Vorstellung des zweiten McLaren-Berichts Jetzt wird es ernst fürs IOC

Was kommt da auf Thomas Bach und das IOC zu? Wada-Sonderermittler Richard McLaren veröffentlicht heute seinen zweiten Bericht zu Staatsdoping bei Olympia. Zittern muss vor allem Russland.

Thomas Bach
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Thomas Bach


Wenn der kanadische Sonderermittler Richard McLaren am Freitag in London seinen zweiten Untersuchungsbericht vorstellt, muss Sportgeschichte umgeschrieben werden. Der Rechtsprofessor McLaren ermittelt im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Er gehörte bereits der ersten Wada-Kommission an, die vor einem Jahr einen spektakulären Bericht über das staatlich orchestrierte Doping in Russland veröffentlichte.

McLaren recherchierte weiter, unterstützt von Kriminalisten, und legte im Juli 2016 den ersten sogenannten McLaren-Bericht vor, auf dessen Grundlage etwas mehr als ein Drittel des russischen Olympiateams für die Sommerspiele in Rio de Janeiro gesperrt wurde.

Die Wada hatte die Suspendierung des russischen NOK und damit der gesamten Olympiamannschaft gefordert, doch das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter seinem Präsidenten Thomas Bach solidarisierte sich mit den Russen. Das IOC co-finanzierte mit einer halben Million Dollar die weitere Arbeit der McLaren-Kommission.

Es geht um Sotschi 2014

Im neuen Bericht, der weltweit mit großer Spannung erwartet wird, konzentriert sich McLaren auf den staatlich organisierten Betrug bei den Winterspielen 2014 in Sotschi. Dort wurden gemäß Aussagen des Kronzeugen Grigori Rodschenkow, ehemals Leiter des sogenannten Antidopinglabors in Moskau und eben in Sotschi, unter Mitwirkung des Inlandsgeheimdiensts und des Sportministeriums die Proben gedopter russischer Sportler ausgetauscht. Mindestens 15 russische Medaillengewinner der Sotschi-Spiele sollen gedopt gewesen sein. McLaren hat Proben unter notarieller Aufsicht und mit forensischen Mitteln öffnen lassen.

Das IOC-Exekutivkomitee hat in dieser Woche vorsorglich die weichen Maßnahmen gegen Russland verlängert, die Ende Juli erlassen wurden. Damals sollten die olympischen Sommersportverbände binnen weniger Tage über die Zulassung russischer Sportler für Rio befinden - die Entscheidung fällte auf dieser Grundlage eine dreiköpfige Kommission, die mit zwei Bach-Parteigängern besetzt war, die kurz darauf zu IOC-Vizepräsidenten ernannt wurden: Juan Antonio Samaranch junior (Spanien) und Ugur Erdener (Türkei).

Als damalige Bach-Kritikerin gehörte Claudia Bokel zu dieser Kommission. Bokel musste sich inzwischen turnusgemäß als Athletensprecherin aus dem IOC und dem IOC-Exekutivkomitee verabschieden. Statt Bokel wurden unter anderem Wladimir Putins Lieblingssportlerin Jelena Isinbajewa und das bekennende Bach-Fangirl Britta Heidemann IOC-Mitglied. Isinbajewa hat in den vergangenen Monaten vehement die Wada und McLaren kritisiert. Nun ist sie zur Oberaufseherin der ebenfalls suspendierten russischen Anti-Doping-Agentur Rusada ernannt worden.

Wintersport vergibt Events weiter nach Russland

Analog zu den Abläufen im Sommer hat das IOC-Exekutivkomitee jetzt die sieben olympischen Winter-Fachverbände aufgefordert, auf Grundlage des McLaren-Berichts weitere Ermittlungen und gegebenenfalls disziplinarische Maßnahmen einzuleiten. Der Schweizer Gian Franco Kasper, Präsident des Ski-Weltverbands Fis und der Vereinigung der Wintersportverbände (AIOWF), hat zuletzt mehrfach öffentlich über weitere alarmierende Erkenntnisse und zahlreiche neue Dopingfälle im McLaren-Bericht orakelt.

Der Biathlon-Weltverband IBU hat kürzlich dennoch seine Weltmeisterschaft 2021 an die russische Stadt Tjumen vergeben. Die Wada hat der IBU inzwischen ein Ultimatum bis Januar gestellt, um die Umstände dieser Entscheidung zu klären. Im Februar 2017 finden auf der Olympiabahn in Sotschi die Weltmeisterschaften im Bob und Skeleton statt. Der dafür verantwortliche Weltverband IBSF wird vom Italiener Ivo Ferriani geführt und macht keine Anstalten, die WM zu verlegen.

Der russische Staatskonzern Gazprom zählt zu den Hauptsponsoren der IBSF. Im Juni 2016 hatte der vom Deutschen Josef Fendt geführte Rodel-Weltverband FIL die WM 2020 ebenfalls an Sotschi vergeben. Fendt sieht derzeit ebenfalls keinen Grund, die Entscheidung rückgängig zu machen. Sein Hauptargument: Bislang seien keine russischen Rodler des Dopings überführt.

"Nie Staatsdoping in Russland"?

Die Russen machen auf breiter Front Stimmung gegen McLaren und die Wada. Putins Sprecher Dmitri Peskow hat den betroffenen Sportlern die Unterstützung des Kreml zugesagt. Witali Tschurkin, Russlands Gesandter bei den Vereinten Nationen, fordert die UN auf, Maßnahmen gegen die angebliche Ungleichbehandlung von Sportlern zu ergreifen. Putin hat unlängst behauptet, Russland habe das effektivste Anti-Doping-Programm der Welt. Und Alt-Kader Witali Smirnow, ehemals IOC-Mitglied und Cheforganisator der Sommerspiele 1980 in Moskau, hat als Chef einer internen russischen Kommission dem IOC berichtet, es habe in Russland nie Staatsdoping gegeben.

McLaren wird das Gegenteil belegen. Ab Freitag werden die Rufe weltweit wieder lauter, das russische NOK von den Winterspielen 2018 in Pyeongchang (Südkorea) auszuschließen. Sportpolitisch mahlen die Mühlen allerdings langsam. IOC-Präsident Bach hat vorsorglich zwei weitere Kommissionen eingerichtet, die teilweise parallel zu McLaren arbeiteten und nun auf der Grundlage des Berichts agieren sollen: Der ehemalige Schweizer Bundesrat Samuel Schmid, gern für IOC-Aufgaben eingesetzt, leitet eine Kommission, die sich mit der Frage des Staatsdopings beschäftigt.

Das Schweizer IOC-Mitglied Denis Oswald agiert als Chef einer Disziplinarkommission zum Russland-Doping. Oswald hat vor Jahren auch eine IOC-Ermittlungsgruppe zum Telekom-Doping geleitet und routiniert einschlafen lassen. Welche politischen Fliehkräfte bereits wirken, lässt auch die Benennung von Schmid erahnen, denn der Franzose Guy Canivet trat gerade als Chef dieser Kommission zurück, angeblich aus privaten Gründen. In sportpolitischen Kreisen heißt es indes, dies könne mit der laufenden Olympiabewerbung von Paris für die Sommerspiele 2024 zusammenhängen. Mit den Russen will es sich niemand verscherzen.

Die Oberhoheit für das Dopingkontrollprogramm bei den Winterspielen 2014 in Sotschi hatte im Übrigen das IOC, nicht die Wada - wie auch bei den Sommerspielen 2008 in Peking und 2012 in London, zu denen noch immer die Disziplinarverfahren zu Dopern laufen, die bei den Nachtests dieses Jahrs enttarnt wurden. Von den knapp 10.000 Proben aus Peking und London hat das IOC allerdings nur 1.525 ausgewählte Proben analysieren lassen. Das IOC kontrolliert sich in einem intransparenten Verfahren quasi selbst. Dabei wäre es dringend angebracht gewesen, von einer unabhängigen Institution sämtliche eingefrorenen Proben untersuchen zu lassen.

Bislang wurden mehr als 100 positive Fälle bekannt, weitere folgen. Ein Drittel aller gedopten Athleten sind Russen, 80 Prozent aller Doper kommen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. IOC-Medizindirektor Richard Budgett kündigte am Mittwoch weitere positive Fälle aus London an. In diesem Jahr wurden bisher rund 50 Medaillen aberkannt und neu vergeben. Diese Zahl wird sich mit Vorlage des McLaren-Reports in Kürze erhöhen. Nun geht es um Sotschi.



insgesamt 32 Beiträge
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berndneumann 09.12.2016
1. Spitze
Was ist eigentlich aus den "Sondergenehmigungen" zu Medikamenten geworden, die kurz vor RIO amerikanischen Sportlern gegeben wurden ?
ackergold 09.12.2016
2.
Zitat von berndneumannWas ist eigentlich aus den "Sondergenehmigungen" zu Medikamenten geworden, die kurz vor RIO amerikanischen Sportlern gegeben wurden ?
Es handelt sich um Sondergenehmigungen. Was soll daraus geworden sein? Ich bin auch dafür, dass es keine Sondergenehmigungen mehr gibt und wer krank ist, kann eben an Wettkämpfen nicht teilnehmen. Für Kranke gibt es ja die Paralympics.
HeisseLuft 09.12.2016
3. Das ist doch etwas kurz
Als Übersicht über die Vorgänge: http://www.dw.com/de/chronologie-doping-in-russland/a-19408624
ackergold 09.12.2016
4. Immer noch grundgesetzlich garantierte freie Meinungsäußerung zum Thema:
Eines steht für mich felsenfest: Schöner als unter Bach kann man offene Korruption anscheinend nicht mehr feststellen. Allein schon die Personalpolitik, bei der wichtige Gremien nicht mit unabhängigen Leuten, sondern mit eigenen Leuten besetzt werden, spricht Bände. Ich denke, Herr Bach sollte von seinem Amt zurücktreten, damit endlich wirksam gegen Doping im Sport gekämpft werden kann. Ansonsten wird immer alles beim Alten bleiben. Wenn der Report heute wieder Staatsdoping in Russland feststellt, dann ist Russland für 50 Jahre vom IOC zu suspendieren. Nur so kann man es vielleicht lernen. Und bitte: komme mir niemand mit so dämlichen Beiträgen wie "die anderen dopen doch auch". Doping ist verboten und Staatsdoping heißt nichts anderes, als dass Doping gegen die Regeln des Sports von Staaten erlaubt und sogar unterstützt wird.
lesheinen 09.12.2016
5.
Für mich handelt es sich bei dem IOC um eine Organisation, die seit Jahren sehenden Auges Weltdopingspiele ausrichtet. Das wird auch so bleiben, dafür ist viel zu viel Geld im Spiel.
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