Scheidender IOC-Präsident Rogge Mit stumpfem Skalpell

Als Jacques Rogge 2001 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees wurde, trat er mit einem mutigen Programm an: gegen Doping, gegen Gigantismus. Zwölf Jahre später tritt der Belgier ab: "Ich gehe ohne Nostalgie." Was bleibt von dem Mann, der früher Chirurg war?

AFP

Aus Buenos Aires berichtet


Es gibt IOC-Mitglieder, die ihren Gesprächspartnern gern zwei Bilder zeigen und dazu fragen: "Bist du sicher, dass es das ist, was du willst?" Auf den Fotos ist jeweils Jacques Rogge zu sehen, einmal im Jahr 2001, als der Belgier in Moskau zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gekürt wurde - und einmal im Jahr 2013. Der Unterschied ist frappierend, für manche gar schockierend. Und das liegt nicht nur am normalen Lauf der Zeit und den zwölf Jahren als IOC-Boss, verbunden mit zahlreichen gesundheitlichen Problemen, die Rogge zu meistern hatte.

Unter der Last des Amtes, der wichtigsten Funktion des Weltsports, scheint Rogge nicht um zwölf, sondern um 30 Jahre gealtert zu sein.

"Ein Satz von mir, ein Wort sogar, kann eine diplomatische Krise und weltweit Schlagzeilen auslösen", hat Rogge einmal gesagt. Das war in einer schwierigen Phase seiner Präsidentschaft, kurz nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin mit ungeheuerlichem Druck die Winterspiele 2014 nach Sotschi geholt hatte und kurz bevor die Diskussion über Tibet und die Menschenrechte die Sommerspiele 2008 in Peking dominierte. Rogge, der vor seiner Präsidentschaft auch wegen seiner klaren Worte und präzisen Analysen geschätzt wurde, hat sich zunehmend auf eine stille Diplomatie konzentriert, wie er es nannte. Ob nun damals im Tibet-Konflikt oder aktuell in der Diskussion um das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz.

"Eine große Freude, künftig nicht mehr jedes Wort abzuwägen"

Damit einher ging eine gewisse Selbstverleugnung, oder positiver formuliert: Rogge wurden unter der Last des Amtes seine Grenzen aufgezeigt. Nun tritt er ab, mit 71 Jahren. Am kommenden Dienstag wird auf der IOC-Vollversammlung in Buenos Aires Rogges Nachfolger gewählt. "Bist du sicher, dass es das ist, was du willst?", wurden seine potentiellen Nachfolger gefragt, und alle sechs Kandidaten haben in ungezählten Gesprächen ihre Antworten gegeben: Sie wollen es. Sie wollen unbedingt IOC-Präsident werden - allen voran Thomas Bach, 59, aus Tauberbischofsheim, der Präsidentschaftsfavorit, dessen gesamte Karriere auf dieses Ziel ausgerichtet war.

Jacques Rogge wird in Buenos Aires noch eine Pressekonferenz geben, am Sonnabend, nach der Wahl der Olympiastadt 2020. Nach der verkürzten Sitzung des IOC-Exekutivkomitees hat er in einem prall besetzten provisorischen Saal des Hilton Hotels bereits seine Bilanz gezogen. "Ich gehe ohne Nostalgie. Ich bin erleichtert, und es wird mir eine große Freude sein, künftig nicht mehr jedes Wort genauestens abwägen zu müssen."

Drei Jahrzehnte hatte Rogge als Chirurg praktiziert. Er war einmal ein Mann der Tat und der klaren Schnitte, und er hat oft Bilder aus seinem Berufsalltag verwendet, etwa als er einmal beschrieb, wie bei der Korruptionsbekämpfung vorgegangen werden müsse. Das sei, wie einen Abzess zu behandeln: "Man muss die Beule aufschneiden, den Eiter ausfließen und dann die Wunde austrocknen lassen."

Stark begonnen, stark nachgelassen

Als IOC-Präsident wurde das Skalpell des Chirurgen immer stumpfer. Am Ende wurde kaum deutlich, ob er überhaupt noch willens war zu schneiden. Im Zweifel hat Rogge sich meistens dafür entschieden, die sogenannte olympische Familie zu schützen. Transparent war sein Wirken nicht:

  • Das IOC legt noch immer keinen ansprechenden Finanzbericht vor.
  • Die Kommunikationspolitik des IOC ist eine Katastrophe.
  • Die Ethikkommission agiert abhängiger als die des Fußball-Weltverbandes Fifa, die Regeln sind undurchsichtig. So werden fast nur Fälle behandelt, die über Rogges Büro und durch den Generaldirektor Christoph de Kepper abgesegnet wurden. Bezeichnend dafür die Frage der vergangenen Tage, ob die Ethikkommission sich tatsächlich mit dem Fall des einflussreichen kuwaitischen Scheichs Ahmed Al-Sabah und dessen Deal mit Präsidentschaftskandidat Bach befasst. Saubere Informationen? Transparenz? Fehlanzeige. Es gibt viele solcher Beispiele.

Als Rogge 2001 antrat, klang sein Programm vielversprechend. Gegen Doping. Gegen Korruption. Gegen Gewalt. Gegen Gigantismus. Für die Glaubwürdigkeit des Sports. Außerdem wollte er das olympische Programm reformieren. Das waren titanische Aufgaben. In mancher Hinsicht (Doping, Korruption) hat er stark begonnen, dann aber stark nachgelassen. Beim Thema Gigantismus und ausufernde Olympia-Kosten ist er kolossal gescheitert. Bei der Neuordnung des Programms erlitt er schon 2002 und 2005 schwere Niederlagen, als sich die IOC-Vollversammlungen seinen damaligen ernsthaften Reformansätzen verweigerten und die olympischen Verbände zusammenhielten. Diese Niederlagen prägten.

Gelitten unter der Bürde des Amtes

Rogge war alles andere als ein Revolutionär. Ein IOC-Präsident wird im olympischen Sprachgebrauch oft als "Olympic Guardian" bezeichnet, als Wächter. Dieser Wächter sieht seine Aufgabe vor allem darin, den Reichtum des IOC zu mehren und Schaden von diesem Privatclub abzuwehren, dem die Olympischen Spiele gehören.

Das gilt auch für Rogge. Da dieser Widerspruch zwischen Amt und der demokratischen Ader, die er zweifellos hat, in vielen Bereichen nicht aufzulösen war, hat sich Rogge zunehmend auf andere Themen konzentriert. Etwa auf die Einführung der Olympischen Jugendspiele, die sein einstiger Herausforderer Richard Pound aus Kanada als einen der größten Fehler in der Geschichte des IOC bezeichnet. Rogge aber betrachtet die Jugendspiele, die 2014 im chinesischen Nanjing ihre dritte Auflage erleben, als sein Vermächtnis.

Der schlimmste Moment seiner Präsidentschaft sei der Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili am 12. Februar 2010 in Whistler gewesen, hat Rogge gesagt. Zufriedenheit habe er bei den Schlussfeiern von je drei Olympischen Sommerspielen (Athen, Peking, London), drei Winterspielen (Salt Lake City, Turin, Vancouver) und zwei Jugendspielen (Singapur, Innsbruck) empfunden. "Denn das ist unser Kerngeschäft. Wir müssen sehr gute Spiele für unsere Sportler sicherstellen."

Rogge hat unter der Bürde des Amtes gelitten. Er hat gekämpft und sich aufgeopfert. "Ich habe meine Pflicht erfüllt und getan, was getan werden musste." Er hinterlässt ein steinreiches IOC, das wie das olympische System aber dringend reformiert werden muss. Dieses IOC ist anfälliger denn je für die Mächte, die auf die Kommandobrücke streben: Ölscheichs wie der Kuwaiti Al-Sabah, Oligarchen von Putins Gnaden wie Arkady Rotenberg und sein Judo-Kumpel Marius Vizer, die über den Dachverband aller Sport-Weltverbände (Sportaccord) immer mehr Einfluss ausüben.

Es gehört zur Tragik des Jacques Rogge, dass er die Geister, die schon sein Vorgänger und Förderer Juan Antonio Samaranch rief, nicht verbannen konnte.



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Seite 1
SchneiderG 07.09.2013
1.
Zitat von sysopAFPAls Jacques Rogge 2001 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees wurde, trat er mit einem mutigen Programm an: gegen Doping, gegen Gigantismus. Zwölf Jahre später tritt der Belgier ab: "Ich gehe ohne Nostalgie." Was bleibt von dem Mann, der früher Chirurg war? http://www.spiegel.de/sport/sonst/ioc-praesident-rogge-vor-abschied-in-buenos-aires-a-920833.html
Für mich persönlich nur der Nachgeschmack der Korruptionsentscheidungen der Sommerspiele 2008 und der Winterspiele 2014
limauniform 07.09.2013
2. Redlichkeit gegen Funktionärs -Gigantismus
Zitat von sysopAFPAls Jacques Rogge 2001 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees wurde, trat er mit einem mutigen Programm an: gegen Doping, gegen Gigantismus. Zwölf Jahre später tritt der Belgier ab: "Ich gehe ohne Nostalgie." Was bleibt von dem Mann, der früher Chirurg war? http://www.spiegel.de/sport/sonst/ioc-praesident-rogge-vor-abschied-in-buenos-aires-a-920833.html
Es bleibt die Erinnerung an einen Präsidenten, der ohne Eitelkeit sein Amt wahrgenommen hat. Dass es ihm nicht gelungen ist, den Gigantismus zu reduzieren und Doping noch effektiver zu bekämpfen, ist ihm nicht anzulasten. Dem Egoismus der nationalen OKs ist niemand gewachsen, auch ein aufrechter Mann wie Rogge nicht. Und es ist zu befürchten, dass ein IOC-Präsident Bach die bescheidenen Erfolge von Rogge im Sinne des Apparates schnell wieder kassieren wird; natürlich mit viel Funktionärs-und Advokaten-Geschwafel.
derandersdenkende, 07.09.2013
3. Der Verwalter und Totschweiger
Zitat von sysopAFPAls Jacques Rogge 2001 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees wurde, trat er mit einem mutigen Programm an: gegen Doping, gegen Gigantismus. Zwölf Jahre später tritt der Belgier ab: "Ich gehe ohne Nostalgie." Was bleibt von dem Mann, der früher Chirurg war? http://www.spiegel.de/sport/sonst/ioc-praesident-rogge-vor-abschied-in-buenos-aires-a-920833.html
des flächendeckenden bundesdeutschen Dopings soll also zum IOC-Präsidenten gemacht werden? Können wir das den Sportlern dieser Welt wirklich zumuten?
janne2109 07.09.2013
4. ...
nun ist die Vergangenheit von Bach nicht dazu angetan etwas zu ändern. Diese Vergangenheit hatte Rogge nicht-
kenno 07.09.2013
5. oh
Ich dachte das wär noch dieser Sammarantsch oder so. Hat das IOC noch irgendeine Bedeutung außer Bestechungsspaß und Dopingvertuschung?
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