEFA etc.? Kennt jemand berühmte Olympiasieger aus Kuwait und nehmen die überhaupt an den Spielen teil? Fragen über Fragen!
4. 1 1=
blödföhn 25.07.2012
Hm, von der Öffentlichkeit nicht nachvollziehbare Entscheidungen, im Verborgenen getroffen und es geht um Geld := Kriminelle Vereinigung. Nein ist nur Spaß, ein fairer Wettstreit, der zu Frieden und Völkerverständigung beiträgt und ein leuchtendes Beispiel für die Jugend der Welt ist. lol
5. Ach was!
niepmann 26.07.2012
Zitat von paretooptimalEntwickelt sich hier ein Skandal wie bei der FIFA?
Der Sepp Blatter ist die Vorlage, und das IOC hat gefälligst eine gleichartige Figur zu benennen. Es geht nicht um Sport, sondern ums Geschäft. Schliesslich hat man das Doping-Problem am Hals, und muss es loswerden. Das geschieht am schnellsten durch Freigabe aller Doping-Mittel und -Methoden. Das macht die Wettbewerbe attraktiver die "Arbeit" der Funktionäre leichter, und die Akteure krank. Aber das zählt nicht. Es wachsen ja welche nach. Derart lausiger Zynismus ist Realität.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Die IOC-Präsidenten im Überblick
Amtszeit Präsident
ab 2013 Thomas Bach (Deutschland)
2001 - 2013 Jacques Rogge (Belgien)
1980 - 2001 Juan Antonio Samaranch (Spanien)
1972 - 1980 Michael Killanin (Irland)
1952 - 1972 Avery Brundage (USA)
1942 - 1952 Sigfrid Edström (Schweden)
1925 - 1942 Henri de Baillet-Latour (Belgien)
1896 - 1925 Pierre de Coubertin (Frankreich)
1894 - 1896 Demetrius Bikilas (Griechenland)

Deutsche Medaillenbilanz bei Olympischen Sommerspielen
Jahr Gold Silber Bronze Gesamt
1992 33 21 28 82
1996 20 18 27 65
2000 13 17 26 56
2004 13 16 20 49
2008 16 10 15 41
2012 11 19 14 44

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: