Triathlon-Champion Patrick Lange König von Hawaii

7:52:39 Stunden: Noch nie war jemand beim Ironman auf Hawaii schneller. Patrick Lange ist erneut der beste Langdistanzler der Welt - ihm gelang eine eindrucksvolle Antwort auf die Vorwürfe von Sebastian Kienle.

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Patrick Lange ging die letzten Meter im ruhigen Schritttempo. Er griff zum Zielband und hielt es wie einen Weltmeisterschaftsgürtel nach einem Boxkampf über seinem Kopf. Dann begann er zu tanzen, seine Kraft reichte auch noch für ein paar Sprünge.

Patrick Lange ist kein Boxer, kein Tänzer und kein Springer. Patrick Lange beherrscht drei andere Sportarten - der 32-Jährige ist der Sieger beim mythenumwehten Ironman auf Hawaii.

Der Triathlet hat die Weltmeisterschaft auf der Langdistanz gewonnen (3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen), wie bereits im Vorjahr. Nach 7:52:39 Stunden war der Deutsche im Ziel, vier Minuten vor Bart Aernouts (Belgien) und acht Minuten vor David McNamee aus Großbritannien. Das ist ein herausragendes Ergebnis, zumal vor dem Kanonenschlag zum Start eigentlich diese Regel galt: Eine Zeit von unter acht Stunden ist in den Lavafeldern von Big Island kaum möglich.

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Die heftigen Böen an der Küste und die Hitze verhindern Bestleistungen, die schweren Bedingungen verringern das Leistungsvermögen der Athleten. In der bisher 40 Jahre langen Renngeschichte ist niemand unter acht Stunden geblieben. Doch an diesem Renntag war es kühler als sonst, der Wind wehte nicht so stark. Patrick Lange nutzte die Bedingungen perfekt, die magische Grenze fiel. Auch der zweitplatzierte Aernouts blieb unter acht Stunden, was im großen Jubel um Lange beinahe unterging.

Langes Titelverteidigung war ein Psychospiel vorausgegangen. Sebastian Kienle hatte Lange in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" das auf Hawaii verbotene Windschattenfahren vorgeworfen: Lange teste die Grenzen oft aus und "er überschreitet sie". Der Titelverteidiger wies den Vorwurf zurück und kündigte eine Antwort auf der Strecke an.

Die Antwort fiel mit einer neuen Streckenbestzeit spektakulär aus. Lange hat seinen Vorjahrestitel - ohne bekannte Vorfälle auf der Radstrecke - souverän wiederholt. Für die deutschen Triathleten ist es der fünfte Hawaii-Erfolg in Serie, der neunte eines deutschen Athleten seit 1978. Deutschland dominiert die Ironman-Serie, Lange dominiert sie.

Einsames Rennen ab Kilometer 16

Seine Stärke wurde in diesem Jahr besonders deutlich. Auch, weil Jan Frodeno wegen einer Verletzung beim Saisonhöhepunkt ausfiel und nur als Fernsehexperte auf Hawaii auftreten konnte. Kienle hatte nach einer frühen Reifenpanne nichts mit dem Rennausgang zu tun. Der 34-Jährige gab ohne Siegchance und angeschlagen vor dem abschließenden Marathon auf. Lange stand alleine im Mittelpunkt und blühte dort auf.

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Schwimmen? Solide (50:37 Minuten). Fahrrad? Besser als erwartet (4:16:05 Stunden). Laufen? Überragend (2:41:32 Stunden). Das ist die Kurzbeschreibung von Langes Rennen. Hawaii ist oft ein Duell zwischen Radfahrspezialisten und Läufern, Kleinigkeiten entscheiden zwischen den Gruppen, oft sogar erst auf den letzten Kilometern. Dieses Duell fiel diesmal eher aus. Lange fing den schnellsten Radfahrer bereits bei Kilometer 16 ein. Kein anderer Läufer folgte ihm ernsthaft, Lange sprintete einsam und sicher ins Ziel. Der Erfolg war eine strategische Meisterleistung.

Die Abgeklärtheit von Lange verblüfft, in dieser Sportart besonders, wo Erfahrung doch so viel zählt. Der frühere Physiotherapeut ist zwar schon lange im Ausdauersport aktiv. Er gab aber erst 2016 seinen Beruf auf, um sich voll auf die Langdistanz und Profikarriere konzentrieren zu können. Langes Hawaii-Bilanz bisher: drei Teilnahmen, zwei Siege, einmal Bronze. Trainer Faris Al-Sultan, Hawaii-Champion von 2005, hat daran großen Anteil (Lesen Sie hier mehr zur aktuellen Dominanz der deutschen Triathleten.)

Ryf gewinnt erneut, Haug holt Bronze

Wie beim Deutschen geht auch der Sieg bei den Frauen auf kluge Planung zurück. Daniela Ryf (Lesen Sie hier ein Porträt der Weltbesten) gelang ihr vierter WM-Titel in Folge, weil sie sich schonte, zumindest mehr als sonst. Nach dem Hawaii-Erfolg im vergangenen Jahr soll die Schweizerin vor einem Burn-out gestanden haben, das ewig harte Training hatte die 32-Jährige müde gemacht. Die Konsequenz: Sie verordnete sich eine dreimonatige Auszeit. Diese Saison sollte ein Übergangsjahr werden. Eigentlich.

Schweizerin Daniela Ryf gewinnt bei den Frauen
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Schweizerin Daniela Ryf gewinnt bei den Frauen

Ryf griff schon dieses Jahr wieder voll an. Beim Radfahren auf Hawaii stellte sie einen neuen Streckenrekord auf (4:26 Stunden) - dieser liegt nun 18 Minuten unter der alten Bestmarke. Eine sensationelle Leistung, zumal ihr Rennen schlecht begann: Sie stieß beim Schwimmen im offenen Meer vor Big Island mit einer Feuerqualle zusammen, im Interview sprach sie später von starken Schmerzen. Als wären die Bedingungen auf Hawaii nicht hart genug. Doch Ryf biss sich durch, erreichte eine Gesamtzeit von 8:26:18 Stunden und ist nun endgültig eine Ironman-Legende, die ewig eiserne Lady. Bronze ging bei den Frauen an die starke deutsche Hawaii-Debütantin Anne Haug, Silber holte die Britin Lucy Charles.

Die Begeisterung für das Rennen löst auch der Wettkampf der Amateure aus. Hier sind fast ausschließlich Teilnehmer unterwegs, die im Berufsleben stehen und sich wöchentlich bis zu 15 Stunden im Training quälen. Viel Schufterei für den großen Traum von Hawaii, der auch noch ziemlich teuer ist. Reisen, Material, Teilnahmegebühren - das "Triathlon-Magazin" schätzt die Gesamtausgaben auf 20.000 Euro.

Das Niveau ist auch bei den Breitensportlern hoch, ein Beispiel: Der 43-jährige Jan Sibbersen stellte im Schwimmen einen neuen Streckenrekord auf (46:30 Minuten), kein Profi war auf Hawaii bisher schneller als der Altersklassenathlet. Zu den ersten Gratulanten dürfte der Hawaii-Sieger gehören: Sibbersen ist der Manager von Patrick Lange.

Schlechte Nachrichten für die internationale Konkurrenz

Wie geht es weiter? Lange, 32 Jahre, Kienle, 34, und Frodeno, 37, dürften auch im nächsten Herbst zu den Titelkandidaten zählen. Das deutsche Trio wird nicht jünger, im Ausdauersport sind aber auch Spitzenleistungen mit 40 Jahren denkbar, sagt der erfahrene Triathlon-Coach Dan Lorang dem SPIEGEL (Lesen Sie hier das Interview mit ihm).

Die Saison von Frodeno bestätigt diese Einschätzung weitestgehend. Der Olympiasieger von 2008 schien in diesem Jahr besonders stark, er gewann in Südafrika den WM-Titel über die Ironman-Halbdistanz. Dann trat eine Stressfraktur in der Hüfte auf, seine Saison war vorbei und der Traum vom dritten Hawaii-Titel zerplatzte. Diesen will sich Frodeno im kommenden Jahr erfüllen.

Sein größter Gegner heißt dann Patrick Lange. Der ging im Ziel auf die Knie und machte seiner Freundin einen Heiratsantrag. Die Uhr stand zu diesem Zeitpunkt bei 7:56 Stunden, der Zweitplatzierte war noch nicht angekommen.

Die Ironman-Distanz und ein Heiratsantrag plus Jawort in unter acht Stunden - auch das dürfte Weltrekord sein.



insgesamt 19 Beiträge
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quark2@mailinator.com 14.10.2018
1.
Tolles Rennen, super Ende ... aber leider irgendwie kein echter Hawaii Ironman, da eben Hitze und Wind ungewöhnlich niedrig waren. Diese Bestzeiten sind jetzt erstmal eingemauert, falls der Klimawandel die Bedingungen nicht permanent ändert. Die Straße wird auch von Jahr zu Jahr besser und vor allem können sich die Athleten nun fast ständig mit Eis runterkühlen. Das ist eine unglaubliche Hilfestellung, die natürlich alle Bestzeiten von früher nahezu zwangsweise vernichtet. Dazu kommen dann die immer weiter optimierten Räder und Schuhe ... ist wie beim Schwimmen. Es ist geradezu irre und von der Couch auch absurd, aber das Rennen fängt an, irgendwie zu leicht auszusehen :-). An der Spitze gab es wenig echte Dramatik, bis auf Platz 3 bei den Frauen. Da werden 8 Stunden ziemlich lang.
kle242 14.10.2018
2. Sehr schön!
Tolle Leistung von Patrick Lange und den anderen Athleten. Ich hab es live geguckt. Der Artikel ist sehr gut geschrieben, vielen Dank für diesen schönen Bericht!
klaus.beuse 14.10.2018
3. @quark2
"Tolles Rennen, super Ende ... aber leider irgendwie kein echter Hawaii Ironman, da eben Hitze und Wind ungewöhnlich niedrig waren." Es galten doch für alle Teilnehmer die gleichen klimatischen Bedingungen, oder?!
moritz27 14.10.2018
4. Laut Fernsehliveberichterstattung
wurde die Streckenführung gegenüber den Vorjahren etwas geändet. Es musste daher auf jeden Fall einen neuen Streckenrekord (logisch, auf einer neuen Strecke erstmals) geben.
Affenhauptmann 14.10.2018
5. Gratulation Patrick und Anne
Zitat von moritz27wurde die Streckenführung gegenüber den Vorjahren etwas geändet. Es musste daher auf jeden Fall einen neuen Streckenrekord (logisch, auf einer neuen Strecke erstmals) geben.
Ich bin selbst ein Ironman und darum erstmal herzlichen Glückwunsch an Patrick Lange, Anne Haug und überhaupt an alle Finisher, die sich ja mit tollen Rennen qualifiziert haben. Apropos qualifiziert: kein qualifizierter Satz ist dieser hier: "wurde die Streckenführung gegenüber den Vorjahren etwas geändet. Es musste daher auf jeden Fall einen neuen Streckenrekord (logisch, auf einer neuen Strecke erstmals) geben." Die Strecke wurde am Alii Drive leicht modifiziert, ist aber weder schwerer noch leichter geworden und vor allem immer noch 42195m lang. Die Aussage ist also völliger Quark - was mich zum ersten Beitrag bringt: es sieht also leicht aus??? Wenn sie jemals ohne Vorbelastung und bei bestem Wetter einen Marathon unter 3:00 gelaufen sind, melden sie sich nochmal. Ansonsten sollte man lieber schweigen und diese fantastischen Leistungen würdigen.
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